Erdogan bei Putin "Mein geschätzter Freund"

Monatelang hagelte es Beleidigungen, nun scheint alles gut. Erdogan und Putin treiben die russisch-türkische Annäherung massiv voran. Beim Treffen in Sankt Petersburg zeigte sich aber auch: In einem Punkt sind sich die beiden spinnefeind.
Präsidenten Erdogan (links), Putin

Präsidenten Erdogan (links), Putin

Foto: ALEXANDER NEMENOV/ AFP

Russland und die Türkei haben nach monatelangem Streit einen Neuanfang vereinbart. Das sagten Kreml-Chef Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach einem Treffen in Sankt Petersburg. "Wir wollen die Wiederherstellung der Beziehungen mit der Türkei in vollem Umfang", sagte der russische Präsident.

Warum waren die Beziehungen belastet?

Die Türkei hatte Ende November einen russischen Kampfjet abgeschossen. Moskau verhängte daraufhin Sanktionen gegen Ankara. Das Treffen in Putins Heimatstadt Sankt Petersburg sollte das Verhältnis nun wieder festigen. Zuvor hatte Erdogan Ende Juni den Abschuss bedauert und damit den Weg für den Neustart der Beziehungen freigemacht.

Putin nannte den Vorfall erneut eine "Tragödie". Aber die Wiederaufnahme der Beziehungen sei im Interesse des türkischen wie des russischen Volkes. Erdogan sagte: "Ich glaube daran, dass wir mit diesem Schritt und zukünftigen Schritten in eine ganz andere Phase eintreten." Nach dem monatelangen Austausch von Beleidigungen nannte Erdogan Putin nun vor laufenden Kameras zweimal "mein geschätzter Freund."

Welche Rolle spielt der Putschversuch in der Türkei?

Für Erdogan war der Besuch in der früheren Zarenmetropole die erste Auslandsreise seit dem Putschversuch vom 15. Juli. Putin stärkte seinem türkischen Kollegen demonstrativ den Rücken. Russland verurteile jeden Versuch verfassungswidriger Umstürze, sagte er.

Erdogan sagte, Putins Rückendeckung habe "unser Volk glücklich gemacht". Der türkische Präsident kritisierte dagegen die angeblich mangelnde Solidarität des Westens.

Welche Wirtschaftspläne haben die beiden?

Wegen der diplomatischen Verstimmungen war das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern in den ersten fünf Monaten des Jahres um 43 Prozent auf 5,5 Milliarden Euro gesunken. Da Moskau alle Charterflüge für russische Touristen ins Urlaubsland Türkei stoppte, brach die Zahl der russischen Urlauber im Juni um 93 Prozent im Vergleich mit dem Vorjahresmonat ein.

An diesem Dienstag berieten die Staatschefs zunächst zwei Stunden lang im kleinen Kreis. Dann kamen die Delegationen dazu, darunter die für Energie zuständigen Minister. Erdogan sagte, die Gasleitung Turkish Stream durch das Schwarze Meer solle rasch gebaut werden, um die Türkei und Europa mit russischem Gas zu versorgen.

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Erdogan trifft Putin: Gas, Tomaten und ein Atomkraftwerk

Foto: AP/ RIA-Novosti/ Presidential Press Service

Die Türkei erhoffte sich von dem Treffen ein Ende von Sanktionen. Darunter fällt unter anderem der russische Importstopp für Obst und Gemüse. Dieses Embargo könnte bis zum Jahresende aufgehoben werden, sagte der russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew. Putin ergänzte, auch beim Tourismus sei es nur eine Frage der Zeit, den bisher rückläufigen Trend wieder umzukehren.

Was ist mit dem Syrienkrieg?

Das ist definitiv der schwierigste Punkt bei den Gesprächen. Zu den Delegationen gehörten auch ranghohe Militärs und Geheimdienstler, die mit dem Krieg in Syrien befasst sind. Russland unterstützt in Syrien Präsident Baschar al-Assad, die Türkei fordert seinen Abschied. "Demokratische Änderungen in Syrien sind nur mit demokratischen Mitteln zu erreichen", sagte der Kreml-Chef. Übersetzt heißt das wohl: Solange Assad nicht offiziell abgewählt ist, bleibt er Präsident.

Bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz äußerten sich die beiden Staatschefs allerdings nicht konkret zum Syrienkonflikt. Putin erklärte lediglich, beide Seiten seien bereit, eine friedliche Lösung zu suchen.

Wie reagiert der Westen?

Die türkische Führung versuchte vor der Reise Sorgen zu zerstreuen, Erdogans Besuch könnte eine Abkehr des Nato-Landes von Europa bedeuten. "Nur weil man Putin besucht, bedeutet das nicht, dass man sich von der EU abwendet", hieß es aus Regierungskreisen.

Die Bundesregierung begrüßte sogar das Treffen der Präsidenten. Die Wiederannäherung sei wichtig, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier der "Bild"-Zeitung. "Gleichzeitig glaube ich nicht, dass das Verhältnis zwischen beiden Ländern so eng wird, dass Russland der Türkei eine Alternative zur Sicherheitspartnerschaft der Nato bieten kann."

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte: "Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Türkei genau weiß, auf welche Seite sie gehört." Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), sagte im RBB: "Ohne ein Minimum an Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland" werde es im Syrienkonflikt keine Lösung geben.

Auch die Nato sieht in der Wiederannäherung zwischen der Türkei und Russland offiziell keine besorgniserregende Entwicklung. "Generalsekretär Jens Stoltenberg hat wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass es für die Nato wichtig ist, dass Kommunikationskanäle mit Russland offen gehalten werden", sagte eine Sprecherin.

Kritischer äußerte sich der Historiker Michael Wolffsohn. Nach seiner Ansicht will Putin einen Keil zwischen die Türkei und den Westen treiben. Durch die angestrebte Annäherung wolle Putin "natürlich" die EU und die Nato schwächen, sagte der Publizist und Nahostexperte.

Wie geht es nun weiter?

Putin bezeichnete das Gespräch mit Erdogan als konstruktiv und offen. Beide Seiten seien willens, die Krise zu überwinden. Die Rückkehr zu einer normalen Kooperation mit Ankara werde aber einige Zeit in Anspruch nehmen. "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen wiederzubeleben", sagte Putin.

Auch Erdogan bekräftigte seinen Willen zu einer Normalisierung des Verhältnisses: "Wir werden unsere Beziehungen auf die frühere Ebene und sogar darüber hinaus heben. Beide Seiten sind entschlossen und haben den nötigen Willen."

Putin und Erdogan im Video:

SPIEGEL ONLINE
wal/Reuters/dpa/AFP