Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Schluss mit der WM!

Die Welt ist ein Ball und alle Menschen werden Freunde - an diese fröhliche Fifa-Fußballphilosophie glaubt kein Kind mehr. Die Korruption tötet diesen Sport. Das Geheimnis ist weg, die Freude ist weg. Rettet den Fußball - oder macht Schluss mit der WM!

Die WM nervt. Zwischen den Prügelpolizisten von Rio und den Millionenschiebern von der Fifa in Zürich ist die Freude am Fußball verloren gegangen, bevor die Spiele überhaupt begonnen haben. Wie viele verletzte Demonstranten kommen auf jeden Anstoß? Wie viele Millionen an Schmiergeldern auf jedes Tor? Der internationale Fußball ist Leuten wie Sepp Blatter, Franz Beckenbauer und Michel Platini in die Hände gefallen. Es muss gelingen, ihn wieder zu befreien. Sonst droht das Geld den Fußball zu vernichten, so wie das Doping den Radsport vernichtet hat.

Im Dezember hat Fifa-Chef Sepp Blatter zu einer Schweigeminute für Nelson Mandela aufgerufen - um gleich darauf wieder das Wort zu ergreifen. Das war peinlich. Seitdem weiß man, dass die Blatter-Minute genau elf Sekunden dauert. Was sonst noch alles in Blatters Fußballuniversum schiefläuft, ist schon länger bekannt: "Wenn man den Ruf der Fifa in den letzten sieben Jahren sieht, verbinden die Menschen die Fifa mit Korruption und Bestechung." Das hat der Chef des niederländischen Fußballverbands gesagt.

Die Erkenntnis kommt vielleicht zu spät. Es kann sein, dass die Fifa und mit ihr der Weltfußball nicht mehr reparabel sind. Selbst für die sehr heruntergekommenen Standards dieses Sports liegt ein sehr unguter Verdacht über der Doppelvergabe für Russland 2018 und Katar 2022. Wer kommt auf die Idee, im Sommer in der Wüste Fußball spielen zu lassen? Und spricht Franz Beckenbauer wirklich so schlecht Englisch, dass er dem Korruptionsermittler der Fifa keine Auskunft geben wollte? Mehr und mehr gewinnt man das Gefühl, dass in der Welt des internationalen Fußballs das Gesetz des Statthalters Agrippus Virus regiert, der bei Asterix und Obelix auftaucht: "Ehe Rom überhaupt reagiert, bin ich weit weg! Weit weg und reich!"

Jeder Fernsehzuschauer macht sich mitschuldig

Immerhin: Wenn der Rubel in die Tasche rollt, kommt auch das Runde ins Eckige. Fußball ist Geld: Als er noch Bundespräsident war, unterstützte Christian Wulff die Kandidatur Katars, weil er sich Aufträge für deutsche Firmen davon versprach. Und ein Unternehmen des Golfstaats kaufte einen französischen Fußballverein - kurz nachdem der katarische Premierminister sich in Paris mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy getroffen hatte und die Entscheidung für Katar gefallen war.

Wo endet da die Politik, und wo beginnt die Korruption? Kein Wunder, dass Franz Beckenbauer, Träger des "Fifa-Verdienstordens", voller Überzeugung sagt, "für das Thema Korruption" sei er "der falsche Ansprechpartner".

"Linken Fußball im Sinne César Luis Menottis", von dem der europäische Politiker Daniel Cohn-Bendit träumt - ein Fußball, der sich vom "Terror der Systeme" befreit und von der "Diktatur der Taktik" - den gibt es nur noch in der Erinnerung alter Männer.

Heute missbraucht der neoliberale Kapitalismus die Begeisterung der Fans. Korruption, Umweltzerstörung, Unterdrückung. Jeder Fernsehzuschauer macht sich mitschuldig, wenn ganze Wohnviertel dem Erdboden gleichgemacht werden, um Platz für neue Stadien zu schaffen, wenn Arbeiter wie Sklaven gehalten werden, wenn Protest niedergeknüppelt und Aktivisten verhaftet werden.

Auch die Konzerne tragen Verantwortung

Die großen Sportereignisse sind zu gigantischen Geldpumpen in der amoralischen Thermodynamik eines entgrenzten Globalkapitalismus geworden: Westliches Geld leistet am Austragungsort institutionelle Aufbauhilfe für ein Geflecht aus bestechlicher Bürokratie, korrupten Unternehmen und organisierter Kriminalität und fließt dann über Firmenaufträge und Konsumgüterverkauf wieder an seinen Ursprungsort zurück. Unterwegs sind ein paar Leute sehr reich geworden und noch viel mehr ihrer Rechte verlustig gegangen, manche ihres Lebens. Der internationale Sport ist ein Schweinesystem.

Die Konzerne, die daran verdienen, tragen Verantwortung. Aber wer auf die ethischen Selbstheilungskräfte der Wirtschaft und des Markts warten will, der kann auch hier lange warten. Sony, einer der wichtigsten Geldgeber der Fifa, hat jetzt eine "angemessene Untersuchung" der mutmaßlichen Katar-Korruption gefordert. Nach so vielen Jahren der Blatter-Wirtschaft! Das Kreditkartenunternehmen Visa, ein anderer der Großsponsoren, ließ verlauten, man beobachte das Verhalten der Fifa sehr genau.

Nur zur Erinnerung: Als Wikileaks 2010 amerikanische Verbrechen im Irak und in Afghanistan enthüllte, reagierte Visa viel schneller - und sperrte kurzerhand die Wikileaks-Spendenkonten.

"Ordem e progresso" lautet das Motto in der brasilianischen Flagge. Ordnung und Fortschritt. Der pure Positivismus. Vielleicht sollte die Fußballweltmeisterschaft künftig jedes Jahr in Dänemark stattfinden und das Sponsorenwesen wird abgeschafft. Eine andere Möglichkeit wäre, auf solche Spiele zu verzichten.

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Foto: SPIEGEL ONLINE