Wladimir Schirinowski Der Clown im Wolfspelz
Moskau - Sobald die gepanzerte Staatslimousine von Wladimir Schirinowski anhält, gehen alle in Habacht-Stellung. Der "Woschd", übersetzt "der Führer", rückt an. So nennen seine Anhänger den Vorsitzenden der Liberaldemokratischen Partei Russlands (LDPR). Schon Josef Stalin hat sich so betiteln lassen.
Ein breitschultriger, glatzköpfiger Leibwächter springt vom Beifahrersitz auf, hält Schirinowski die Autotür auf. Zwei schlaksige junge Helfershelfer holen Flugzettel und Parteiprogramme aus dem Kofferraum. Russische und ausländische Journalisten zücken die Mikrofone. Sie alle wissen: Wenn Schirinowski in den Wahlkampf zieht, seine geballte Faust erhebt und mit Worten um sich schießt, ist jeder seiner Sätze eine Kampfansage.
Schirinowski wettert gegen alles und jeden: In einem hautengen schwarzen Batman-Kostüm rapt er mit einer HipHop-Gruppe gegen Drogendealer und Sowjet-Nostalgiker - oder er zettelt Prügeleien im Parlament an. Wenn er nicht mit ausfallenden Worten die Kommunisten anschreit oder Polizisten bei einer Straßenkontrolle als Banditen beschimpft, sucht er seine Feinde im Ausland: Die Briten hätten die Revolution von 1917 angezettelt genauso wie den Krieg in Tschetschenien. Die USA würden von Georgien aus den Kaukasus, den kaspischen Raum und den Nahen Osten kontrollieren und die weltweiten Ölreserven in Beschlag nehmen. Die Chinesen hätten die Absicht, Sibirien und den fernen Osten Russlands zu erobern. In der Welt von Wladimir Schirinowski gibt es viele Bösewichte und unter all diesen brüstet er sich dann als Saubermann.
Der Provokateur umgibt sich gern mit den Feinden des Westens, etwa einst mit dem Diktator Saddam Hussein, den er in Bagdad besuchte. Der eigentliche Alleinherrscher seiner Liberaldemokratischen Partei hat sich kürzlich einen in Russland populären zweiten Mann zur Seite gestellt: Andrej Lugowoi, den die britischen Behörden verdächtigen, den Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in London mit radioaktivem Polonium vergiftet zu haben. "Seht her, das ist ein echter russischer Patriot", preist ihn Schirinowski und provoziert damit einmal mehr seinen derzeitigen Lieblingsfeind Großbritannien. London fordert die Auslieferung von Lugowoi. Der angebliche Ex-Agent und heutige Unternehmer in der Sicherheitsbranche ist der optimale Kandidat, um den drögen Wahlkampf in Russland mit anti-westlichen Parolen aufzupeppen. Gleichzeitig wird er als zukünftiger Parlamentsabgeordneter strafrechtliche Immunität genießen. Seine Auslieferung ist damit nicht mehr möglich.
"Russlands erster Staatsclown"
Der Demagoge Schirinowski hat mit seinen rhetorischen und mitunter auch handgreiflichen Ausfällen in den 18 Jahren seiner Politikerkarriere international für viele Schlagzeilen gesorgt: Als "Russen-Hitler" bezeichnete ihn die "Bild"-Zeitung. "Russlands ersten Staatsclown" nannte ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
Der 61-jährige Jurist und Doktor phil. ist seit 1989 Vorsitzender der Liberal-demokratischen Partei Russlands, die weder liberal noch demokratisch ist. Aus westlicher Sicht gehört die LDPR ins ultranationalistische oder rechtskonservative Lager, auch wenn Schirinowskis Ideologie nicht rassistisch ist. Als Sohn eines polnischen Juden und studierter Orientalist, der fließend Türkisch spricht, macht er sich für ein russisches Imperium stark, das sämtliche Turkvölker südlich von Russland integriert. "Der letzte Sprung nach Süden" ist der Titel seines politischen Pamphlets, das in den neunziger Jahren für Wirbel sorgte. Darin zeichnete er seine Vision, in welcher der russische Soldat "seine Stiefel im Indischen Ozean waschen" werde. Auch zu den diesjährigen Parlamentswahlen hat er wieder eine 50-seitige Broschüre verfasst, die er stolz auf der Pressekonferenz bei der Zeitung "Argumenty i Fakty" verteilt. "LDPR die russische Macht" heißt sie. Schirinowskis Wahlslogan auf den Plakaten lautet: "Nicht lügen sich nicht fürchten!". Auch auf diesen Postern hat er seine Hand zur Faust geballt.
Die LDPR brüstet sich damit, die erste "liberale" Partei Russlands zu sein. Schirinowski gründete sie 1989 noch zu Sowjetzeiten. Sie hat nach eigenen Angaben 500.000 Mitglieder und ist in allen Bundesländern der Russischen Föderation vertreten. In ihrem 47 Seiten umfassenden Parteiprogramm zielt die LDPR darauf ab, ein russisches Imperium ohne Sowjetnostalgie zu errichten: Eine starke Armee solle wieder her, damit Russland nicht untergehe.
Um seine Bedrohungsszenarien zu unterstreichen hebt der Scharfmacher während seiner Hasstiraden auf der Pressekonferenz in Moskau warnend den Zeigefinger, haut mit der Faust auf den Tisch und holt zwischendurch tief Luft, bevor er loslegt: "Das sind doch alles Idioten!", zieht er etwa über seine Wahlkampfgegner her. Der Vorsitzende der Kommunisten, Gennadij Sjuganow, sei ein Marxist. Und Boris Gryslow von der Putin-Partei "Einiges Russland" und Sergej Mironow von der Partei "Gerechtes Russland" seien "Kremlowskis", wie er die Politmarionetten des Kremls nennt.
Dabei ist er selbst einer dieser Hampelmänner, die der Kreml installiert hat um die Parteienlandschaft aufzuwirbeln. Als ehemaliger Offizier der Sowjetarmee und juristischer Berater einer KGB-Propagandaeinheit steht Schirinowski nach wie vor im Dienst des Inlandgeheimdienstes, auch wenn er dies bestreitet. Als ultranationalistisches, radikales Schreckgespenst spielt der dreifache Präsidentschaftskandidat das Enfant terrible der russischen Politszene.
Schirinowski ist der Albtraum aller, die auf Demokratie in Russland hoffen
Im Westen hat dies den gewünschten Erfolg: Schirinowski ist der personifizierte Albtraum aller, die auf eine demokratische Entwicklung in Russland hoffen. Dagegen kann Kreml-Chef Wladimir Putin wie einst sein Vorgänger Boris Jelzin als liberaler Demokrat glänzen. Noch dazu dienen die imperialistischen Parolen als innenpolitische Strategie, der nach wie vor starken Kommunistischen Partei Stimmen zu rauben. Auch bei den Parlamentswahlen im Dezember 2003 lieferte sich die LDPR ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Kommunisten und zog mit mehr als 11 Prozent ins Parlament ein. Dass die Partei den Sprung über die Sieben-Prozent-Hürde bei den diesjährigen Duma-Wahlen schafft, ist allerdings nicht sicher.
Blitzableiter für den Frust der einfachen Russen
Seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im März nächsten Jahres hat der Demagoge bereits angekündigt. Dementsprechend wettert Wladimir "Wolfowitsch" Schirinowski einerseits gegen die Politik Putins. In der Duma aber stimmt er stets Kreml-konform ab. Mit seinen simplen Parolen "gegen den schmutzigen, perversen Kapitalismus" ist er der Blitzableiter für den Frust der einfachen Russen, die mit so vielem unzufrieden sind.
Mit nationalistischen und imperialistischen Losungen hat Schirinowski seine Partei als Auffangbecken der rechtskonservativen Wähler etabliert. Die haben in ihm nicht nur eine aufmüpfige und erfolgreiche "Führerfigur" gefunden, sondern die LDPR spielt im Vergleich zu den rechtsradikalen Splittergruppen erfolgreich seit 18 Jahren im limitierten Politikspiel Russlands mit. Über die "Nazisten, Faschisten, Hooligans und Skinheads", die kürzlich in Moskau demonstriert haben, macht er sich lustig: "Die können noch so laut schreien, die haben doch nichts zu sagen", winkt er spöttisch ab.
Alexej Mitrofanow, ehemaliger zweite Mann und Mitbegründer der LDPR, ist mittlerweile zur Kreml-Partei "Gerechtes Russland" übergelaufen. Die LDPR befinde sich in einem "politischen Ghetto", und es sei inzwischen "sinnlos", dort Mitglied zu sein, erläutert er den Wechsel. Seitdem nennt ihn der ehemalige Parteifreund Schirinowski einen "Verräter". Auch hier zeigt sich der Führungsstil des Demagogen: Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. So hat er sich beim Chef der Partei "Gerechtes Russland" sogar offiziell bedankt: "Wir sind Herrn Mironow sehr dankbar, dass er uns von Alexej Mitrofanow befreit hat." Dieser habe die Partei in den Schmutz gezogen, weil er den Erotikfilm "Julia" mitproduziert habe. Darin spielen Porno-Darsteller die Anführer der Revolutionen in Georgien und der Ukraine: Micheil Saakaschwili und Julia Timoschenko.