Ex-Finanzminister über deutsche Politiker Varoufakis würde Merkel wählen - vielleicht

Varoufakis lästert, Varoufakis lobt: In einem Interview hat Griechenlands Ex-Finanzminister über sein Verhältnis zu deutschen Spitzenpolitikern gesprochen. Dabei kommen Merkel und Schäuble gut weg - im Gegensatz zu Gabriel.

Finanzminister Schäuble, Ex-Minister Varoufakis (Archiv): "Wie zwei Boxer"
DPA

Finanzminister Schäuble, Ex-Minister Varoufakis (Archiv): "Wie zwei Boxer"


Zur Hochzeit der Finanzkrise in Griechenland waren der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein damaliger griechischer Amtskollege Yanis Varoufakis nicht immer gut aufeinander zu sprechen. Mit etwas zeitlichem Abstand sieht die Sache aber offenbar anders aus. Er habe sich Schäuble damals sehr nah gefühlt, sagte Varoufakis im Interview mit dem "Stern".

"Wolfgang wollte mir noch nicht einmal die Hand geben", zitiert das Magazin den im Juli zurückgetretenen Griechen. Er habe aber immer Respekt gehabt vor dem deutschen Minister. Sie seien "wie zwei Boxer" gewesen, "die eine Weile Schläge ausgetauscht haben und sich dann einander näher fühlen als irgendeinem anderen Menschen".

Noch überraschender dürfte aber Varoufakis Aussage über Angela Merkel sein. Die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin imponiere ihm. "Vielleicht würde ich als Deutscher Merkel wählen", sagte Varoufakis.

Sigmar Gabriel dagegen sei der "schlimmste Politiker, den ich getroffen habe". Der SPD-Chef habe geäußert, man werde nicht die "überzogenen Wahlversprechen einer zum Teil kommunistischen Regierung" finanzieren.

"Auf der Grundlage der monatelangen Verhandlungen ist meine Überzeugung, dass der deutsche Finanzminister Griechenland aus der Währungsunion drängen will, um die Franzosen das Fürchten zu lehren und sie zu zwingen, sein Modell einer Zuchtmeister-Eurozone zu akzeptieren."

(über Wolfgang Schäuble in einem Gastbeitrag für den "Guardian", 10. Juli 2015)

"Ich fühle mich überragend – Ich muss nicht länger nach diesem hektischen Terminplan leben, der war absolut unmenschlich, einfach unglaublich. Ich hatte fünf Monate lang zwei Stunden Schlaf pro Nacht."

(über die Zeit seit seinem Rücktritt im Interview mit dem "New Statesman", 13. Juli 2015)

"Wir hatten die Wahl zwischen Exekution und Kapitulation. (...) Dieses Programm wird scheitern, egal wer sich um die Umsetzung kümmert. (...) Es ist bereits gescheitert."

(über das neue Hilfsprogramm für Griechenland im BBC-Interview, 18. Juli 2015)

"Wir haben Fehler gemacht, daran gibt es keinen Zweifel. (...) Man muss schon sehr eigensinnig sein, um zu sagen, dass man überhaupt keine Fehler gemacht hat. (...) Aber der Kern der Sache ist, dass die sehr mächtige Troika der Gläubiger nicht daran interessiert war, zu einer vernünftigen, ehrlichen und für beide Seiten nutzbringenden Übereinkunft zu kommen."

(über die Verantwortung für die Eskalation des Schuldenstreits im CNN-Interview, 20. Juli 2015)

"Die griechische Demokratie hat sich aufgelöst, wir haben, bezogen auf alle Auswirkungen in der vergangenen Woche, einen Staatsstreich erlitten."

(über die Einigung im Schuldenstreit im Interview mit dem spanischen Sender Radio 4G, 21. Juli 2015)

"Mein schlimmster Feind ist die Schuldenkrise, die unser Land zerstört und es unmöglich für uns macht, unsere Schulden zu begleichen, auch gegenüber Deutschland. Schäuble war immer sehr direkt und offen mit mir, aber wenn er mit den Medien über mich gesprochen hat, hat er kein gutes Wort über mich verloren. Das ist bestimmt etwas, das er möglicherweise bereut."

(über das Verhältnis zu Wolfgang Schäuble im ZDF-Interview, 24. Juli 2015)

"Ich schätze ihn, ich mag Wolfgang. Und er schätzt, glaube ich, meine Expertise."

(über sein Verhältnis zum deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) laut Vorabmeldung zur "Stern"-Ausgabe vom 30. Juli 2015)

"Als ich drei Jahre alt war, fing ich an, Deutsch zu lernen. Und dann, während der Militärdiktatur habe ich heimlich unter der Decke mit meinen Eltern die Sendungen der Deutschen Welle angehört. Das war unsere Verbindung in die Freiheit."

(über seine Beziehung zu Deutschland laut Vorabmeldung zur "Stern"-Ausgabe vom 30. Juli 2015)

"Heute brauchen Sie keine Panzer, um jemanden zu besiegen. Sie haben ihre Banken"

(über seine Zeit als griechischer Finanzminister, zu der er sich wie inmitten eines Krieges gefühlt habe, laut Vorabmeldung zur "Stern"-Ausgabe vom 30. Juli 2015)

"Die Medien haben mich von Anfang an als diesen Verrückten hingestellt, der den Deutschen ans Geld will."

(über sein Image in Deutschland laut Vorabmeldung zur "Zeit Magazin"-Ausgabe vom 30.07.2015)

"Nina Hagen war die Heldin meiner Jugend. Ich verehre Nina Hagen."

(über deutsche Musik laut Vorabmeldung zur "Zeit Magazin"-Ausgabe vom 30. Juli 2015)

"Jemandem den Mittelfinger zu zeigen ist nicht meine Art."

(über die Irritationen zu dem Video, in dem er den Deutschen den Mittelfinger gezeigt haben soll, laut Vorabmeldung zur "Zeit Magazin"-Ausgabe vom 30. Juli 2015)

"Ich bin ein Außenseiter. Aber manchmal können nur Außenseiter wirklich erkennen, was schiefläuft, weil sie den nötigen Abstand haben."

(über sich selbst laut Vorabmeldung zur "Zeit Magazin"-Ausgabe vom 30. Juli 2015)

brk/dpa



insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
franz.v.trotta 21.12.2015
1. Eigentlich ist er doch sehr nett, gell?
Schäuble kommt gut, Gabriel kommt schlecht weg? Da müssen aber jetzt viele ihre abschätzigen Urteile über Varoufakis korrigieren.
Ruhri1972 21.12.2015
2. Ringen um den besten Weg
Einen fruchtsamen Diskurs kann man mit Menschen haben, die eine gefestigte gereifte Position haben. Mit ihnen kann man um den besten Weg - um die beste Lösung ringen. Es sind Menschen die authentisch in ihrer individuellen Mitte sind. Mit Opportunisten und unreifen Persönlichkeiten ist dies nicht möglich. Der Analyse von Varoufakis kann man zustimmen :-)
kuac 21.12.2015
3.
Varoufakis hat Rückgrat und eigene Meinung. Solche Politiker brauchen wir in DE.
Baal 21.12.2015
4. Gabriel als
Zitat von Ruhri1972Einen fruchtsamen Diskurs kann man mit Menschen haben, die eine gefestigte gereifte Position haben. Mit ihnen kann man um den besten Weg - um die beste Lösung ringen. Es sind Menschen die authentisch in ihrer individuellen Mitte sind. Mit Opportunisten und unreifen Persönlichkeiten ist dies nicht möglich. Der Analyse von Varoufakis kann man zustimmen :-)
unreife Persönlichkeit zu bezeichnen ist wirklich.......... treffend. Nach der nächsten Wahl ist er dann Vollreif, Überreif oder wie heißt der Begriff?? Varoufakis ist zwar ein Chaot, aber anscheinend ein guter Menschenkenner.
philosophus 21.12.2015
5.
Die politische "Brühe" muss von Zeit zu Zeit umgerührt werden. Dazu sind Varoufakisstyle Politiker sehr geeignet. Wenn Varoufakis nicht da gewesen wäre, müsste man den ... erfinden. Eine art "notwendiges Übel"...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.