Zapateros Wahlsieg in Spanien Der Präsident macht Freudensprünge

Auftakt zur zweiten Runde: Die regierende Sozialistische Partei von Ministerpräsident Zapatero hat die Parlamentswahl in Spanien klar gewonnen. Der sonst so zurückhaltende Regierungschef ließ sich von seinem Sieg sichtlich mitreißen.

Von Manuel Meyer, Madrid


Madrid – "Jetzt lasst mich doch bitte endlich auch mal etwas sagen." Er hatte keine Chance. Sie wollten ihn feiern. Es war sein Tag. Es war ihr Tag. Hunderte Anhänger der sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens (PSOE) jubelten dem alten und neuen Ministerpräsidenten Spaniens zu. "Zapatero, presidente" hielten die Sprechchöre an. José Luis Rodríguez Zapatero blieb nichts anderes übrig, als seine Frau Sonsoles in den Arm zu nehmen und in ein Meer aus Fahnen und Blitzlichtern zu lächeln.

Präsident Zapatero (Mitte), Parteisprecher Josè Blanco: Exzesse aus purer Freude über den Wahlsieg
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Präsident Zapatero (Mitte), Parteisprecher Josè Blanco: Exzesse aus purer Freude über den Wahlsieg

Immer wieder versuchte er, erneut auf der kleinen Bühne vor der Madrider Parteizentrale in der Calle Ferraz das Wort zu ergreifen – erfolglos. Schließlich kam Parteisprecher José Blanco zur Hilfe, nahm das Mikrofon und beruhigte die aufgeregte Masse. Dann erst konnte der strahlende Gewinner der spanischen Parlamentswahlen sprechen. Seine ersten Sätze galten dem am Freitag von der baskischen Terrororganisation Eta mit mehreren Schüssen getöteten baskischen Stadtrat Isaías Carrasco.

"Isaías hätte heute an der Seite seiner Familie diesen Moment erleben sollen", sagte Zapatero. Es war, als wolle er seinem ermordeten Parteifreund diesen Wahlsieg widmen. Zapatero erinnerte auch an die beiden spanischen Polizisten, die Ende Dezember von Eta-Killern in Frankreich erschossen wurden, sowie an die beiden Opfer des Bombenanschlags auf dem Madrider Flughafen im Dezember 2006.

"Wir haben gewonnen!"

Doch dann feierte auch Zapatero seinen Sieg und seine Wähler. "Wir haben gewonnen! Ich danke allen Bürgern aus tiefstem Herzen, die mit ihrer Stimme der PSOE diesen klaren Sieg ermöglicht haben. Vor vier Jahren habt ihr mir gesagt, dass ich euch nicht enttäuschen soll. Nicht einen Tag habe ich das vergessen und mich bemüht, auf der Höhe eurer Anforderungen zu sein", sagte Zapatero. Wieder setzten die rhythmischen Sprechchöre "Zapatero presidente" ein. Dabei konnte selbst der bei solchen Aktionen eher schüchternde Zapatero nicht ruhig bleiben.

Spontan nahm er Parteisprecher José Blanco unter den Arm und hüpfte auf der Bühne herum. Das hatte schon etwas Komisches an sich: Der große, schlaksige Zapatero und der kleine, rundliche Blanco sahen wie Don Quijote und Sancho Pansa höchst persönlich aus. Egal - die Menge konnte nicht genug von ihnen bekommen.

Die Feierstimmung war für viele wie ein Ventil. Sie mussten stundenlang unter einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihrem Zapatero und dem konservativen Oppositionschef Mariano Rajoy (PP) leiden. Die Sozialisten errangen schließlich aber 43,7 Prozent und setzten sich mit 169 Parlamentssitzen (fünf mehr als 2004) gegen die konservative Volkspartei (PP) durch, die ihre Abgeordnetenzahl mit 40,1 Prozent der Stimmen von 148 auf 153 steigern konnte. "Ich wäre beinahe gestorben. Hatten wir bei den ersten Auszählungen noch fast eine absolute Mehrheit, holten die Konservativen von Stunde zu Stunde auf", erzählt auch der 23-jährige Angel Lorenzo aus Orotava, einem kleinen Küstenort auf der Kanaren-Insel Teneriffa, wo er der sozialistischen Lokalpartei angehört.

"Er ist etwas zu weich"

Er ist immer noch aufgeregt. Zusammen mit seinem Freund José Merina ist er extra in die spanische Hauptstadt gekommen, um hier in der Parteizentrale den Wahlsonntag mitzuerleben. Stundenlang verharrten sie in der Empfangshalle der Parteizentrale mit Bier und Wein vor den TV-Leinwänden und verfolgten die Auszählungsergebnisse. "Es war zwar ein knapper Sieg, aber immerhin", sagt Angel und nimmt sich zwei Sektgläser vom Tablett. Worauf sie anstoßen? "Dass Zapatero jetzt vier Jahre mehr Zeit hat, all seine Projekte vor allem im Sozialbereich durchzusetzen." Angel spricht von der eingeführten Homo-Ehe, den verbesserten Rechten für Frauen, die Unterstützung älterer und hilfsbedürftiger Menschen. Nur im Umgang mit der Kirche hätte er sich eine härtere Gangart seines Präsidenten gewünscht. Dennoch ist "ZP" (Zapatero presidente), wie Spaniens Premier oft nur noch unter seinem Kürzel genannt wird, für Angel eine Art moderner Held.

"Er begeistert die jungen Menschen, weil er ihnen Visionen gibt und weil er seine Wahlversprechen gehalten hat", weiß auch der 57 Jahre alte Madrilene Martin Carasco, der im Erdgeschoss der PSOE-Zentrale mit seiner Frau den Wahlsieg der Sozialisten feiert. Unterdessen lassen die Massen draußen Zapateros "talante" hochleben. Mit "versöhnlichem Politikstil" meinen sie nicht nur den "guten Ton", der nach acht Jahren harter Konfrontationspolitik der konservativen Vorgängerregierung unter Aznar beinahe außer Mode gekommen war.

So begeistert Zapatero vor allem viele Regionalisten in Katalonien und Andalusien mit seiner Dezentralisierungs- und Konsenspolitik. Das machten die unerwartet hohen Stimmengewinne in beiden autonomen Regionen mehr als deutlich. Dennoch: "Zapatero sollte in der kommenden Legislaturperiode härter mit der Opposition umgehen. Er ist etwas zu weich und hat ihnen zu viel Munition geliefert. Deshalb war auch der Wahlsieg zum Schluss recht knapp", sagt Martin Carasco. Der PSOE-Sympathisant rät seinem Parteivorsitzenden etwas drastisch, aber plakativ, ein wenig mehr "cabrón" zu sein, ein gemeiner Schweinehund.



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