"Direkter Draht mit Wladimir Putin" Ausweichmanöver, stundenlang

Der Präsident gibt sich volksnah: In der TV-Show "Direkter Draht mit Wladimir Putin" sollen die Bürger zu Wort kommen. Löhne, Müllabfuhr, Kindergeld - Putin spricht über alles. Und weicht doch immer nur einer Frage aus.

ALEXEY NIKOLSKY/SPUTNIK/KREMLIN POOL/EPA-EFE/REX

Von , Moskau


Viereinviertel Stunden lang spricht Russlands Präsident zu seinem Volk, in seiner traditionellen Fernsehshow namens "Direkter Draht mit Wladimir Putin". Und viereinviertel Stunden weicht Putin der wichtigsten Frage aus, die das Ausland an ihn hat: Wie geht Russland mit der jüngsten Anklage im Fall MH17 um?

Das Kürzel steht für den Flug einer malaysischen Boeing, die 2014 über dem ukrainischen Donbass abgeschossen wurde, und für die 298 Toten damals, die meisten von ihnen Niederländer. Am Mittwoch hat die niederländische Staatsanwaltschaft vier Männer offiziell als Verdächtige genannt, an erster Stelle den russischen Ex-Geheimdienstoffizier Igor Girkin; eine internationale Ermittlergruppe hat dabei klargemacht, dass die reguläre russische Armee in den Abschuss verwickelt war.

Putin hatte seine Show beendet und war schon dabei, das improvisierte Fernsehstudio zu verlassen, als Journalisten ihm doch noch eine Aussage abrangen. Sie war so erwartbar wie enttäuschend. Er habe "überhaupt keine Beweise" gesehen, sagte er, außerdem habe Moskau "seine eigene Version" des Tathergangs. Das ist freilich untertrieben, denn Moskau hat nicht eine, sondern viele Versionen vorgebracht, um seine Verantwortung für den Abschuss von Flug MH17 zu leugnen.

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DPA

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"Wer hat denn die Flüge über einem Kampfgebiet erlaubt? Russland etwa? Nein. Und wo waren die Kampfflugzeuge?", fragte Putin. Es war offenbar eine Anspielung auf die zwischenzeitlich von Moskau behauptete (und längst widerlegte) These, ein ukrainisches Militärflugzeug habe die Boeing abgeschossen.

Flucht vom düsteren Einzelfall ins heitere Bild der Statistik

Man kann aus Putins salopper Art, mit dem Fall MH17 umzugehen, zweierlei schließen. Zum einen will er dem Fall wenig Raum in der russischen Öffentlichkeit geben. Und zum anderen interessiert er die Russen auch kaum. Die Fernsehshow, die auf sechs nationalen Fernsehkanälen live übertragen wird, soll auf Fragen der Bevölkerung antworten, es wurden 1,5 Millionen davon bis zum Beginn der Show gesammelt.

Die Russen beschäftigt derzeit ohnehin weniger die internationale Agenda als die schlechte Wirtschaftslage. Seit 2013 sinken die verfügbaren Realeinkommen. Darum drehten sich offenbar auch die meisten Fragen. "Es reicht den Leuten nicht für das Nötigste - für Essen und Kleider", sagt eine Moderatorin gleich zu Beginn vor einer Schalte zu einem Feuerwehrmann in der Region Kaliningrad.

Als Kommandeur einer Wache verdiene er gerade mal 16.000 Rubel, klagt der Mann. Das sind umgerechnet 225 Euro. Putin reagiert, wie er es in diesen Fällen meist tut: Er flüchtet vom düsteren Einzelfall in das heitere Bild der offiziellen Statistik. Dort weiß er sich in Sicherheit. Der Durchschnittslohn in Russland, sagt Putin frohgemut, betrage offiziell 48.500 Rubel (681 Euro).

Nach den niedrigen Löhnen handelt die Show die anderen Negativthemen ab, die die russische Öffentlichkeit beschäftigen: das Gesundheitswesen mit seinen Wartezeiten, die ungelöste Frage der Müllentsorgung. Derzeit wird in Nordrussland gegen Deponien für Moskauer Abfälle protestiert - Proteste, die das Fernsehen weitgehend verschweigt.

Kritische Fragen verschwinden nach wenigen Sekunden

Dann allerdings geht es zu freundlicheren Themen, in loser Folge: Gefangene Wale im Pazifik (sie sollen ausgewildert werden), eine junge Mutter bei Moskau (sie soll mehr Kindergeld erhalten, bisher sind es nur rund 70 Cent je Monat), eine Flugschülerin der Armee (sie soll künftig auch Kampfflugzeuge fliegen dürfen, "jedenfalls wenn ihr bezaubernder Zopf in den Fliegerhelm passt", wie Putin formulierte).

Zusammen mit dem Präsidenten saß im Studio wie immer ein kleines Publikum aus Putin-loyaler Prominenz - Leute wie Dirigent Walerij Gergijew, Fußballtrainer Stanislaw Tschertschessow, aber auch die Chefin des Internetkonzerns Yandex. Sie repräsentieren gewissermaßen das Volk, das sich an diesem Tag mit dem Präsidenten eins wissen soll.

Die Inszenierung ist eingeübt, es handelte sich bereits um die 17. Fernsehshow in Putins Karriere. Dazu gehört auch, dass die per Smartphone-App oder SMS eingehenden Fragen direkt auf den Bildschirm projiziert werden, darunter auch kritische - allerdings verschwinden sie nach wenigen Sekunden. Das lockert die künstliche Atmosphäre auf.

Wer sich aber Signale einer Liberalisierung von Putin erhofft hatte (etwa eine Liberalisierung der drakonischen Drogengesetzgebung), wurde enttäuscht. Und zur Außenpolitik äußerte sich Putin ungewöhnlich knapp. Ein möglicher US-Militäreinsatz gegen Iran wäre "eine Katastrophe", sagte er, und gab sich frustriert über den neuen Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj. Wie feindselig der sich zum Konflikt im Donbass und zu Russland äußere, das sei "nicht lustig", sagte ein selbstgerechter Putin - es war eine Anspielung auf Selenskyjs Vergangenheit als TV-Komiker.

Multimedia-Spezial

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Igor Girkin sei Geheimdienstoffizier. Tatsächlich ist er ehemaliger Geheimdienstoffizier. Wir haben die Stelle korrigiert.



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