Zum Tod von Boris Jelzin Der Zar aus der Provinz

Für eine historische Sekunde sah es so aus, als ob Boris Jelzin alles gelänge: Als er sich im August 1991 - auf einem Panzer stehend - gegen die Putschisten stellte und so endgültig die Sowjetunion zu Grabe trug, wurde er zum Volkshelden. Doch seine Popularität war nicht von Dauer.

Von Jörg R. Mettke, Moskau


Moskau - Er war aufs Bauwesen spezialisiert und doch war seine größte Lust das Niederreißen. Er gab während seines Aufstiegs im Partei- und Staatsapparat mit Vorliebe den einfachen Mann, der gegen Privilegien kämpft, doch des Kremls Prunk und Pracht genoss und mehrte er inbrünstiger als manch einer von Gottes Gnaden.

Händeschütteln auf dem Panzer: Jelzin 1991 nach dem verhinderten Putschversuch vor dem russischen Parlament
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Händeschütteln auf dem Panzer: Jelzin 1991 nach dem verhinderten Putschversuch vor dem russischen Parlament

Er war ein erklärter Feind von Korruption und Günstlingswirtschaft, doch im Schatten seines Throns wuchs maßlose Verfilzung von Clans und Klüngeln mit dem großen, selten ehrlich verdienten Geld. Er hasste die Dunkelmänner des KGB und doch kürte er dessen fügsamsten Einflussagenten zu seinem Nachfolger.

Boris Jelzin, personifizierter Widerspruch im russischer Politik-Mäander von Reform und Restauration am Ende des 20. Jahrhunderts, ist nicht mehr. Der erste Präsident des postkommunistischen Russland starb heute im Alter von 76 Jahren in Moskau an plötzlichem Herzstillstand.

Fast im Taufbecken ertrunken

Dem "Burschen aus dem Ural" - so sein langjähriger Vertrauter Iljuschin -, der aus einer unterdrückten Familie kam und den ein besoffener Pope fast im Taufbecken ersaufen ließ, schien ein anderer Weg vorgezeichnet: früh von der Schule, in die Fabrik, wo der Vater arbeitete, bestenfalls eine bescheidene Werkskarriere. Der Junge, dem beim Spielen mit Munition eine explodierende Granate zwei Finger von der linken Hand fetzte und der später mit der Eisenbahn durchs Land trampte, neigte nicht und lud auch andere kaum ein zu Träumen vom Umgang mit Präsidenten, Kanzlern und Königinnen.

Karikaturisten zeichneten ihn später gern als Inbegriff, als gelungenste Vermenschlichung des russischen Bären. Doch niemand, den Boris Jelzin näher an sich heran ließ, hat je über ihn gelacht: Gerade wegen seiner kantigen Gebrochenheit - halb Homunculus der Bürokratie, halb ihr ätzender Verächter - war er vielleicht der menschlichste Kreml-Chef seit der Rückkehr der Staatsmacht aus St. Petersburg in dieses Gemäuer vor knapp 90 Jahren.

Während seiner Amtszeit brodelte das politische Magma des Landes. Jelzin liebte es heiß und die Leidenschaften in Bewegung. Nichts war in Ruhe, niemand mit sich selbst im Reinen, alles bewegte sich, jeder war oder gab sich wenigstens lernbereit: Amerika, Deutschland, selbst Polen waren Orte, wo man den fremden Blick aufs eigene nationale Eingemachte studieren und verstehen lernen wollte.

Zuletzt vertrauten ihm zwei Prozent der Wahlberechtigten

Inzwischen, sieben Jahre nach Jelzins Abgang, ist all das erstarrt oder ganz abhanden gekommen. Freund- und Feindbilder sind wieder geordnet und in harter Hand. Der Russe brauche die, hört man den Macht beflissenen Russen wieder sagen. Wer auf Töne aus dem Ausland hört, gerät zunehmend wieder in Verdacht, ihnen auch zu gehorchen. Die neueste Geschichtslüge der Moskowiter Herrenklasse: Russland sei vom Ausland mit Unterstützung des Jelzin-Clans beraubt, geplündert und versklavt worden. Ihr Lieblingszitat stammt von Henry Kissinger, der einmal maulte, unter Jelzin hätten sich alle westlichen Führer so verhalten dürfen, "als wären sie Akteure der russischen Innenpolitik". Die ist nun wieder eisenhart und aus einem Guss - dank Putin, den Kissinger immer wieder mal beraten darf und den er "sehr verehrt".

Zwei kurze Gründerzeit-Perioden mit viel Stagnation dazwischen und danach bescherte das vergangene Jahrhundert den Russen: Die eine am Anfang nach der bolschewistischen Revolution im Oktober des Jahres 1917; die andere, mit dem Namen Jelzin verbundene am Ende: Jenes letzte Jahrzehnt zwischen Putsch (1991) und Putin (2000). Übergangsfiguren, die eine politische Klasse in Zeiten radikalen System- und Wertewandels an die Spitze lässt, erlangen selten dauerhafte Popularität.

Als Pensionär Boris Jelzin am Silvesterabend des Jahres 1999 fernsehwirksam aus der Ziegelburg am Roten Platz in die verschneite Winternacht abtrat, vertrauten ihm in Russland gerade noch zwei Prozent der Wahlberechtigten. Und nur ganz, ganz langsam, so musste Russlands Alterspräsident von seinem streng abgeschirmten Ruhesitz nahe Moskau feststellen, kamen zum fast aufgebrauchten politischen Kapital einige wenige historische Zinsen hinzu.

Kurz vor seinem 75. Geburtstag, den er im Kreml mit 200 geladenen Gästen beging, fanden gerade erst 17 von 100 befragten Russen, die Jelzin-Dekade habe sich doch durch mehr Gutes als Schlechtes ausgezeichnet. Väterchen Stalin bekam und bekommt da weit bessere Noten als der "Demokrat" Jelzin, den sie schon zu Amtszeiten am Roten Platz mit spöttischem Respekt "Großvater" nannten.

Kein wirklicher Demokrat

Ein wirklicher Demokrat war er nicht, wurde er nicht. Dafür einer, der diese Rolle glänzend à la russe zu spielen verstand, solange er sich noch im Wartestand befand und in ständigem Clinch mit anderen ambitionierten Aufsteigern. Da war er seinem Volk wirklich nahe, das damals bierdeckelgroße Bekenntnis-Buttons trug mit der Aufschrift "Boris, Du hast Recht".

Da heimste er Mitleid ein und Sympathien in seinem Richtungsstreit mit Jegor Ligatschow, dem ebenso mächtigen wie orthodoxen Ideologie-Aufseher des Gorbatschow’schen Politbüros der achtziger Jahre. Der elf Jahre ältere Partei-Bürokrat, den bereits Gorbatschows Vorgänger Jurij Andropow aus der sibirischen Provinz nach Moskau geholt hatte, warnte auf dem 27. KPdSU-Parteitag 1986 vor Überhitzung der Perestroika. Sie gerate mit ihrer Doppelstrategie, Vergangenheit tief aufzupflügen und zugleich hoch in die Utopie abzuheben, immer mehr in Gefahr, die Unterstützung beim Volk zu verlieren: Aber "ohne breite Unterstützung", mahnte Ligatschow, "kann man selbst nie Erfolg haben".

Jelzin, damals Parteisekretär der sowjetischen Hauptstadt, offeriert ein anderes populistisches Konzept, setzt auf kompromisslose Forcierung des Reformtempos: Er propagiert "Augen zu und durch". Vor Dienstbeginn lässt er sich in die Vorstädte kutschieren, zwängt sich in überfüllte Metro-Züge, stellt sich in meuternde Käuferschlangen, moniert öffentlich Funktionärs-Privilegien: "Wir müssen diese Vergünstigungen beseitigen", beschwört er seine Genossen - und lässt listig eine Hintertür offen "...wo sie nicht gerechtfertigt sind."



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