Zivile Opfer in Afghanistan "Tötet den Kerl!"

Haben US-Soldaten Zivilisten in Afghanistan getötet - einfach so? Die Militärjustiz müht sich, diese Vorwürfe zu klären. Ein Video des Senders CNN zeigt einen Beschuldigten, wie er teilnahmslos das willkürliche Töten gesteht. Sein Anwalt behauptet, der junge Mann sei für das Verhör "gedopt" worden.

Von Anika Kreller


Hamburg - In einem kleinen Verhörzimmer sitzt Jeremy M. auf einem schwarzen Drehstuhl, mit dem Oberkörper schlaff gegen die Wand gelehnt. "Er warf die Granate und rief uns zu: Tötet den Kerl", erzählt der amerikanische Soldat mit ruhiger Stimme. Wie ein gelangweilter Teenager beschreibt der 22-Jährige, wie er und seine Kameraden einen unbewaffneten Afghanen umbringen. Er schildert ein Kriegsverbrechen.

Am Montag haben auf dem Militärstützpunkt Lewis-McChord im US-Bundesstaat Washington die Vorverhandlungen gegen Jeremy M. begonnen. Ihm und vier weiteren Soldaten der 2. Infanterie-Division wird vorgeworfen, zwischen Januar und Mai drei afghanische Zivilisten in der Region Kandahar vorsätzlich getötet zu haben, ohne dass diese eine Bedrohung darstellten. Bei den nun beginnenden Anhörungen soll geklärt werden, ob genug Beweise für einen Prozess vor einem Militärgericht vorliegen.

Zeitgleich mit den beginnenden Voranhörungen meldet der US-Fernsehsender CNN, dass er an Videobänder gelangt sei, auf denen frühere Verhöre der Angeklagten durch Militärpersonal zu sehen seien. Auf der Internetseite zeigen sie den Ausschnitt, in dem Jeremy M. scheinbar emotionslos die Tötung des Afghanen beschreibt. Der junge Soldat sitzt mit verschränkten Armen da. "War er bewaffnet?", fragt sein Interviewer. "War er aggressiv?" Jeremy M. verneint alles und beschreibt nüchtern, wie sein Vorgesetzter eine Granate auf den Zivilisten wirft.

Fotos und Überreste der Toten gesammelt?

In einem anderen Video-Ausschnitt erzählt ein zweiter Soldat, dass sie regelmäßig Haschisch konsumiert hätten. Es lässt ein Bild entstehen von Jungs im Drogenrausch, die scheinbar wahllos Menschen umbringen. Jeremy M. und seinen Kameraden wird neben Mord auch noch die Schändung der Leichen vorgeworfen. Sie sollen Fotos von den Toten gesammelt haben.

Jeremys Vorgesetzter Calvin G. soll außerdem Finger- und Beinknochen, ein anderer Soldat sogar einen Schädel als Trophäe eingesteckt haben. Die aufgetauchten Videobänder mit der Aussage Jeremy M.s geben den Anschuldigungen neues Gewicht. Bei den Anhörungen am Montag behauptete der Anwalt von Jeremy M. laut CNN allerdings, sein Mandant hätte zum Zeitpunkt der Videoaufnahmen unter dem Einfluss starker Medikamente gestanden, die ihm Armeeärzte verschrieben hätten. "Anstatt ihn zu behandeln, haben sie ihn gedopt", sagte der Verteidiger. Sein Mandant sei "kein Monster und kein Psychopath".

Die fünf des Mordes verdächtigen Soldaten bekannten sich nicht schuldig. In den kommenden Wochen sollen sie alle in weiteren Vorverhandlungen gehört werden. Sieben weitere Soldaten sind zudem wegen geringerer Vergehen angeklagt, unter anderem wegen Drogenkonsum und Vertuschung der mutmaßlichen Morde.

Die Anschuldigungen gegen Jeremy M. und seine Kameraden sind die schwersten, seit die alliierten Truppen 2001 in Afghanistan einmarschiert sind. Sollten genug Beweise für den Militärprozess zusammenkommen, drohen den angeklagten Soldaten lebenslange Haftstrafen, einige müssen sogar mit der Todesstrafe rechnen. Das US-Militär befürchtet, dass die Enthüllung der mutmaßlichen Kriegsverbrechen dem Ansehen der Truppen schwer schaden könnte.

Immer wieder kommt es in Afghanistan auch bei regulären Einsätzen zu Zwischenfällen, bei denen Zivilisten ums Leben kommen. Zeitgleich mit dem Beginn der Vorverhandlungen in den USA verkündete in Australien die Chefanklägerin der Armee, dass sich drei australische Soldaten für ihr Verhalten bei einem nächtlichen Einsatz in Afghanistan vor Gericht verantworten müssen.

Mehr zivile Opfer

Bei einer Razzia in der afghanischen Provinz Urusgan im Februar 2009 lieferten sich etwa 30 Soldaten ein Feuergefecht mit einem mutmaßlichen Aufständischen. Schließlich setzten die Truppen auch Granaten ein. Sechs Zivilisten starben, fünf davon waren Kinder. Den Soldaten werden nun Totschlag, gefährliches Verhalten und Verstöße gegen rechtmäßige Befehle vorgeworfen.

Die Zahl der zivilen Opfer ist laut einem Bericht der Uno-Hilfsmission für Afghanistan (Unama) in der ersten Hälfte 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 31 Prozent gestiegen: 1271 Menschen starben, 1997 wurden verletzt. Für 12 Prozent dieser Toten und Verletzten waren regierungsnahe Truppen verantwortlich.

Nicht immer kommen diese tödlichen Zwischenfälle vor Gericht. Die Afghanistan-Protokolle, die die Enthüllungsplattform WikiLeaks Ende Juli veröffentlichte und aus denen auch der SPIEGEL zitierte (siehe Kasten unten), brachten eine Reihe bisher unbekannter Vorfälle ans Licht, in denen Zivilisten zu Opfern wurden. Allein britische Truppen haben demnach in 21 Fällen Zivilisten beschossen, mindesten 26 Menschen kamen ums Leben - aber kein Soldat wird bisher dafür juristisch verfolgt, das bestätigte das britische Verteidigungsministerium gegenüber dem britischen "Guardian".

Der ehemalige hochrangige Uno-Beamte Philip Alston forderte am Sonntag sogar, dass der Uno-Menschenrechtsrat das Kriegsgeschehen in Afghanistan untersucht. "Wenn die Staaten bei Verdacht auf Kriegsverbrechen keine vernünftigen Ermittlungen durchführen, sollte die internationale Gemeinschaft einschreiten", sagte Alston dem "Guardian". In Australien und den USA wird nun zumindest die staatliche Justiz aktiv.

Das sind die Details aus den Afghanistan-Protokollen:



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
intenso1 28.09.2010
1. Na ja...
Zitat von sysopHaben US-Soldaten Zivilisten in Afghanistan getötet - einfach so? Die Militärjustiz müht sich, diese Vorwürfe zu klären. Ein Video des Senders CNN zeigt einen Beschuldigten, wie er teilnahmslos das willkürliche Töten gesteht. Sein Anwalt behauptet, der junge Mann sei für das Verhör "gedopt" worden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720155,00.html
warum soll es in Afghanistan anders sein wie im Irak, Vietnam?
marifu 28.09.2010
2.
Zitat von intenso1warum soll es in Afghanistan anders sein wie im Irak, Vietnam?
Allein schon die Erinnerung an Abu Ghoraib aktiviert eine dunkle Seite in mir von der ich vor dem Golf Krieg nicht mal geahnt hatte, dass ich sie in mir hätte. Zusätzlich zu den anderen Verbrechen die US-Soldaten begehen wie Vergewaltigungen und Grausamkeiten wie menschliche Trophäen sammeln. Zynisch könnte man ja sagen, warum sollten sie auch zu ihren Feinden menschlicher sein wenn sie ihre eigenen Kameradinnen wie herrenlose Hündinnen behandeln. Debra Sweet wrote: How can the US military save Afghan women, when 1 in 3 of its own female members are raped by their fellow soldiers and Marines? http://warisacrime.org/node/47008 http://www.youtube.com/watch?v=t3w2mGQ7V3Q
heiko1977 28.09.2010
3.
Zitat von intenso1warum soll es in Afghanistan anders sein wie im Irak, Vietnam?
Richtig, aber muss man dann auch die gleiche Ignoranz an denTag legen? Oder die selben Fehler machen wie in Vietnam und die Mörder und Vergewaltiger durch kommen lassen?
marifu 29.09.2010
4. ...
Zitat von heiko1977Richtig, aber muss man dann auch die gleiche Ignoranz an denTag legen? Oder die selben Fehler machen wie in Vietnam und die Mörder und Vergewaltiger durch kommen lassen?
Seit 2001 werden Vergewaltigungen von US-Soldaten in Afghanistan "reportet", man verfolgt diese aber nicht. Meistens kommen diese Übgriffe auf die Zivilbevölkerung ja auch erst nach Jahren oder nach dem Abzug der Soldaten an die Öffentlichkeit: http://www.islamtimes.org/vdciypap.t1aw32lict.html Verbrechen in Afghanistan werden nicht angezeigt, sie werden (im Westen) vertuscht. Und das nicht nur von der USA sondern auch von der Nato: http://www.alles-schwindel.com/nato-verhindert-berichterstattung-in-afghanistan/ Der arabische Sender Al Jazeera wird seit Jahren immer wieder von der USA "aus Versehen" bei einem Einsatz getroffen. Ob im Irak oder in Afghanistan. Komisch, nicht ? http://www.wsws.org/de/2001/nov2001/jaze-n28.shtml http://www.informationclearinghouse.info/article11130.htm Und Sie glauben wirklich, die USA würde mit Kriegsverbrechern in Afghanistan die emotionslos Zivilisten erschiessen, vergewaltigen oder ihren Opfern die Finger abschneiden anders verfahren als wie im Irak oder in Vietnam ? Man braucht schliesslich aufgebrachte Talibans und wütende Widerstandskämpfer um Enduring Freedom überhaupt noch rechtzufertigen.
ohmannohjens 29.09.2010
5. Es soll keine Entschuldigung sein,
nur sollte man bedenken, dass diese Soldaten bereits als 16 jährige Kinder dem militärischen Drill ausgesetzt werden und die US- Armee geht nicht sonderlich zimperlich mit ihnen um, damit sie nur noch als willenlose Befehlsempfänger bedingungslos funktionieren. Kinder sind einfach schnell und nachhaltig in Tötungsmaschinen "umzurüsten". Und welche Auswirkungen die frühzeitige Abrichtung in ihrem noch völlig unausgebildeten Hírnchen auslösen, ist in diesem geschilderten Fall- für mich- deutlich zu erkennen. Jedes Jahr beenden über tausende von ihnen, nach ihrer Militärzeit, ihr Leben, weil sie mit ihrem Einsatz und auch nicht mit ihrem eigenen Verhalten in Kriegsgebieten nicht mehr zurecht kommen..... Wie gesagt, das soll keine Entschuldigung sein, sondern nur eine Randbemerkung von mir...... http://www.auxiliaris.org/?p=3860 http://www.auxiliaris.org/?p=3654
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