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21. Mai 2011, 17:23 Uhr

Wutbürger in Griechenland

"Wir sagen Schluss, es reicht"

Aus Athen berichtet

Streiks und Demonstrationen sind Vergangenheit, jetzt kämpfen viele Griechen mit Ungehorsam und handgreiflichen Aktionen gegen den Sparkurs der Regierung. Sie legen Ticketautomaten lahm, manipulieren private Mautstellen - denn für sie geht es um die Existenz.

Die Welt könnte so einfach sein, selbst in Krisenzeiten, wenn man Vassilis Sarantopoulos, 50, nur machen ließe. Die "Lösung" der griechischen Schuldenkrise liege doch auf der Hand, sagt er: "Austritt aus der Euro-Zone, Rückkehr zur Drachme, Nichtanerkennung der Staatsschulden" - drei Schritte, so simpel ist das. "Das kann Griechenland helfen", sagt Sarantopoulos und zieht genüsslich an seiner Zigarette, "das kann uns allen helfen", in Griechenland und Europa.

Der Klein-Verleger sitzt im Café "Kastro" in einem Vorort im Nordosten von Athen und genießt die Zustimmung und stille Bewunderung einiger Freunde. Sarantopoulos ist einer der Sprecher einer neuen Bewegung in Griechenland, deren Name Programm ist: "Ich zahle nicht", nennt sie sich, und so ist es auch gemeint. Ihre Mitglieder weigern sich, den Preis für die Krise zu zahlen. Und sie gehen noch weiter: Sie manipulieren private Mautstellen und öffentliche Ticketautomaten und gehen auch gegen staatliche Abgabenbescheide vor.

Vier Stunden vor ihrem Treffen in dem Café waren sie mit 30.000 Teilnehmern eines Generalstreiks durch die Athener Innenstadt gezogen. "Ich schulde nichts", verkündeten sie auf Transparenten und in Sprechchören, und die europäischen Partner forderten sie auf, "nehmt das Memorandum und haut ab".

Jetzt diskutieren sie bei Espresso Frappé den Tag und die politische Lage. Hilfe von den europäischen Partnern im Kampf gegen den drohenden Staatsbankrott, von den deutschen gar? Deutschland solle erstmal seine Kriegschuld von 165 Milliarden Euro für Zwangsanleihen der Nazis und für Zerstörungen während der Besatzung durch Adolf Hitlers Truppen tilgen, sagt Sarantopoulos. "Dann sehen wir weiter."

Es ist eine neue Wut, die sich da Bahn bricht am Fuße der Akropolis. Der Aufstand der Wutbürger konzentriert sich nicht länger nur auf die Wahlzettel wie in Finnland oder den Niederlanden, wo rechtspopulistische Europagegner mit Karacho in die Parlamente einzogen. Sie überlassen den Protest auch nicht jungen Anarchos, die Steine werfen und Krawalle provozieren, bei denen vorige Woche in Athen ein Demonstrant lebensgefährlich verletzt wurde.

Auch die europäischen Nachbarn werden scharf kritisiert

Sie kritisieren die eigene Regierung und wehren sich gegen zu drastische Sparmaßnahmen, die einseitig die Reichen und Privilegierten, ganz besonders die im Öffentlichen Dienst, schonen. Sie meinen aber auch die europäischen Nachbarn, die immer schamloser über Pleitestaaten wie Griechenland oder Portugal herfallen - wie jetzt Kanzlerin Angela Merkel, deren Gleichung zur Lösung der griechischen Krankheit etwas arg simpel ausfällt: Die Griechen sollten einfach mehr arbeiten und weniger Urlaub machen. "Das sind keine Schulden des griechischen Volkes", wehrt sich Sarantopoulos, "das sind Schulden, von denen auch Deutschland profitiert hat" - zum Beispiel durch Waffenexporte nach Athen.

Gut zehntausend Mitglieder hat die neue Bewegung schon, behaupten die Organisatoren, "jeden Tag kommt ein neues Komitee im Land dazu". Begonnen hat alles mit der Privatisierung der Autobahnen und Schnellstraßen.

Seit einigen Monaten schon stören die Wutbürger handgreiflich immer wieder den Betrieb von Zahlstellen, indem sie die Schranken manipulieren oder gewaltsam freie Fahrt für freie Bürger organisieren. Die Kassierer müssen machtlos zuschauen. "In den Verträgen zur Privatisierung stand nichts von Schranken und von Kameras zur Kontrolle", sagt Giorgios Bakagiannis, 46. Ihn ärgern besonders die 2,80 Euro, die zum Beispiel auf der Schnellstraße zwischen Stadtzentrum und Flughafen für jede Tour bezahlt werden müssen, egal wie lang sie ist und ob man zum Airport fährt oder zwischendurch abbiegt.

"Eine Bewegung, in der Bürger von unten für die unten entscheiden"

Dann waren die Fahrkartenautomaten für Bahnen und Busse dran. Sie verkleben die Münzschlitze und fahren schwarz. "Die Regierung legt Strecken still, entlässt Personal und trotzdem erhöht sie die Fahrpreise um 80 Prozent", schimpft Fani Stamouli, 35, Angestellte einer Steuerkanzlei: "Wir sagen Schluss, es reicht, jetzt wehren wir uns." Als nächstes soll ihr ziviler Ungehorsam die Griechen zum Widerstand gegen eine Art Praxisgebühr von fünf Euro für Krankenhausbesuche mobilisieren oder Sparmaßnahmen an den Schulen bekämpfen. In Athen etwa sollen 1800 Lehranstalten aus Kostengründen zu 900 zusammengelegt und zusammengestrichen werden, Personalabbau inklusive. Die Antwort der Bürger darauf soll "Steuerboykott" sein, verlangt die Initiative. "Wir machen das nicht mit, wir zahlen nicht für eure Krise", sagt Sarantopoulos.

Der Verleger, Jeans, halblanges Haar und grauer Fünftagebart, sieht aus wie aus einer anderen Welt. Und so redet er auch: "Wir akzeptieren nicht, dass unser Leben zur Handelsware wird", sagt er, und: "Wir sind eine Bewegung, in der Bürger von unten für die unten entscheiden."

Aber die meisten, die sich wehren, sind nicht Alt-68er wie er, sondern Mittelständler, Informatiker, Werber oder Arbeitslose, deren politische Erfahrung sich bislang aufs Wählengehen beschränkte. Und sie wissen einen erklecklichen Teil der Bevölkerung hinter sich. Immerhin 26 Prozent der Befragten lehnten jüngst den Rettungsschirm von EU und Internationalem Währungsfonds ab und forderten die eigene Regierung auf, sich vom Euro zu verabschieden.

Geringe Opferbereitschaft der griechischen Politik

Und auch im Regierungslager droht die entschlossene Gemeinsamkeit im Kampf gegen den Staatsbankrott mangels schneller Erfolge zu bröckeln. Vor allem im linken Flügel der sozialistischen Pasok nimmt die Befürchtung zu, die Partei könne ihr "soziales Gesicht" verlieren. Deswegen möchte zum Beispiel Gesundheitsminister Andreas Loverdos die Verantwortung für die harten Einschnitte breiter verteilen. Das nächste Gesetz über neue Härten der Troika nach Ende ihrer Zwischenprüfungen diese Woche solle am liebsten mit zwei Dritteln oder drei Fünftel der Stimmen im Parlament verabschiedet werden. Nur so sei eine größere politische Legitimation zu erreichen.

Wichtiger noch aber wäre es, wenn die politische Klasse einfach mit gutem Beispiel voranginge und Angestellte in öffentlichen Unternehmen oder im Parlament nicht länger bis zu 18 Jahresgehälter einstreichen und Minister ihre überbordenden Beraterstäbe zusammenkürzen würden.

Vor allem die Opferbereitschaft der griechischen Politik scheint indes eher gering. Das bewies zuletzt wieder der Vorstoß von gut 800 ehemaligen Abgeordneten, die - Krise hin oder her - jetzt auf juristischem Weg rückwirkend Gehaltszahlungen juristisch geltend machen.

Die Ex-Parlamentarier berufen sich auf ein kurz nach dem Sturz der Militärjunta Mitte der Siebziger erlassenes Gesetz, das eine Gleichstellung der Parlamentarier mit den obersten Richtern vorsieht. Deren Gehälter seien in den letzten Jahren regelmäßig der aktuellen Preisentwicklung angepasst worden, nicht aber die der Volksvertreter. Deshalb machen die Abgeordneten nun für einen Zeitraum ab 2003 jeweils rund 250.000 Euro geltend, Gesamtvolumen rund 200 Millionen Euro. Finanzminister Papakonstantinou nennt das "provokant" und lehnt die Zahlung bislang ab - man darf gespannt sein, auf wessen Seite sich die Justiz schlägt.

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