Zensur in China Korrespondenten schlagen Alarm

Ausländische Korrespondenten in China landen bei ihrer Arbeit nicht selten auf Polizeiwachen. Schläger bedrängen sie, ihren Assistenten droht gar Gefängnis. Zwei Jahre vor dem Beginn der Olympischen Spiele ist Peking nicht bereit, Gastgeber für die Medien zu sein.

Von , Peking


Peking - Genau zwei Jahre, bevor das Olympische Feuer aufflackern wird und rund 20.000 Journalisten nach Peking reisen werden, behindern die Behörden stark die Arbeit ausländischer Berichterstatter. Das ist das Fazit einer Erklärung des "Klubs Ausländischer Korrespondenten in China" (FCCC), die heute in der chinesischen Hauptstadt veröffentlicht wurde. Pekings "Kontrollen der ausländischen Medien entsprechen nicht dem Versprechen an das Internationale Olympische Komitee, freie Berichterstattung zu erlauben, und sind ein Affront gegen den Olympischen Geist", erklärte FCCC-Präsidentin Melinda Liu, die Korrespondentin des US-Nachrichtenmagazins "Newsweek".

Journalisten berichten nicht gerne über sich selbst. Doch die ausländischen Korrespondenten in China entschlossen sich jetzt, auf ihre Lage aufmerksam zu machen. "Die Zeit rennt davon", heißt es in der Erklärung. Ziel sei es, in Gesprächen mit den Behörden "eine offenere Medienatmosphäre" zu schaffen, die "eine dauernde Errungenschaft der Spiele" bleiben werde.

Der FCCC weist auf Pekings Versprechen während seiner Bewerbung für die Olympischen Spiele hin, den "Medien völlige Freiheit zu gewähren". Doch bislang kann von freier Recherche, so wie sie chinesischen Korrespondenten in vielen Ländern Europas erlaubt ist, nicht die Rede sein. Immer wieder landen Journalisten und ihre chinesischen Assistenten auf Polizeiwachen, wenn sie über empfindliche Themen wie Umweltverschmutzung, Aids oder Bauernproteste berichten wollen. Dort werden sie nicht selten gezwungen, die Namen ihrer Gesprächspartner, Notizen und Fotos preiszugeben.

Schlechte olympische Gastgeber

Seit 2004 ereigneten sich nach einer internen FCCC-Untersuchung mindestens 72 solcher Zwischenfälle. Betroffen waren Journalisten aus 15 Ländern. In zehn Fällen wendeten - offenbar gedungene - Schläger unter den Augen der Polizei Gewalt gegen Berichterstatter und ihre Informanten. Die Reporter von Radio France International und der "South China Morning Post" zum Beispiel wurden im Oktober 2005 in Südchina über 30 Minuten heftig bedrängt, als sie über eine Demonstration der Anwohner berichten wollten.

Die Pekinger Regierung beruft sich auf die Artikel 14 und 15 der Regularien des chinesischen Außenministeriums für ausländische Korrespondenten. Sie verbieten Journalisten, ohne Anmeldung und Genehmigung der entsprechenden Behörden zu recherchieren. "Solche Kontrollen widersprechen den Normen, die von olympischen Gastgebern erwartet werden", mahnte der FCCC.

Besondere Sorgen bereitet den Korrespondenten das Schicksal ihrer chinesischen Assistenten, die weniger Schutz als Ausländer genießen. So sitzt der Helfer der "New York Times", Zhao Yan, seit fast zwei Jahren in Haft, nachdem die Zeitung den bevorstehenden Rücktritt des Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission gemeldet hatte. Der Vorwurf: "Verrat von Staatsgeheimnissen an Ausländer".

In China sind über 200 ausländische Korrespondenten aus mehr als 40 Ländern akkreditiert. Für deutschsprachige Medien berichten 31 Journalisten.



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