Zivile Opfer in Afghanistan Die tödlichen Muster der US-Strategen

Hunderte Zivilisten sind beim Anti-Terror-Feldzug in Afghanistan bisher ums Leben gekommen. Offenbar werden sie Opfer eines immer gleichen Fehlverhaltens der US-Streitkräfte.


In Afghanistan im Einsatz: US-Militärflieger MC-130
REUTERS

In Afghanistan im Einsatz: US-Militärflieger MC-130

Hamburg - Bei der Analyse von elf Luftangriffen der Anti-Terror-Allianz, bei denen insgesamt etwa 400 Zivilisten getötet wurden, zeige sich, dass die Fehlschläge auf zwei Hauptursachen zurückzuführen sind. Dies berichtet die "New York Times".

Bei allen elf untersuchten verheerenden Angriffen lässt sich demnach feststellen, dass sich die US-Kommandeure auf falsch verstandene Hinweise von Seiten ortskundiger Afghanen verließen. Als weiteres Erklärungsmuster lässt sich die Vorliebe der Amerikaner für Luftangriffe ausmachen. Bei den riskanteren Bodenoperation sei es eher möglich die Verlässlichkeit der Geheimdienstinformationen zu überprüfen.

Die Analyse der vergangenen sechs Monate zeigt der Zeitung zufolge, dass die Schlagkraft der Luftangriffe so stark war, dass Zivilisten auch dann getötet wurden, wenn die Angriffe rein militärischen Objekten galten.

Pentagon-Beamte sagen, die Strategie habe sich in den vergangenen Monaten geändert. Es gebe weniger Luftangriffe. Verbleibende Reste von al-Qaida-Kämpfern und des Taliban-Regimes würden nun stärker durch Bodentruppen bekämpft. Die Luftwaffe habe dabei lediglich eine unterstützende Rolle. Dennoch waren die Folgen dieser Unterstützung oft genug verheerend, schreibt das Blatt.

Kritiker werfen den Pentagon-Strategen vor, das Militär habe zu oft zugeschlagen, ohne genau zu wissen, was da eigentlich bombardiert oder beschossen würde. Zu oft habe man sich auf die Informationen afghanischer Warlords verlassen, ohne über deren wahrer Loyalität Bescheid zu wissen.

In Kandahar wird ein schwer verletztes Kind versorgt, das bei einem US-Luftangriff während einer Hochzeitsfeier im Dorf Kakarak getroffen wurde
AP

In Kandahar wird ein schwer verletztes Kind versorgt, das bei einem US-Luftangriff während einer Hochzeitsfeier im Dorf Kakarak getroffen wurde

Führende Militärs versuchen die Vorfälle herunterzuspielen. Sie sagen, sie würden über zivile Opfer keine Listen führen, doch ihre Kriegsstrategie sei erfolgreich. Anfang des Jahres nannte der Oberbefehlshaber der Afghanistankommandos, General Tommy R. Franks, den Feldzug "den am genauesten geführten Krieg in der Geschichte dieses Landes". Die Militärs trösten sich zudem mit einer vergleichsweise geringen Anzahl von Opfern auf der eigenen Seite: Bisher sollen 37 Soldaten getötet worden sein.

Der Afghanistan-Feldzug ist nicht der erste Krieg, in dem es Unterschiede gibt zwischen dem, was Piloten dachten, das sie angriffen und dem, was man anschließend auf dem Boden vorfand. 1999 nach 78 Tagen andauernder Luftangriffe auf Serbien räumten die Militärs ein, dass der Schaden, welcher der jugoslawischen Armee zugefügt worden war, viel geringer war als angenommen. Dennoch wurden laut der US-Organisation "Human Rights Watch" mindestens 500 Zivilisten getötet.



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