Wutrede in Kairo Chef der Muslimbrüder ruft Anhänger zum Widerstand auf

Es war ein unerwarteter Auftritt vor Zehntausenden Anhängern: Eigentlich war Muslimbrüder-Chef Mohammed Badi in Staatsgewahrsam vermutet worden. Stattdessen forderte er in Kairo lautstark die Wiedereinsetzung des gestürzten Präsidenten Mursi - und kündigte Widerstand an.
Muslimbruder Badi: "Wir werden für Mursi unsere Seelen opfern"

Muslimbruder Badi: "Wir werden für Mursi unsere Seelen opfern"

Foto: AP/dpa

Kairo - Sein Auftritt war so überraschend wie deutlich. Am frühen Abend ist der Chef der Muslimbrüder, Mohammed Badi, in dem Kairoer Stadtteil Nasr City vor seine Anhänger getreten. Bisher hatte es aus Kreisen der Sicherheitskräfte geheißen, Badi sei am Donnerstag wegen der "Anstiftung zur Tötung von Demonstranten" festgenommen worden. Während seiner hitzigen Ansprache vor Zehntausenden Menschen stellte er vor allem eine Forderung: Ex-Präsident Mohammed Mursi müsse sofort zurück ins Amt gehoben werden.

"Wir werden Mursi auf unseren Schultern tragend zurückbringen", rief Badi den Anhängern der Bruderschaft zu. "Wir werden für ihn unsere Seelen und unser Leben opfern." Über der Versammlung schwebte während der kompletten rund halbstündigen Ansprache ein Militärhubschrauber. Badi appellierte an die Streitkräfte, nicht auf das eigene Volk zu feuern. Eine klare Drohung vermied er in seiner Rede jedoch.

Seine Botschaft war: Man werde sich der Armee nicht beugen und die Zwangsmaßnahmen nicht akzeptieren. "Gefängnisse ängstigen uns nicht. Unsere Brust ist stärker als Kugeln", so ein Auszug aus der Rede. Sollte Mursi jedoch ins Amt zurückkehren dürfen, wäre man durchaus bereit, auf die Armee zuzugehen.

Zwischendurch animierte Badi die Zuhörer immer wieder zu Sprechchören: "Unser Präsident ist Mursi" - Tausende stimmten ein. Nach seiner Rede wurde Badi unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen von seinen Anhängern aus dem Areal geschleust.

Seine Botschaften trugen wenig dazu bei, die extrem angespannte Situation in Kairo zu deeskalieren. In vielen Stadtvierteln der ägyptischen Hauptstadt sammelten sich die beiden Lager: die Unterstützer des geschassten Präsidenten und seine Gegner. Befürchtet wird, dass sich beide treffen und die bisher vergleichsweise friedlichen Proteste in Gewalt ausarten könnten.

Am Abend wurde zudem bekannt, dass zwei prominente Mitglieder der Muslimbrüderschaft freigelassen werden. Saad al-Katatni und Rashad al-Bayoumi saßen seit Donnerstag in Haft, auch ihnen wurde Aufruf zur Gewalt vorgeworfen. Katatni ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft inzwischen bereits wieder frei.

Tödliche Schüsse vor Kaserne

Einen ersten blutigen Zwischenfall hatte es am Nachmittag gegeben. Mursi-Anhänger und Soldaten lieferten sich einen Schusswechsel vor einer Kaserne. Nach Angaben der Nachrichtenagenturen AFP und Reuters gab es mindestens drei Tote.

Ein Sprecher des Militärs dementierte diese Darstellungen. Die Armee habe lediglich Platzpatronen und Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt, hieß es. Wie das Gesundheitsministerium am Abend mitteilte starben bei den Protesten im ganzen Land am Freitag bisher sechs Menschen.

Im Offiziersclub der Republikanischen Garde, wo sich der Vorfall ereignete, soll Mursi festgehalten werden. Sicher ist dies jedoch nicht. Die Republikanische Garde hat die Aufgabe, die Hauptstadt und insbesondere strategisch wichtige Zentren wie den Präsidentenpalast zu schützen.

Unklar bleibt, wer den Schusswechsel begonnen hat. Von beiden Seiten war dem Bericht zufolge Gewehrfeuer zu hören, mehrere Demonstranten fielen zu Boden. Die Muslimbrüder und weitere islamistische Organisationen hatten für Freitag landesweit zu friedlichen Demonstrationen gegen die Entmachtung Mursis aufgerufen.

Oberhaus des Parlaments aufgelöst

Am späten Nachmittag hatte Übergangspräsident Adli Mansur zudem das von den Islamisten dominierte Oberhaus aufgelöst. Dies meldete die amtliche Nachrichtenagentur Mena. Der Schura-Rat, die zweite Kammer der Volksvertretung, hat beratenden Charakter.

Das von islamistischen Kräften dominierte Gremium war seit über einem Jahr praktisch die einzige parlamentarische Institution, da die Militärs die Volksversammlung - die erste Kammer - aufgelöst hatten.

jok/Reuters/dpa/AFP
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