Zivile Opfer in Kunduz Der schwierige Weg zur Entschädigung

Der politische Wille zur Entschädigung der Verwandten der Toten des Luftangriffs bei Kunduz ist da - aber seine Umsetzung birgt viele Probleme. Schon die Feststellung, wer eigentlich ziviles Opfer ist, wer nicht, und wie viele es überhaupt gibt, ist kompliziert.

Ausgebrannter Tanklaster bei Kunduz: Vier verschiedene Listen mit getöteten Zivilisten
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Ausgebrannter Tanklaster bei Kunduz: Vier verschiedene Listen mit getöteten Zivilisten

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Berlin - Im Bundeswehr-Camp in Kunduz war man am Morgen ziemlich überrascht. Große Schlagzeilen gebe es in Deutschland, berichtete ein Offizier. Die Regierung habe mitgeteilt, sie wolle die zivilen Opfer des Bombardements von zwei Tanklastern entschädigen, man sei schon mit deren Anwalt im Gespräch. Eine Zeitung nenne sogar eine Summe für die deutsche Geste, drei Millionen Euro wolle Berlin an die Hinterbliebenenfamilien zahlen. In Nordafghanistan sah man sich ratlos an, doch niemand konnte Details über den angeblichen Deal liefern.

Es dauerte nicht lange, da dementierten das Ministerium und auch der Anwalt den etwas vorschnellen Bericht. Zwar hatte das Ressort von Karl-Theodor zu Guttenberg öffentlich seinen Willen zur Entschädigung kundgetan. Bis zur Auszahlung von Geld, das machten seine Beamten klar, sei es indes noch ein langer Weg. Erstmal wolle man mit dem Anwalt Karim Popal und seinen Kollegen Andreas Schulz, Oliver Wallasch und Markus Goldbach reden und ihre Unterlagen durchsehen. Popal vertritt nach eigenen Angaben rund 70 Familien, diese sollen bis zu 179 zivile Opfer beklagen.

Die Vorstellungen des Ministeriums sind recht klar. Im ersten Brief an die Anwälte sprachen sie von einer "schnellen" und "unbürokratischen" Hilfe. Übersetzt aus dem Beamtendeutsch heißt das in dem aktuellen Fall auch, dass die Ministerialen durch eilig getätigte Zahlungen vor Ort nur zu gern komplizierten Schadensersatzklagen von Opfern in Deutschland entgehen würden. Blutgeld nennt man diese Art der Entschädigung in Afghanistan - das Geld verhindert, dass der betroffene Clan an dem mutmaßlich Schuldigen auf eigene Faust Rache nimmt.

Mit dem erklärten Willen zur Entschädigung lässt sich das Ministerium auf einen komplizierten Prozess ein. Zwar sind solche Zahlungen für die Truppe kein Novum. Schon zweimal überreichten die Deutschen über einen lokalen Vermittler afghanischen Familien eine Wiedergutmachung in bar. Einmal hatten Bundeswehrsoldaten an einem Checkpoint in einer unklaren Situation eine Mutter und ihre beiden Kinder erschossen, die Familie bekam dafür 20.000 Dollar. Im zweiten Fall starb ein Junge, seine Familie erhielt etwas mehr Geld.

Entschädigungszahlungen - längst Routine für westliche Armeen

Das Verfahren der monetären Wiedergutmachung ist in Afghanistan völlig normal, fast alle Mordfälle und jeder Unfall werden so statt per Staatsmacht zwischen den Clans geklärt. Was sich für die Bundeswehr wie ein einfacher Deal zur Aufarbeitung des fatalen Bombardements anhört, läuft jedoch nach archaischen Regeln: So wird der Preis pro Opfer nach dessen Wert innerhalb des Clans berechnet. Der erste Sohn, traditionell der Nachfolger des Familienoberhaupts ist am meisten wert, für Mädchen hingegen wird sehr viel weniger Entschädigung geltend gemacht.

Für die westlichen Armeen ist das Procedere mehr oder minder Routine. Immer wieder hatten auch Amerikaner und Briten nach fatalen Fehlschlägen mit vielen zivilen Opfern die Dorfbevölkerungen mit Geld beruhigt. Die afghanische Regierung hat dieses Vorgehen ausdrücklich begrüßt. Problematisch war in vielen Fällen jedoch, dass die regionalen Politiker an den Deals ausdrücklich mitverdienen wollten oder das Geld am Ende nicht bei den Opfern ankam und sich die sogenannten Vermittler von den Dollar-Bündeln neue Jeeps kauften.

Doch die moralischen Schattenseiten sind für die Bundeswehr eher zweitrangig. Als in Berlin schon die Spekulationen über Millionensummen in die Höhe schossen, versuchte Verteidigungsminister Guttenberg deshalb, die Lage etwas zu beruhigen. "Ich glaube, dass wir zunächst einmal Gewissheit brauchen, wie viele unbeteiligte Opfer es tatsächlich gab", sagte der CSU-Politiker. Zwar unterstützte der Minister damit die Idee einer außergerichtlichen Einigung. Gleichsam aber machte er auch klar, dass er nicht an Familien von getöteten Taliban zahlen will.

Wie viele zivile Opfer gab es?

Die Frage, wer bei dem Angriff getötet wurde, rückt damit wieder in den Mittelpunkt der Diskussion. Zwar waren die beiden Lastwagen, die Benzin für die Nato-Truppen von Nordafghanistan nach Kabul bringen sollten, unzweifelhaft von einer Gruppe Taliban entführt. Als die Tanker jedoch auf der später bombardierten Sandbank feststeckten, kamen Dorfbewohner, teilweise von den Taliban gezwungen, andere freiwillig, um Benzin abzuzapfen. Auch auf den Luftbildern der Kampfbomber sind diese Menschen mit Kanistern deutlich zu sehen.

Wie viele Zivilisten und wie viele am Ort verbliebene Taliban jedoch getötet wurde, wird schwer herauszufinden sein. Während Anwalt Popal von 179 zivilen Toten und Verletzten spricht, nennen andere Quellen völlig andere Zahlen. In einem ersten Bericht einer afghanischen Untersuchungskommission, der für afghanische Verhältnisse ausgesprochen detailliert und stringent wirkt, wird die Zahl von 39 getöteten und neun verletzten Zivilisten genannt. Alle Opfer werden in dem 13-seitigen Bericht namentlich, teils mit Beruf, Herkunft und Alter aufgeführt.

Der afghanische Bericht ist von mehreren hochrangigen Beamten vom Innenministerium, dem Geheimdienst NDS und der Armee erstellt worden, er wurde auch dem Präsidenten präsentiert. Dass Zivilisten getötet wurden, wird durchaus eingestanden, allerdings wird der Luftangriff als Schlag gegen die Taliban gelobt. Insgesamt 69 Kämpfer der Aufständischen seien gestorben, elf verletzt worden, so der Bericht. Wie die Zivilisten werden alle von ihnen namentlich aufgelistet. Bei manchen ist gar erwähnt, ob sie bewaffnet waren oder nicht.

"Das wahre Ausmaß der Attacke wird verschleiert"

Neben der Regierungsliste gibt es noch zwei weitere Aufstellungen. Amnesty International berichtet von 83 getöteten Zivilisten, manche Namen von dieser Liste stimmen mit denen aus der Regierungsrecherche überein. Zudem hat das Rote Kreuz Zahlen, ebenso die Uno. Diese Berichte sind jedoch noch unter Verschluss. Der Bremer Anwalt Popal bezweifelt diese Angaben. Er wirft vor allem dem Gouverneur von Kunduz die Verschleierung des wahren Ausmaßes der Attacke aus der Luft vor, da dieser ohne jede Rücksicht Taliban töten wolle.

Die Papiere von Popal, die das Verteidigungsministerium möglichst bald einsehen möchte, haben ebenfalls einen Makel. Da er nicht an den Ort des Geschehens, die Unruheregion Char Darah reisen konnte, kamen Angehörige der Opfer - oder eben auch Leute, die sich als Verwandte angeblicher Opfer ausgaben - in die Stadt Kunduz und unterschrieben ihm dort die Mandate. Popal tat, was er konnte, sammelte Aussagen auf Video, bat seine Mandanten um Ausweise und Fotos der getöteten Angehörigen. Trotz vieler Stempel und Unterschriften aber sind auch diese Unterlagen für deutsche Verhältnisse kaum beweisfest.

Der Bundeswehr steht nun eine schwere, möglicherweise unlösbare Aufgabe bevor. Ohne kleinlich, ja geradezu menschenverachtend zu wirken, soll die deutsche Armee herausfinden, wer als ziviles Opfer Anspruch auf Entschädigung hat. Aus gleich vier verschiedenen Listen soll nun eine erste Gesamtschau erstellt werden, schon am Wochenende hatte das Camp den Gouverneur um seine Zahlen und die Namen gebeten.

Die Meldungen über Millionen im Wiedergutmachungstopf machen die Annäherungen an die Wahrheit nicht einfacher. Auch in Kunduz kommen solche Nachrichten über deutsche Internetseiten und den afghanischen Dienst der Deutschen Welle sehr schnell an. Die Zahl der sich meldenden Betroffenen wird damit nicht kleiner. "Die Lage im Stillen zu sondieren", meint ein hochrangiger Beamter, "wäre sicher einfacher gewesen".



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Seite 1
haltetdendieb 29.11.2009
1. Schlecht!
Schlecht!
Ragnarrök 29.11.2009
2.
gar nicht! wO kRIEG IST gibt es VERLUSTE!
BillBrook 29.11.2009
3.
Zitat von Ragnarrökgar nicht! wO kRIEG IST gibt es VERLUSTE!
Nun sagt aber die Bundesregierung, es ist gar kein Krieg.
querdenker13 29.11.2009
4.
Zitat von sysopDas Desaster um den Luftschlag in Afghanistan und die Informationspolitik wird zur immer größeren Belastung für die neue Regierung. Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Regierung?
Was für ein Krisenmanagement? Ein Erstklässler könnte besser mitteilen was genau dort vorgefallen ist als die gesamte Regierung von schwarz - gelb!
HansWilhelm 29.11.2009
5.
Zitat von BillBrookNun sagt aber die Bundesregierung, es ist gar kein Krieg.
für Frau Merkel ist die Erde ja auch ne Scheibe..,.
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