Zentralasien Zehntausende fliehen vor Gewalt in Kirgisien

Mindestens 117 Tote, Zehntausende auf der Flucht - die Lage in Kirgisien spitzt sich zu. Die Sicherheitskräfte können die Gewalt nicht eindämmen. Menschenrechtler warnen eindringlich vor einer humanitären Katastrophe in der Region.


Bischkek - Das Ausmaß der Gewalt in Kirgisien wird immer größer: Die Zahl der Todesopfer bei den Unruhen ist nach neuen Angaben der Regierung auf mindestens 117 gestiegen. Mehr als 1485 Menschen seien seit Donnerstagabend verletzt worden, teilte das Gesundheitsministerium der zentralasiatischen Republik mit. Im Süden des Landes kam es erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Angehörigen der usbekischen Minderheit. Der stellvertretende Chef der Interimsregierung, Temir Sarijew, sagte, die kirgisischen Streitkräfte seien nicht in der Lage, den bewaffneten Gruppen Einhalt zu gebieten.

Vor den gewaltsamen Unruhen sind nach Angaben des Nachbarlandes Usbekistan bereits bis zu 80.000 Menschen geflohen. Die meisten Flüchtlinge waren nach Angaben der usbekischen Behörden Frauen, Kinder und Angehörige der usbekischen Minderheit.

Nach Angaben des usbekischen Katastrophenschutzministeriums wurden allein in der Region Andidschan im Osten Usbekistans 32.000 Grenzübertritte allein von Erwachsenen registriert. Ein Polizeibeamter gab die Zahl der Flüchtlinge mit Kindern mit mehr als 80.000 an. Usbekistan öffnete am Sonntag erstmals die Grenzübergänge für die Geflohenen. In Jorkischlok wurden mehrere Flüchtlingslager eingerichtet.

Viele der Flüchtlinge berichteten in dem Grenzort Jorkischlok von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Kirgisien. Sie warfen den kirgisischen Sicherheitskräften vor, sich auf die Seite der Kirgisen zu stellen und den ethnischen Konflikt zwischen beiden Bevölkerungsgruppen damit zusätzlich anzuheizen.

Russland denkt über militärischen Beistand nach

Die Krise in Kirgisien beschäftigt auch Moskau: Russland schickte am Sonntag wegen der seit drei Tagen andauernden Auseinandersetzungen zusätzliche Soldaten zu seinem Luftstützpunkt in Kirgisien.

Wie die Nachrichtenagentur Interfax berichtete, brachten drei Maschinen der Luftwaffe am Sonntag eine Einheit Fallschirmjäger zu dem Luftstützpunkt in Kant. Die Truppe solle "den Schutz russischer Militäreinrichtungen stärken und die Sicherheit russischer Soldaten und ihrer Familien gewährleisten", hieß es. Der Stützpunkt Kant ist rund 20 Kilometer von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek entfernt.

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Kirgisien: Unruhen im Armenhaus

Am heutigen Montag will Kremlchef Dmitrij Medwedew wegen der blutigen Unruhen die Frage eines militärischen Beistands für Kirgisien erörtern lassen. Dazu treffen sich in Moskau die Gremien der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), einer Militärorganisation früherer Sowjetstaaten, wie der Radiosender Echo Moskwy berichtete.

Die Uno zeigte sich "alarmiert" über die Gewalt, Menschenrechtsgruppen warnten vor einer humanitären Krise. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon habe am Sonntag mit dem kasachischen Außenminister Kanat Saudabajew telefoniert, der derzeit den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) innehat. Drei OSZE-Gesandte seien vor Ort oder auf dem Weg nach Kirgisien und die EU werde ihre Mission koordinieren, teilte Ban mit.

Die Organisation Human Rights Watch rief die internationale Gemeinschaft zur Hilfe auf. "Ohne internationalen Beistand gibt es keinen Ausweg und jede Minute kostet Leben", sagte Andrea Berg, die bis Sonntag in Osch eingeschlossen war.

anr/dpa/Afp

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