Zum Tode Danielle Mitterrands Ihr Herz schlug links

Sie umarmte Fidel Castro, wetterte gegen den Kapitalismus und setzte sich für Flüchtlinge ein: Danielle Mitterrand war mehr als nur die Première Dame, die Gattin des französischen Präsidenten. Sie war eine unbequeme Intellektuelle, die bis ins hohe Alter das Establishment herausforderte.

AFP

Von , Paris


Im Ausland war sie vor allem als Gattin von François Mitterrand bekannt. In Frankreich genoss sie hingegen den Ruf als kritische, souveräne Stimme, die jetzt verstummt ist. Danielle Mitterrand wurde 1924 im ostfranzösischen Verdun geboren. Ihre Eltern waren politisch aktiv, setzten sich für die laizistische Erziehung in der "Schule der Republik" ein.

Mit 17 Jahren engagiert sich die Schülerin in der französischen Résistance gegen die Nazi-Besatzung. 1944 lernt sie dort einen gewissen François Morland kennen - Mitterrands Codename im Widerstand. Bei dessen Flucht in den Burgund spielt Danielle im Zug die verliebte Freundin, um die Gestapo zu täuschen. Es ist der Beginn einer Beziehung, die auch Mitterrands Affären, Seitensprünge und eine heimliche Doppelehe überstehen wird.

Wenige Monate später, nach der Befreiung, heiraten die beiden an Danielles 20. Geburtstag. Den Deutschen gegenüber hegt sie keinen Groll: "Wir haben nicht gegen die Menschen, sondern gegen den Faschismus gekämpft."

Eigene linke Ideale

Zunächst steht Danielle im Schatten ihres Ehemanns, des späteren sozialistischen Präsidenten. Er macht als Abgeordneter und Minister Karriere. "Mit 25 Jahren war ich verheiratet, hatte drei Kinder geboren - eines davon verloren - und lebte das Leben einer Mutter", resümiert sie Jahrzehnte später. "Ich war jung, reiste und hatte einen schönen Ehemann", sagt sie über ihre Zeit als "privilegierte und glückliche Frau".

Während seiner Präsidentschaftskandidatur unterstützt sie ihren Mann. Nach dessen Wahl 1981 spielt sie die Rolle der Gastgeberin der Republik, verfolgt aber unabhängig von der Politik des Elysée ihre eigenen linken Ideale. Sie setzt sich vornehmlich für Befreiungsbewegungen der Dritten Welt ein, wie die Guerilla in El Salvador oder die mexikanischen Zapatisten. "Die roten Teppiche der präsidialen Reisen haben mich nicht fehlgeleitet, genauso wenig wie mich das Licht der Lüster geblendet hat", sagt sie in einem Video auf der Web-Seite ihrer Stiftung France-Libertés.

1986 gründet Danielle Mitterrand diese Nichtregierungsorganisation, die "für eine gerechtere und solidarischere Welt kämpft, in der jeder seine Freiheit im Respekt des anderen ausüben kann". Die Stiftung, seit 1991 beratend für die Uno tätig, zieht gegen Südafrikas Apartheid zu Felde und setzt sich für unterdrückte Ethnien ein - etwa in Tibet. Der Dalai Lama bekommt einen Preis von ihr. Kurzerhand holt sie 300 Kurden aus einem türkischen Flüchtlingslager nach Frankreich. Der Einsatz für den freien und kostenlosen Zugang zu Trinkwasser wird zu einem der Hauptanliegen ihrer Stiftung.

Eine respektierte, aber unbequeme Intellektuelle

Bisweilen verstört Danielle Mitterrand die politische Klasse mit ihrem Nonkonformismus: Sie verteidigt nicht nur den Kurs von Fidel Castro, sondern empfing den Politiker aus Kuba bei einem Besuch in Paris mit Umarmung und freundschaftlichem Wangenkuss. Auch nach dem Ende von Mitterrands zweiter Präsidentschaft 1995 und dem Tod ihres Mannes ein Jahr später bleibt sie eine respektierte, aber unbequeme Intellektuelle. Sie rügt die Einwanderungspolitik der rechten Regierung und bekannte sich anlässlich des Europa-Referendums 2005 öffentlich zu einem "Non".

Danielle Mitterrand, die ihr Mann einst als "mein linkes Gewissen" gerühmt hatte, verlässt 2007 sogar die Parti socialiste. In ihren Memoiren begründet Madame ihre Entfremdung von den Genossen damit, dass deren Führer seit einigen Jahren "keine sozialistischen Eingeweide mehr haben".

Die resolute Autorin von einem halben Dutzend Bücher und Streitschriften rügte unlängst auf der Web-Seite ihrer Stiftung "einen Kapitalismus, der rissig wird, sich selbst zerstört - Opfer seiner totalitären Hybris und seiner Missachtung für menschlich, nicht-käufliche Werte". Mit Genugtuung nahm Danielle Mitterrand zur Kenntnis, dass sich "die Lage ändert" und "manche Kämpfe" gewonnen wurden. "Aber zugleich", klagte sie, "bleibt ein zu großer Teil der Menschheit am Rand des Weges zurück und erleidet mit voller Wucht den Wahnsinn unseres Systems."

Am 21. Oktober hatte die 87-Jährige, schon sehr geschwächt, noch das 25. Jubiläum ihrer Stiftung gefeiert, bevor sie am 20. November wegen Lungeninsuffizienz in das Krankenhaus Georges-Pompidou in Paris eingeliefert wurde. Danielle Mitterrand starb am 22. November.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wayne88 22.11.2011
1. xxx
Zitat von sysopSie umarmte Fidel Castro, wetterte gegen den Kapitalismus und setzte sich für Flüchtlinge ein: Danielle Mitterrand war mehr als*nur die "Première Dame",*die Gattin*des*französischen Präsidenten. Sie war eine unbequeme Intellektuelle, die bis ins hohe Alter das Establishment herausforderte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,799168,00.html
Hat Sie nicht daran gehindert, mit einem knallhatren Kolonialisten zusammenzuleben, der wissentlich große Waffenlieferungen an völkermordende Bürgerkriegsparteien zuließ. http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Ruanda/frankreich.html Ein merkwürdiger Spagat.
wohlmein 22.11.2011
2. '
Zitat von Wayne88Hat Sie nicht daran gehindert, mit einem knallhatren Kolonialisten zusammenzuleben, der wissentlich große Waffenlieferungen an völkermordende Bürgerkriegsparteien zuließ. http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Ruanda/frankreich.html Ein merkwürdiger Spagat.
Aber sie lebte trotzdem ihre eigenen Überzeugungen: Zitat: " Danielle Mitterrand, die ihr Mann einst als "mein linkes Gewissen" gerühmt hatte, verlässt 2007 sogar die Parti socialiste. In ihren Memoiren begründet Madame ihre Entfremdung von den Genossen damit, dass deren Führer seit einigen Jahren "keine sozialistischen Eingeweide mehr haben"." Zitatende Auch deshalb: Meine Hochachtung und FRIEDE IHRER SEELE !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.