Wüsten-Solitär Vorsichtiger bomben dank Kultur-Poker

Die US-Soldaten im Irak bekommen neue Spielkarten: Doch diesmal geht es nicht darum, die Clique um Ex-Diktator Saddam Hussein zu jagen. Die neuen Karten sollen die Soldaten im Irak und in Afghanistan dafür sensibilisieren, mehr Rücksicht auf historische Stätten zu nehmen.

Von Nina Schulz


Hamburg - 40.000 neue Kartenspiele werden als Teil eines "archäologischen Aufklärungsprogramms" an US-Soldaten im Irak und in Afghanistan verschickt, "damit die Truppen helfen können, das Kulturerbe dieser Länder zu bewahren", gibt die Archäologin Laurie Rush des Armeeausbildungszentrums Fort Drum im Bundesstaat New York bekannt. Das Programm soll zwei Ziele verfolgen: die unnötige Beschädigung antiker Stätten verhindern und den illegalen Handel mit Artefakten im Irak eindämmen.

Die Truppen würden mit bedeutsamen historischen Objekten und Stätten vertraut gemacht werden. Dann wüssten sie, auf was sie beim Aufbau von Geschützanlagen achten sollten, hofft Rush. "Die meisten Truppen bestehen aus ehrenwerten Leuten, die das Richtige tun wollen", sagt Rush. Aber es sei klar, dass in diesem Krieg viele Kulturgüter beschädigt worden seien.

Der Krieg der Amerikaner gefährdet allein im Irak rund 10.000 archäologische Stätten. Während der Irakinvasion 2003 errichteten US-Truppen auf den Ruinen Babylons einen Helikopterlandeplatz und ein Feldlager für 2000 Truppen. Ihre Sandsäcke füllten sie mit archäologischen Fragmenten der antiken Stadt.

Im Januar 2005 kam der Kurator des Britischen Museums für Alte Kunst im Nahen Osten, John Curtis zu folgendem Schluss: Die Reste der mesopotamischen Stadt seien durch die Koalitions-Streitkräfte nach knapp zweijähriger Besatzung derart beschädigt worden, "dass jede weitere archäologische Arbeit in Frage steht." Die historisch bedeutsamen "Hängenden Gärten" seien womöglich für immer verloren.

Nach Curtis' Bericht habe sie sich gezwungen gefühlt, ein Aufklärungsprogramm zu entwickeln, sagt Archäologin Rush. Außerdem gerieten die US-amerikanische Regierung und das Pentagon ins Fadenkreuz der Kritik, als es ihren Streitkräften nicht gelang, Bagdads Nationalmuseum während der Invasion 2003 vor Plünderungen zu schützen.

Karo für Artefakte, Pik für Ausgrabungsorte

Um weitere kulturelle Fehltritte zu vermeiden, setzt das US-Verteidigungsministerium nun auf die neuen Karten: seltene Artefakte, Stätten kultureller Besonderheit, wichtige Ausgrabungsorte und erhaltenswerte Kulturerbe schmücken das archäologische Spiel. Jede Kartenfarbe steht für ein ausgewähltes Thema: Karo für Artefakte, Pik für Ausgrabungsorte, Kreuz für den Erhalt des Kulturerbes und Herz soll "Herzen und Gemüter gewinnen".

Einschlägige Slogans und Verhaltenstipps untermalen die Abbildungen: Die Kreuz-Sieben ist mit dem Ctesiphon Bogen im Irak und folgender Aufschrift dekoriert: "Diese Stätte hat seit 17. Jahrhunderten überlebt. Werden sie und andere Dich überleben?" Auf dem Karo-Buben ist die Freiheitsstatue mit folgendem Zusatz abgebildet: "Wie würdest Du Dich fühlen, wenn jemand ihre Fackel stehlen würde?" Das Herz-Ass verliert deutliche Worte: "Das Hauptziel der Archäologie ist es, die Vergangenheit zu verstehen – Deine Vergangenheit."

Die Pik-Zwei informiert: "Im trockenen Klima des Mittleren Ostens könnte eine Wand aus Lehmziegeln tausend Jahre alt sein." Gezeigt wird dazu die archäologische Stätte Qalai Bost in Afghanistan. Die Kreuz-Fünf wird konkreter: "Fahre um archäologische Stätten herum und nicht über sie." Der Großteil der Karten widmet sich dem Irak. Andere bilden besondere Kulturstätten in Afghanistan ab, wie die Buddha-Statue in Hadda auf dem Karobuben.

Feuer erwidern, ohne die Kulturstätte zu beschädigen

Zusätzliche "Aufklärungsprogramme" trainieren US-Piloten darauf, Ruinen, Friedhöfe und andere bedeutende Stätten zu erkennen und zu identifizieren, um sie nicht versehentlich zu bombardieren. Außer der vorsichtigeren Bombardierung, simulieren Soldaten in weiteren Übungen Handlungsmöglichkeiten, für den Fall, dass sie an einem Ort archäologischer Bedeutsamkeit unter Beschuss genommen würden. Dann werden alternative Schießpositionen empfohlen. "Natürlich steht die Sicherheit unserer Soldaten an erster Stelle", sagt Rush. Aber immerhin würden diese nun bestimmt erwägen, ob das Feuer erwidert werden kann, ohne die jeweilige Stätte zu beschädigen.

Das US-amerikanische Militär setzt Kartenspiele schon länger als probate Erziehungsinstrumente ein, um aus der Zeit, in der Soldaten auf Befehle warten, Kapital zu schlagen. Während des Zweiten Weltkrieges kamen Kartenspiele mit Silhouetten von Kampfflugzeugen der Alliierten und der Achsenmächte zum Einsatz.



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