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Unicef-Bericht zum Bürgerkrieg Eine Million Kinder in Syrien auf der Flucht

Der syrische Bürgerkrieg trifft die jüngsten Bewohner des Landes besonders hart. Rund eine Million Kinder sind laut Unicef vor den blutigen Unruhen geflohen, viele davon ohne ihre Eltern. Die Uno-Hilfsorganisation nannte die neue Zahl einen "Meilenstein der Schande".

New York - Die Menschen fliehen in die Türkei, nach Jordanien, in den Irak oder Libanon: Der Konflikt in Syrien ist auch eine gigantische Flüchtlingskatastrophe. Täglich passieren unzählige Menschen die Grenzen des Bürgerkriegslandes, um in den Nachbarstaaten Schutz zu suchen. Viele von ihnen sind noch sehr jung. Nach Angaben der Vereinten Nationen befinden sich eine Million Kinder auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien.

Diese Zahl sei "ein Meilenstein der Schande", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung des Kinderhilfswerks Unicef und des Flüchtlingskommissariats UNHCR. Von den geflohenen Kindern sind laut Uno-Angaben rund 800.000 jünger als elf Jahre. Allein in Jordanien, dem Irak und dem Libanon seien mehr als 3500 Kinder registriert worden, die die Grenzen Syriens ohne ihre Eltern überquert haben.

"Diese eine Million Kinder auf der Flucht sind nicht einfach nur eine neue Zahl", sagte Unicef-Chef Anthony Lake. "Wir sprechen von Kindern, die von ihrem Zuhause fortgerissen wurden, vielleicht von ihrer Familie. Sie sehen sich Schrecken gegenüber, die wir gar nicht nachvollziehen können."

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Kinder als Flüchtlinge: Die Massenflucht der kleinsten Syrer

Foto: KHALIL MAZRAAWI/ AFP

Die Zahl sei eine Schande, jeder sei mitverantwortlich, so Lake. "Denn die Weltgemeinschaft hat in ihrer Verantwortung für die Kinder versagt." Obwohl die Gewalt in Syrien seit März 2011 nach Uno-Angaben mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet hat, blieb der Sicherheitsrat bislang tatenlos. Unter den Toten befinden sich auch mindestens 7000 Kinder, so Schätzungen der Vereinten Nationen.

"Auf dem Spiel steht das Überleben und das Wohl einer ganzen Generation Unschuldiger", sagte Flüchtlingskommissar António Guterres. "Syriens Jugend hat die Heimat, die Familien und die Zukunft verloren. Selbst wenn es diese Kinder über eine Grenze in Sicherheit geschafft haben, sind sie traumatisiert, deprimiert und ohne Hoffnung."

Der seit 29 Monaten andauernde Konflikt hat laut Uno 6,8 Millionen Menschen entwurzelt. 4,2 Millionen davon sind Flüchtlinge im eigenen Land. Von den übrigen, die sich in die Nachbarländer retteten, sei jeder zweite ein Kind.

McCain fordert Raketen gegen Assads Flugzeuge

Trotz dieser beunruhigenden Zahlen scheut die internationale Gemeinschaft ein Einschreiten in dem Dauerkonflikt. Vor allem die USA sind bisher nicht zu einem Eingreifen bereit. Nun hat der einflussreiche US-Senator John McCain von Präsident Barack Obama erneut eine militärische Intervention gefordert. Anlass war der mutmaßliche Giftgaseinsatz gegen Rebellen und Zivilisten. Nach diesem Vorfall dürfe Washington nicht länger zögern, so McCain.

In der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus sollen nach Rebellenangaben am Mittwoch Hunderte Menschen mit Giftgas der Regierungstruppen getötet worden sein.

Die USA seien in der Lage, durch Raketen die 40 bis 50 im Bürgerkrieg eingesetzten Flugzeuge der syrischen Streitkräfte zu zerstören, sagte der frühere republikanische Präsidentschaftsbewerber dem Sender CNN. Ein Militäreinsatz wäre daher mit "geringen Kosten" verbunden, US-Soldaten würden nicht gefährdet.

Dagegen beurteilt die US-Regierung die Lage deutlich zurückhaltender. Zwar äußerte sich das State Department, ein Einsatz von Chemiewaffen wäre eine "empörende und abscheuliche Eskalation" im syrischen Bürgerkrieg. Doch die Sprecherin des Außenministeriums, Jen Psaki, legte sich nicht fest, ob die Massenvernichtungswaffe tatsächlich eingesetzt wurde.

Ban will "Konsequenzen", Frankreich eine "Reaktion der Stärke"

Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verlangte eine sofortige Untersuchung. Eine entsprechende Anfrage der Vereinten Nationen sei bereits nach Damaskus geschickt worden. Sollten sich die Vorwürfe gegen die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad bestätigen, müsste die Regierung mit "ernsten Konsequenzen" rechnen, so Ban.

Noch deutlicher wurde Frankreichs Außenminister Laurent Fabius. Er drohte indirekt mit einem militärischen Eingreifen, sollte sich der Vorwurf eines Giftgasangriffs bestätigen. In diesem Fall sei eine "Reaktion der Stärke" notwendig, die über eine "internationale Verurteilung" hinausgehe, sagte er am Donnerstag.

jok/dpa/AFP
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