Zensur in Russland "Wir befinden uns in permanenter Opposition"

Das Blatt zelebrierte die politische Unkorrektheit - nun wurde Moskaus englischsprachige Satirezeitschrift "Exile" eingestellt. Chefredakteur Mark Ames erzählt im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Schwierigkeit, in Russland frei zu publizieren.


SPIEGEL ONLINE: Herr Ames, Ihre Zeitschrift ist gerade eingegangen. Über Ihrem letzten Leitartikel zur Geschichte von "Exile" steht auf der Webseite seit kurzem die Autorenzeile "Anonym". Haben Sie Angst, Ihren Namen offen zu zeigen?

Ames: Ich möchte mich einfach so wenig wie möglich exponieren, so lange die behördlichen Untersuchungen laufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen aber noch zu dem, was Sie geschrieben haben?

Ames: Natürlich. Es ist nur eine formale Angelegenheit. Wir haben auch die russische Version unserer Zeitung aus dem Netz genommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich die angekündigte Prüfung auf Extremismus?

Ames: Was die russische Elite mehr als alles andere an "Exile" ärgert, ist die Tatsache, dass wir uns weigern, nach den ernsten Regeln zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Ames: Ich denke, der russischen Regierung und den hiesigen Bürokraten ist ernsthafter, geradliniger Journalismus grundsätzlich viel lieber, damit können sie besser umgehen. Wir aber machen uns über alles lustig. Als wir unsere Zeitung 1997 aufmachten, haben insbesondere westliche Journalisten zu uns gesagt: Das könnt ihr nicht machen, unzensierte Satire mit politischem Journalismus zu vermischen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem taten Sie genau das.

Ames: Ja, und das war ein Affront. Vor allem gegenüber amerikanischen Journalisten. Weil es uns gab, erschienen diese im Vergleich ängstlich und vorsichtig. In der russischen Regierung gewöhnt man sich mehr und mehr daran, Dinge zu kontrollieren, auch die Art und Weise, wie Debatten geführt werden. Unsere Zeitung ist aber sehr anarchisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie wettern sowohl gegen die USA als auch gegen Regierung und Opposition in Russland. Treibt Sie allein die Lust an der Provokation?

Ames: Wir befinden uns in permanenter Opposition. Wir wollen die Leser wachrütteln, indem wir sie schockieren. Und wir möchten skeptische Leser, die hinterfragen, was wir tun. Menschen werden eingeschläfert, wenn sie etwa das ernste Auftreten der "New York Times" sehen. Wir wollen so schreiben, wie die Leute selbst über Politik sprechen. Wir loten die Grenzen des Journalismus aus und manchmal überschreiten wir sie auch.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel, wenn Sie über Erfahrungen mit Prostituierten schreiben.

Ames: Ja, und da bekam ich eine Menge Ärger. Das Thema ist nur akzeptiert, wenn Prostituierte als Opfer porträtiert werden. Es tut den Leuten weh, wenn man die Prostitution einfach als Job sieht.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie, Sie hätten in den USA mit ähnlichen Schwierigkeiten zu rechnen?

Ames: Natürlich. In den USA ginge die Initiative aber nicht von oben aus, sondern von Privatleuten. Dort sind teure Gerichtsverfahren eine beliebte Methode, um gegen jemanden vorzugehen. Weil wir uns nicht leise davonschleichen, sorgen wir nun bei den russischen Behörden für zusätzlichen Ärger. Anwälte haben mich deshalb davor gewarnt, mit der Presse zu sprechen. Aber es wäre feige, unserem Unmut nicht Luft zu machen. Man hat mir immerhin meine Zeitung geschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei gab es bisher gar kein Gerichtsurteil.

Ames: Sobald die Nachricht von der Extremismus-Prüfung im Umlauf war, zogen sich sämtliche Sponsoren aus Angst zurück. Die nächste Ausgabe ist dann schon nicht mehr erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie überhaupt nach Russland geführt?

Ames: Ich wollte so weit wie möglich weg von dem Büroleben, das mich in den USA erwartet hätte. Das schien mir schlimmer als der Tod. Ich wollte mein eigenes Ding machen und etwas riskieren. Außerdem war ich auch ein großer Fan der russischen Literatur.

SPIEGEL ONLINE: Wie erlebten Sie Moskau in den Neunzigern?

Ames: Nichts war vorhersehbar in dieser Hauptstadt eines zerfallenen Imperiums. Während die USA damals für eine gewisse Ideenlosigkeit und großen Konformismus standen, war Russland chaotisch, aber in Bewegung. Du konntest nicht nur außerhalb konventioneller Strukturen denken, sondern auch leben. Für einen Schreiber ist das sehr inspirierend. Nur in dieser Situation war es möglich, "Exile" zu gründen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie von den gegenwärtigen Problemen überrascht?

Ames: Nein. Früher oder später kehren die bösen Mächte der Höflichkeit und Vorsicht zurück. Heute gibt es in Russland wieder sehr viel Konformität. Die Menschen überlegen, wie sie einen Kredit für ihren Ford Focus bekommen, anstatt etwas zu riskieren. Im neuen respektablen Russland gibt es keinen Raum mehr für "Exile". Heute müssen dich die Behörden nicht mehr einsperren, es genügt, dir zu zeigen, dass sie auf dich aufmerksam geworden sind.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie darüber nachgedacht, Russland zu verlassen?

Ames: Absolut, ich überlege mir das. Wir wollen aber weiter kämpfen und denken darüber nach, in welcher Form wir neu erscheinen könnten. Auf der Webseite bitten wir um Spenden. Eigentlich hatten wir Pläne, ein richtiges Business aus dem Blatt zu machen. Aber wer will jetzt schon noch etwas mit uns zu tun haben?

Das Interview führte Carmen Eller



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