Nach Mord an russischem Botschafter Erdogan und Putin beschwören Einigkeit

Die Türkei und Russland haben gerade erst den Waffenstillstand in Aleppo ausgehandelt. Nun stellt das Attentat auf Botschafter Andrej Karlow das Verhältnis beider Länder auf eine Belastungsprobe.

Putin und Erdogan in Istanbul (Oktober 2016)
REUTERS

Putin und Erdogan in Istanbul (Oktober 2016)

Von , Istanbul


Die Erklärungen gleichen sich zum Teil bis aufs Wort: Von einer "Provokation" und von "Terror" sprachen sowohl der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wie auch sein russischer Amtskollege Wladimir Putin. Und beide waren sich nach einem gemeinsamen Telefonat einig, dass der Mordanschlag auf den russischen Türkei-Botschafter Andrej Karlow die "Normalisierung" der türkisch-russischen Beziehungen nicht gefährden dürfe.

Karlow war am Montag um 19.05 Uhr bei der Eröffnung einer Fotoausstellung in Ankara niedergeschossen worden. Er erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Der Täter war nach Behördenangaben ein Polizist aus Ankara: Mert A., geboren 1994, seit 2014 im Sondereinsatzkommando im Dienst. Sein Motiv war offenbar Russlands Militäreinsatz in Syrien. Augenzeugen berichten, A. habe nach dem Angriff "vergesst Syrien nicht, vergesst Aleppo nicht" gerufen und: "Wer an dieser Gräueltat teilnimmt, wird dafür bezahlen!"

Noch sind etliche Fragen offen: Hat der Schütze alleine gehandelt? Warum konnte er eine Waffe in die Galerie schmuggeln? Wussten die Kameraden in seiner Einheit von seiner Radikalisierung? Und falls ja, warum haben sie nichts dagegen unternommen?

Sicher ist, dass der Mord das Verhältnis zwischen Russland und der Türkei auf eine Belastungsprobe stellt.

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Fotostrecke: Schüsse in Ankara

Die beiden Staaten standen vor etwa einem Jahr schon einmal kurz vor einem Krieg. Ein türkischer Soldat hatte im November 2015 einen russischen Kampfjet im türkisch-syrischen Grenzgebiet abgeschossen. Putin kündigte Vergeltung an, verhängte Sanktionen gegen Ankara und wies russische Touristen an, die Türkei zu meiden. Seit sich Erdogan jedoch im Sommer für den Zwischenfall entschuldigt hat, zelebrieren beide Parteien Einigkeit.

Zwar verfolgen Russland und die Türkei in Syrien nach wie vor unterschiedliche Interessen: Putin protegiert mit allen Mitteln das Regime von Diktator Baschar al-Assad, Erdogan unterstützt die Rebellen, darunter radikale Islamisten. In den vergangenen Monaten aber scheint sich Ankara zunehmend mit dem Kräfteverhältnis in Syrien arrangiert zu haben.

Erdogans Priorität ist nicht länger der Sturz Assads, sondern der Kampf gegen die Kurden. Gerade erst haben die Türkei und Russland einen Deal zur Evakuierung von Teilen Aleppos ausgehandelt. "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass in Syrien gegenwärtig Putin und Assad das Spiel bestimmen", sagte ein hochrangiger türkischer Beamter im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Video über das Attentat in Ankara

Beobachter glauben, dass die Ermordung Karlows die Annäherung zwischen den beiden Ländern nun abermals beeinträchtigen könnte. Der 19. Dezember erschwere Putin die Zusammenarbeit mit Aleppo, prophezeit Soner Cagaptay vom Washingtoner Institut für Nahost-Politik. Das Magazin "Foreign Policy" warnt vor einer Konfrontation zwischen Russland und der Türkei, möglichen Cyberangriffen, einem Kollaps des Waffenstillstands in Aleppo.

Wahrscheinlich ist eher, dass die autoritären Herrscher in Moskau und Ankara ihre Kooperation uneingeschränkt fortsetzen.

Die türkische Regierung war am Donnerstagabend um Schadensbegrenzung bemüht. Erdogan sprach in dem Telefonat mit Putin Russland sein Beileid aus. "Wir verurteilen den Terrorakt gegen unseren Freund, Russlands Botschafter Karlow. Wir werden nicht zulassen, dass diese Attacke einen Schatten auf die türkisch-russische Freundschaft wirft", sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu.

Und auch Moskau scheint derzeit kein Interesse an einer erneuten Konfrontation mit der Türkei zu haben. Ein Treffen zwischen den Außenministern Russlands, Irans und der Türkei soll am Dienstag wie geplant in Moskau stattfinden.

Putin hat mit der Eroberung Aleppos ein wichtiges Kriegsziel erreicht. Für den russischen Präsidenten gibt es gerade keinen Anlass, neue Fronten zu eröffnen.

Mitarbeit: Eren Caylan



insgesamt 41 Beiträge
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jimbofeider 20.12.2016
1. Erdogan
und Putin wollen ihren Ländern zu neuer Größe und Geltung führen, das hält sie zusammen und läßt sie über jedwede "Vorfälle " hinwegsehen.Vorerst jedenfall mal.
imernst2015 20.12.2016
2. Putin und Erdogan
Putin und Erdogan verfügen beide über einen messerscharfen Sinn und werden diesen feigen Anschlag nicht hochkochen lassen. Vieles spricht dafür dass dieser Anschlag die Beziehungen beider Länder belasten soll, die Frage die sich stellt ist wer die Verantwortung dafür hat.. Gülen? Westliche Geheimdienste? PKK?
Joe Amberg 20.12.2016
3. Zwei Grosskriminelle...
...beschwören ihr Einigkeit. Ihre Einigkeit in Abschaffung des Rechtsstaates und der Medienfreiheit, in der Ausplünderung ihrer Staaten und in der rücksichtlosen Unterdrückung aller Gegner. Und als Schmankerl oben drauf gibt es fast täglich noch ein Kriegsverbrechen dazu. Gratulation! Es ist Weihnachten!
omanolika 20.12.2016
4. falsche Spielchen?
Vielversprechenden Partnern kann man sowas verzeihen, und sich von derart unschönen Vorfällen mental befreien, denn die richtig guten Partner bringen einen halt zum Ziel, und so läuft es eben eine Zeit lang, dieses falsche Spiel... Jetzt stelle man sich nur mal vor, was los wäre, wenn der türkische Botschafter in Berlin sein Leben verlor, ja dann wäre vorbei "der Spaß", denn im falschen Spiel misst man ja ganz entspannt mit zweierlei Maß...
uffta 20.12.2016
5. Beileid
Mein Beileid an Karlows Angehörigen!
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