Zeremonie für tote Soldaten Merkel trauert öffentlich - nun doch

Die Kanzlerin schwenkt um: Einen Tag vor der Trauerfeier für die drei getöteten Bundeswehrsoldaten entscheidet sich Angela Merkel überraschend zur Teilnahme. Ihr Stab bezeichnet die Zusage als "persönliches Anliegen". In Wirklichkeit reagiert sie hastig auf öffentlichen Druck.

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Berlin - In allerletzter Minute hat Angela Merkel ihre Teilnahme an der Trauerfeier für die drei in Nordafghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten angekündigt. Ein Regierungssprecher teilte mit, für die Kanzlerin sei die Veranstaltung nahe der Kaserne Seedorf in Niedersachsen "ein persönliches Anliegen". Spontan hat Merkel deswegen entschieden, ihren Urlaub auf Gomera abzubrechen und zurück nach Deutschland zu fliegen.

In der St.-Lamberti-Kirche im niedersächsischen Selsingen werden am Freitag unter mehr als tausend Gästen auch Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff und mehrere Verteidigungspolitiker an der Trauerfeier teilnehmen. Neben Abgeordneten und Top-Militärs werden auch viele Soldaten der betroffenen Einheit aus Niedersachsen erwartet. Guttenberg wird als oberster Dienstherr die Trauerrede halten.

Die Zusage Merkels kommt überraschend und wirkt doch, wie so oft bei der Kanzlerin, kühl kalkuliert. Am Mittwoch noch hieß es in Regierungskreisen, laut einer Verabredung innerhalb der Regierung werde nur der Wehrminister an der Zeremonie teilnehmen. Merkel besuchte in der Vergangenheit noch nie Gottesdienste für in Afghanistan getötete Soldaten. Nur einmal trat sie bei einer Gedenkstunde für einen in Kabul getöteten Polizisten auf, der früher in ihrem Personenschutzteam war.

Guttenberg brach Osterurlaub ab

Merkel hatte sich am Karfreitag wenige Stunden nach dem tödlichen Gefecht nur mit einer schriftlichen Mitteilung zu den gefallenen Soldaten geäußert. "Mit großer Bestürzung habe ich von dem verabscheuungswürdigen und hinterhältigen Angriff auf unsere Soldaten in Afghanistan gehört", lautete der Text der Erklärung. Wenig später telefonierte sie mit Afghanistans Präsident Hamid Karzai und entschuldigte sich für die von der Bundeswehr versehentlich erschossenen afghanischen Soldaten.

Für die Regierung agierten Wehrminister Guttenberg und Entwicklungsminister Dirk Niebel. Guttenberg brach umgehend seinen Osterurlaub in Südafrika ab und flog zurück nach Deutschland. Unterwegs steuerte er per Mobiltelefon die ersten Untersuchungen des Falls und unterrichtete teilweise persönlich die Verteidigungspolitiker. FDP-Politiker Niebel verlängerte seine Visite in Afghanistan und sprach für die Regierung bei einer ersten Zeremonie im Feldlager Kunduz.

Dass der Termin der Kanzlerin ein "persönliches Anliegen" sei, erscheint konstruiert. Vielmehr reagiert der Stab der Kanzlerin hastig auf die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung. In großen Lettern hatte das Boulevardblatt an diesem Donnerstag auf der zweiten Seite die plakative Frage gestellt, warum Merkel den getöteten Soldaten nicht die letzte Ehre erweist. Von der geplanten Berichterstattung wusste das Kanzleramt spätestens seit Mittwochnachmittag.

Merkel hält sich beim Thema Afghanistan auffällig zurück

In dem "Bild"-Bericht melden sich zwar nur ein eher unbekannter Unionsmann und einige Politiker von der SPD, die die Kanzlerin eher sanft auffordern, über eine mögliche Teilnahme nachzudenken. Gleichwohl zeigt das Blatt auch mehrere Bilder von anderen Staatschefs von Nato-Ländern, die sehr wohl an Trauerfeiern für in Afghanistan getötete Soldaten teilnehmen, darunter auch der US-Präsident Barack Obama und Silvio Berlusconi aus Italien.

Dass Merkel beim Thema Afghanistan zurückhaltend agiert, ist nicht neu. Seit Jahren hat es die Kanzlerin vermieden, den deutschen Einsatz als zentrales politisches Projekt an sich zu ziehen. So präsent die Mission der Bundeswehr und der Nato-Staaten in den Medien auch ist, so selten hört man die Kanzlerin dazu sprechen. Abseits von einigen Regierungserklärungen überließ sie Afghanistan gern dem Verteidigungs- und Außenministerium.

Im Kanzleramt sorgte die geplante "Bild"-Berichterstattung mit der Forderung nach einer Teilnahme Merkels schon am Mittwoch für Unruhe. Unablässig telefonierten die Berater der CDU-Politikerin den ganzen Nachmittag herum, wie man aus der misslichen Lage kommen könne. Bis zum Abend aber war der Stand im Kanzleramt, dass Merkel nicht teilnehmen wolle. Als Vertreter der Bundesregierung solle Guttenberg als Dienstherr der Soldaten zur Trauerfeier reisen.

Die Planungen für die Trauerfeier werden durch den plötzlichen Besuch der Kanzlerin etwas durcheinander geworfen. Dennoch soll es dabei bleiben, dass Minister Guttenberg für die Bundesregierung eine Ansprache hält. Er ist bei den Soldaten sehr beliebt. Die Teilnahme Merkels wird jedoch als Geste sicherlich auch gut ankommen.

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Seite 1
orion4713 08.04.2010
1. .
Zitat von sysopDie Kanzlerin schwenkt um: Einen Tag vor der Trauerfeier für die drei getöteten deutschen Soldaten entscheidet sich Angela Merkel überraschend, an der Trauerfeier teilzunehmen. Ihr Stab bezeichnet die Zusage als "persönliches Anliegen". In Wirklichkeit reagiert sie ziemlich hastig auf öffentlichen Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687862,00.html
Da wir uns ja jetzt in einem "Krieg" befinden, ist es die Pflicht des Oberbefehlshabers, d.h. der Bundeskanzlerin, daran teilzunehmen.
frubi 08.04.2010
2. .
Zitat von sysopDie Kanzlerin schwenkt um: Einen Tag vor der Trauerfeier für die drei getöteten deutschen Soldaten entscheidet sich Angela Merkel überraschend, an der Trauerfeier teilzunehmen. Ihr Stab bezeichnet die Zusage als "persönliches Anliegen". In Wirklichkeit reagiert sie ziemlich hastig auf öffentlichen Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687862,00.html
Mir doch egal ob Sie trauert oder nicht. Sie soll unsere Leute da raus holen und zwar so schnell es geht. Das sollte eigentlich der öffentliche Druck sein.
Coolie, 08.04.2010
3. Wenn ich Angehöriger wäre...
Zitat von sysopDie Kanzlerin schwenkt um: Einen Tag vor der Trauerfeier für die drei getöteten deutschen Soldaten entscheidet sich Angela Merkel überraschend, an der Trauerfeier teilzunehmen. Ihr Stab bezeichnet die Zusage als "persönliches Anliegen". In Wirklichkeit reagiert sie ziemlich hastig auf öffentlichen Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687862,00.html
..was ich zum Glück nicht bin....ich hätte auf die Heuchler aus Politik gerne verzichtet.
geldzauber 08.04.2010
4. mir kommen die Tränen,
Zitat von sysopDie Kanzlerin schwenkt um: Einen Tag vor der Trauerfeier für die drei getöteten deutschen Soldaten entscheidet sich Angela Merkel überraschend, an der Trauerfeier teilzunehmen. Ihr Stab bezeichnet die Zusage als "persönliches Anliegen". In Wirklichkeit reagiert sie ziemlich hastig auf öffentlichen Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687862,00.html
besser wäre es unsere Soldaten erst gar nicht in solche Abenteuer zu verstricken. Wird wohl nicht das letzte Staatsbegräbnis sein.
Berta, 08.04.2010
5. Trauerfeier
Zitat von sysopDie Kanzlerin schwenkt um: Einen Tag vor der Trauerfeier für die drei getöteten deutschen Soldaten entscheidet sich Angela Merkel überraschend, an der Trauerfeier teilzunehmen. Ihr Stab bezeichnet die Zusage als "persönliches Anliegen". In Wirklichkeit reagiert sie ziemlich hastig auf öffentlichen Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687862,00.html
Für die Bonzen sind Soldaten doch nur Mittel für ihre schmierige Politik. Kaum ein Wähler hat sich für deutsche Kriegspolitik ausgesprochen.
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