Anti-Kriegs-Hit bei YouTube Der ganze Schmerz des Nahen Ostens

Eine weiße Wand. Zwei junge Syrerinnen. Eine singt, eine spricht - von der Schönheit des Nahen Ostens. Und vom Krieg. Mehr passiert nicht in dem Clip auf YouTube, der Millionen Menschen den Irrsinn unserer Zeit vor Augen führt.
Rihan (l.) und Faia Younan: "Wir wollten die Menschen an die Schönheit unserer Länder erinnern"

Rihan (l.) und Faia Younan: "Wir wollten die Menschen an die Schönheit unserer Länder erinnern"

Foto: YouTube/ faiayo

Hamburg - Zwei Schwestern stehen vor einer Mauer. Eine der beiden beginnt zu singen, Sekunden später fängt die andere an, zu erzählen. Fast acht Minuten geht das so. Ziemlich unspektakulär - sollte man meinen. Und doch ist dieses YouTube-Video zu dem aktuellen Hit im arabischsprachigen Internet geworden. Innerhalb von zwölf Tagen hat das Video mehr als eine Million Klicks gesammelt.

Die beiden Frauen vor der Kamera sind Faia und Rihan Younan. Faia singt in dem Clip Lieder der libanesischen Gesangsikone Fairuz. Lieder, in denen sie die Schönheit von Damaskus, Bagdad, Beirut und Jerusalem preist. Rihan setzt einen Gegenpunkt dazu. Sie beschreibt in ergreifenden Worten die aktuelle Lage in Syrien, dem Irak, Libanon und Palästina.

Über Syrien sagt sie zum Beispiel: "Mehr als drei Jahre verrückter, irrationaler Krieg. Drei Jahre, in denen Seelen, Herzen und Gehirne zerstört worden sind. Ein Krieg, der sich durch die Tür geschlichen hat, ohne anzuklopfen und der sich in den Häusern breitgemacht hat und ihre Besitzer erniedrigt."

Der Erfolg traf die Schwestern unerwartet

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Faia und Rihan stammen selbst aus Syrien. Sie wuchsen in Aleppo auf, 2003 zog ihre Familie nach Schweden. Heute sind sie 22 und 23 Jahre alt, sie leben in Södertälje, einem Vorort von Stockholm. "Die Idee zum Video kam uns ganz spontan", erzählt Faia SPIEGEL ONLINE. "Wir wollten einfach unsere Wut uns unsere Trauer darüber ausdrücken, was in unseren Ländern passiert."

"To our countries - Für unsere Länder" heißt auch ihr Videoprojekt, an dem außer den Schwestern Migranten aus dem Irak, Libanon und Palästina beteiligt waren. "Wir wollten die Menschen an die Schönheit unserer Länder erinnern, mit den Liedern von Fairuz, die jeder mitsingen kann", sagt Faia. "Mit den englischen Untertiteln wollten wir erreichen, dass auch andere mehr über den Nahen Osten erfahren."

"Wir wollen einfach nur Frieden"

Das Video haben sie mit Absicht so nüchtern gehalten: "Wir wollten keine verstörenden Bilder zeigen, kein Blut, keine Gewalt, keine Waffen, keine Trümmer. Wir sehen diese Dinge doch eh schon jeden Tag", erzählt Faia. "Wir wollten, dass sich unsere Zuschauer an ihr eigenes Zuhause, ihre Stadt, ihr Land so erinnern, wie sie möchten."

Mit ihrem Video treffen sie einen Nerv bei vielen Menschen aus dem Nahen Osten. Seitdem sie das Video am 9. Oktober veröffentlichten, steht das Telefon in Södertälje nicht mehr still. Medien aus der gesamten arabischen Welt berichten über die beiden Schwestern, die so vielen aus dem Herzen sprechen und singen. "Wir haben mit diesem Erfolg überhaupt nicht gerechnet", sagt Faia erstaunt. "Es war überwältigend, Nachrichten von Leuten zu bekommen, die mitten im Kriegsgebiet leben und berichten, dass wir ihnen Hoffnung und Stärke geben."

Das Video ist auch deshalb so erfolgreich, weil jeder Zuschauer etwas anderes hineinprojiziert. Manche erfreuen sich an der Mischung aus Poesie und Gesang, andere sehen Faia und Rihan schon als Vorbilder für alle Frauen im Nahen Osten, weil sie Selbstbewusstsein und Weiblichkeit verkörpern. Gezielt vermeiden die Schwestern Schuldzuweisungen für die Lage in der arabischen Welt. Trotz des ernsten Themas wollten sie die Politik aus ihrem Clip heraushalten. "Wir wollen einfach nur Frieden", sagt Faia. "Und ich weiß, dass es viel mehr Leute gibt, die genug haben vom Krieg als solche, die weiterkämpfen wollen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.