Varoufakis' Rücktritt im Wortlaut "Ich werde die Abscheu mit Stolz hinnehmen"

Yanis Varoufakis betreibt seit Jahren einen populären englischsprachigen Blog. Dort und auf Twitter gab er am Montag auch seinen Rücktritt als Finanzminister bekannt.

Varoufakis Ende Juni auf dem Weg zur Kabinettssitzung: Als Finanzminister provozierte der Wirtschaftswissenschaftler seine europäischen Kollegen
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Varoufakis Ende Juni auf dem Weg zur Kabinettssitzung: Als Finanzminister provozierte der Wirtschaftswissenschaftler seine europäischen Kollegen


Rebellisch, cool und überaus selbstbewusst. So extrovertiert wie Yianis Varoufakis hat sich bisher kaum ein Minister im Amt präsentiert. Bei seinen Finanzministerkollegen in Brüssel kam er damit nicht gut an. Hier seine Rücktrittserklärung:

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Yanis Varoufakis: Der Rocker tritt ab
"Kein Minister mehr! Die Volksabstimmung vom 5. Juli wird als einzigartiger Moment in die Geschichte eingehen, als eine kleine europäische Nation sich gegen die Schulden-Knechtschaft erhoben hat.

Wie alle Kämpfe für demokratische Rechte hängt auch an dieser historischen Ablehnung des Ultimatums der Eurogruppe vom 25. Juni ein großes Preisschild. Es ist daher wichtig, dass unsere Regierung das großartige Vertrauen, welches das Nein bedeutet, unverzüglich in ein Ja zu einer angemessenen Lösung ummünzt - zu einer Vereinbarung, die eine Restrukturierung der griechischen Schulden beinhaltet, weniger Einsparungen, Umverteilungen zugunsten der Bedürftigen und echte Reformen.

Video: Varoufakis tritt zurück

Bald nach der Bekanntgabe der Ergebnisse des Referendums bin ich auf eine gewisse Präferenz einiger Eurogruppen-Teilnehmer und verschiedener Partner für meine Abwesenheit von den Meetings hingewiesen worden. Eine Idee, die der Ministerpräsident als möglicherweise hilfreich auf dem Weg zu einer Einigung bewertete. Aus diesem Grund verlasse ich das Finanzministerium heute.

Ich halte es für meine Pflicht, Alexis Tsipras zu helfen, das Vertrauen, dass das griechische Volk uns durch das gestrige Referendum gewährt hat, auszuschöpfen. Ich werde die Abscheu der Kreditgeber mit Stolz hinnehmen.

Wir von der Linken verstehen etwas davon, kollektiv zu handeln, ohne sich um Amtsprivilegien zu kümmern. Ich werde Ministerpräsident Tsipras, den neuen Finanzminister und unsere Regierung voll unterstützen.

Die übermenschliche Anstrengung, um den mutigen Menschen in Griechenland zu helfen, und das berühmte Ochi (Nein), das sie Demokraten in aller Welt beschert haben, steht erst am Anfang."

Korrektur: In einer früheren Version hatten wir für den Satz "And I shall wear the creditors' loathing with pride" auf die Übersetzung der Agenturen zurückgegriffen. Sie lautete: "Ich werde die Abscheu der Kreditgeber mit Würde tragen." Präziser ist allerdings: "Ich werde die Abscheu der Kreditgeber mit Stolz hinnehmen."

ler/dpa



insgesamt 79 Beiträge
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charlybird 06.07.2015
1. Guter Mann,
vielleicht schneiden sich einige lobbyhörigen Finanzminister oder besser Finanzwirtschaftsvollstrecker mal eine Scheibe von diesem Kerl ab. Kann Europa und seinen Menschen nur helfen. Diese griechische Regierung und die Griechen selbst haben jetzt moralisch und wahrscheinlich auch politisch mehr erreicht, als die ganzen christ-und sozialdemokratischen Abnicker in den Jahren zuvor. Abgesehen davon, dass sie GR auch in diese Misere manövriert haben. Was wir in Europa brauchen ist mehr Menschsein und Menschlichkeit, dafür weniger Wirtschaftsducken und überzogener Wachstumsglaube, das wird Europa stärken und sichern.
Ichbines2 06.07.2015
2. Rücktritt stützt Euro-Kurs
und die Erde ist eine Scheibe..... Da stützt und manipuliert jemand anders, ich vermute, die EZB. Neben der Griechenlandproblematik, gibt es andere Themen, z.B. haben die chinesischen Börsen innerhalb weniger Tage 35 % verloren, Costa Rica ist ebenfalls Pleite, Ukraine eskaliert schon wieder, das alles ist Crash-Potential, also wird darüber gewacht, dass die Märkte stabil bleiben. Es gibt eben keinen freien Markt und Handel mehr, m.E. von Zentralbanken gesteuerter Handel.
bananenrep 06.07.2015
3. Ich find den gut....
endlich jemand der nicht zu den Schlipsträgern und Angepassten gehört. Der Rückgrat präsentiert. Nicht wie unsere angepassten politiker, die mit schlips daherkommen und doch nur auf Pfründe aus sind. Die es nicht verwinden können, wenn sie die Meinung gesagt bekommen. Und die mir den Lobbyisten nicht nur Hand in Hand gehen. Und Herr V. hat denen vll. mal die Meinung gegeigt. DAs schmeckt unseren eingebildeten, abgehobenen Politikabzockern wahrscheinlich gar nicht. Somit ist bei solchen, etablierten Politikern in ihrer Borniertheit eben nur die Häme als Waffe und Verteidigung geblieben.
chris4you 06.07.2015
4. Es wäre schön, wenn
" weniger Einsparungen, Umverteilungen zugunsten der Bedürftigen und echte Reformen." Allein, es fehlt der Glaube. Und für die Umverteilung, bzw. das diese eben nicht stattfindet, gibt es nur einen Schuldigen. Die griechischen Regierungen, die es nicht geschafft haben, dass Reiche (privat wie Firmen) Steuern zahlen. Und ohne nachvollziehbare Pläne wie (selbst eine verminderte) Schuld gestemmt werden soll, können wir das Geld auch gleich selber verbrennen... ;o)
M. Thomas 06.07.2015
5. Jeder blöden Berichterstattung zum Trotz:
Varoufakis hat einen verdammt guten Job gemacht. Ohne ihn und Tsipras würden wir Griechenland noch schlimmer ausnehmen und an den Boden bringen als je zuvor. Die beiden haben ihrer Heimat etwas Würde zurückerstritten. Wir Deutschen können neidisch auf Persönlichkeiten wie Varoufakis sein.
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