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06. Juli 2016, 16:07 Uhr

Moskaus Versöhnung mit der Türkei

Wie frisch verliebt

Von , Moskau

Eiszeit? Welche Eiszeit? Moskau und Ankara versöhnen sich gerade in atemberaubendem Tempo. Schon träumen die Rechtsausleger des Kreml davon, die Türkei der Nato abspenstig zu machen.

Manchmal kann es nützlich sein, wenn die Anhänger offenbar über kein nennenswertes Langzeitgedächtnis verfügen. Russlands Nationalistenführer Wladimir Wolfowitsch Schirinowski vermag es schließlich wie kein Zweiter, die jähen Kurswechsel in der Außenpolitik des Kreml zu verteidigen.

Kaum hatte die Türkei Ende November 2015 einen russischen Kampfjet im Grenzgebiet zu Syrien abgeschossen und der Kreml Strafmaßnahmen beschlossen, ließ Schirinowskis Partei Anhänger vor der türkischen Botschaft in Moskau aufziehen. Die Demonstranten warfen Tomaten gegen die Fassaden und Steine in die Fenster. Im Fernsehen nannte Schirinowski den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einen "türkischen Hitler".

Das ist lange vergessen. Seit sich Erdogan nun doch zu einer Entschuldigung durchgerungen hat, nähern sich Moskau und Ankara im Eiltempo an. Kreml-Chef Wladimir Putin hat innerhalb weniger Tage den Einfuhrstopp für türkische Waren wieder aufgehoben. Der Reiseanbieter TEZ schickt schon seit dem 1. Juli bereits wieder russische Urlauber nach Antalya. Innerhalb weniger Tage hat die Türkei sich erneut an die Spitze der Liste der beliebtesten Urlaubsziele der Russen gesetzt.

Nach dem Abschuss des Kampfjets hatte der Kreml Charterflüge in die Türkei verboten. Angeblich nicht als Vergeltung, sondern ausschließlich "aus Bedenken um die Sicherheit" der russischen Urlauber.

Man spricht wieder miteinander

Die Terroranschläge in der Türkei häufen sich zwar derzeit, zuletzt starben Dutzende Menschen bei einem Angriff auf den Flughafen Istanbul. Trotzdem hat der Kreml seine Sicherheitsbedenken vergessen. Und Schirinowski? Verlässt sich mal wieder auf das löchrige Langzeitgedächtnis seiner Anhänger. Flugzeug hin, "türkischer Hitler" her: Die Türkei werde nun ganz sicher bald "aus der Nato austreten, der (russisch geführten, d. Red.) Zollunion beitreten und uns näher sein als das brüderliche Weißrussland". Das werde den Westen zur Weißglut bringen, so seine Prognose.

Das ist womöglich etwas viel des Guten. Die Türkei und Russland haben in der Vergangenheit zwölf Kriege miteinander ausgefochten, der Kalte Krieg zwischen dem Nato-Mitglied Türkei und Russland ist da noch gar nicht mitgezählt. Beide Länder sind regionale Rivalen: im Schwarzen Meer, im Kaukasus, im Nahen Osten.

Und doch führen sich beide Seiten derzeit auf, als seien sie frisch verliebt.

Ende Juni sprachen Erdogan und Putin 40 Minuten per Telefon - erstmals seit mehr als einem halben Jahr. Der Kreml hatte zuvor Anrufe aus Ankara demonstrativ nicht beantwortet. Kurz darauf reiste der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu in die russische Schwarzmeerstadt Sotschi. Dort plauschte er mit "unseren russischen Freunden" und "meinem Freund Sergej", gemeint war Russlands Außenminister Sergej Lawrow.

Die Präsidialverwaltungen der beiden Staatsoberhäupter arbeiten zudem mit Hochdruck daran, einen Termin für ein Treffen von Erdogan und Putin zu finden. Im Umfeld des G20-Gipfels im September in China könnte es klappen, vielleicht aber auch schon früher, heißt es. In den türkisch-russischen Beziehungen scheint auf einen Schlag fast alles wieder möglich.

Mögliche Auswirkungen auf ein Nato-Projekt

Wie die Moskauer Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta" aus diplomatischen Kreisen erfahren haben will, verhandeln beide Seiten derzeit darüber, ob Ankara Moskaus Flugzeugen den Überflug über türkisches Territorium gewährt. Das würde Versorgung und Nachschub der russischen Luftwaffenstützpunkte in Syrien deutlich erleichtern. Bislang muss die russische Luftwaffe den türkischen Luftraum weiträumig über Aserbaidschan und den Irak umfliegen.

Die Erneuerung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und der Türkei könnte sich auch auf ein Nato-Projekt auswirken. Rumänien hatte plädiert, die Allianz solle dauerhaft Kriegsschiffe in das Schwarze Meer entsenden. Ohne aktive Unterstützung der Türkei ist das Vorhaben kaum umsetzbar.

Der Moskauer Türkei-Kenner Pawel Schlykow vermutet, die angespannte innenpolitische Lage habe Erdogan dazu bewogen, Moskau entgegenzukommen. Die Militäroperationen gegen die Kurden im Osten des Landes und Terroranschläge des "Islamischen Staats" hätten "die Türkei endgültig in ein Land im Kriegszustand verwandelt", so Schlykow.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres kamen bei 49 Anschlägen in der Türkei mehr als 250 Menschen ums Leben. Ankara hat deshalb die Militärausgaben verdoppelt.

In einer solchen Lage kann man jeden Freund gebrauchen.


Zusammengefasst: Gerade herrschte noch Eiszeit zwischen Moskau und Ankara - jetzt wird heftig geturtelt. Der Tourismus in der Türkei läuft dank des russischen Rubels wieder, und schon deutet sich ein Treffen zwischen Erdogan und Putin an. Doch auch militärisch hat diese Annäherung erhebliche Auswirkungen.

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