Zum Tode Simon Wiesenthals Der Held des Lebens ist tot

Bekannt wurde er als "Nazi-Jäger". Sein größter Erfolg: die Ergreifung Adolf Eichmanns. Doch der nun in Wien gestorbene Simon Wiesenthal war nicht unumstritten. Die einen sahen in ihm einen "Helden unserer Zeit", andere warfen ihm vor, "mehr Maulheld als Held" gewesen zu sein.

Von Alexander Schwabe


Wiesenthal: "Recht, nicht Rache"
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Wiesenthal: "Recht, nicht Rache"

Das Wort Jäger steht für einen Begriff, der Killerinstinkt und Blutrünstigkeit meint. Das Simon Wiesenthal angeheftete Attribut "Nazi-Jäger" verfehlt insofern dessen Person, als dass es ihm nicht in erster Linie um Jagd, um das Zur-Strecke-Bringen eines Gejagten ging, sondern um die Wiederherstellung von Recht, um Gerechtigkeit. So sah es Wiesenthal selbst, darauf weist der Titel seiner verfilmten Erinnerungen hin: "Recht, nicht Rache".

Die Suche nach überlebenden Schergen des Nazi-Terrors machte aus dem Treiber immer wieder einen Getriebenen - wobei strittig bleibt, ob Wiesenthal immer Gerechtigkeit widerfuhr. Mächtige Gegner erwuchsen ihm von unerwarteter Seite: So war sein Verhältnis zum Jüdischen Weltkongress (WJC) voller Spannungen. Wiesenthal weigerte sich, das Bestreben des WJC zu unterstützen, den früheren Uno-Generalsekretär und späteren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim als einen der schlimmsten Kriegsverbrecher zu brandmarken. Für Wiesenthal war der ehemalige Wehrmachtsoffizier keiner der großen Nazis. Er stufte ihn lediglich als einen Lügner und Feigling ein.

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Fotostrecke: Wiesenthal - auf der Suche nach Gerechtigkeit

Auch mit dem österreichischen Kanzler Bruno Kreisky lebte Wiesenthal im Dauerclinch. Der Sozialist Kreisky vertrat den Standpunkt, er als Jude sei von den Nazis aus rein politischen Gründen verfolgt worden, nicht auf Grund seiner Religionszugehörigkeit. Aus dieser Haltung resultierte Kreiskys ambivalentes Verhältnis zum Staat Israel. Als Wiesenthal ihm vorwarf, mehr für die Palästinenser zu tun als für das ehemals österreichische Südtirol, riss die Bande zwischen den beiden vollends.

Wiesenthal wurde am Silvestertag 1908 in Buczacz in Galizien geboren. Im Alter von 22 Jahren wurde er - in Lemberg als Architekt tätig - von ukrainischen Milizionären zum ersten Mal verhaftet. Sein Leidensweg führte ihn durch zwölf Konzentrationslager. Die Nationalsozialisten ermordeten seine gesamte Familie, er selbst wurde - knapp dem Tod entronnen - von der US-Armee aus dem in Österreich gelegenen KZ Mauthausen befreit.

60 Jahre lang versuchte er von seinem kleinen Büro in Wien aus - das er Dokumentationszentrum nannte -, ehemalige Nazis in die Hölle zu schicken. Bis zuletzt war er ihnen auf der Spur. In der vor gut einem Jahr gestarteten "Operation letzte Chance" versuchte er noch, Hauptsturmführer Alois Brunner, "Eichmanns rechte Hand" zu fassen. Brunner - sollte er mit 89 Jahren noch leben - vermutete er in Syrien. Als seine größten Erfolge gelten das Aufspüren der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann (SS-Obersturmbannführer), Franz Stangl (KZ-Kommandant von Treblinka), Franz Murer (SS-Standartenführer in Litauen) und Hermine Braunsteiner (hundertfache Kindermörderin in Majdanek).

Der Chef der NS-Verfolgungsbehörde im US-Justizministerium, Eli Rosenbaum - einst Mitarbeiter des WJC -, versuchte den zur Institution gewordenen Wiesenthal in seinem 1993 erschienen Buch "Betrayal" vom Sockel zu stoßen. Er warf Wiesenthal vor, "inkompetent" und "egomanisch" zu sein, Verbreiter falscher Informationen. Auf diese Weise habe er die Überlebenden "betrogen". Statt der angegebenen 1200 Kriegsverbrecher habe Wiesenthal "vielleicht weniger als zehn" Täter überführt.

Bei großen Nazi-Fällen - Bormann, Barbie, Mengele - habe Wiesenthal versagt. Noch 1967 habe er behauptet, dass der 1945 gestorbene Martin Bormann in einer deutschen Kolonie in Brasilien lebe, "gut bewacht von Gorillas mit Sprechfunkgeräten". Wiesenthals ehemaliger Mitarbeiter Ottmar Katz warf ihm vor, in seinem Buch "Mengele auf Kythnos" treffe kein einziges Detail zu. Mengeles Gebeine wurden später in Brasilien exhumiert.

Vor neun Jahren wurde erneut versucht, die moralische Integrität des damals 88-Jährigen in Frage zu stellen. Das Fernsehmagazin "Panorama" versuchte nach Angaben von Redaktionsleiter Joachim Wagner, das "Ende einer Legende" einzuläuten, und Wiesenthals Bedeutung bei der Suche nach Nazi-Verbrechern zu relativieren. Seine Rolle bei der Ergreifung Eichmanns habe er maßlos überzeichnet. Ex-Mossad-Chef Isser Harel wurde angeführt, Wiesenthal habe ihm zur Ergreifung Eichmanns 1960 in Argentinien nichts geliefert, was von Bedeutung gewesen wäre. Wiesenthal selbst blieb dabei: Er habe Hunderte Täter überführt. Wagner dagegen konstatierte: "Wiesenthal ist eine tragische Figur. Er war mehr Maulheld als Held."

Die englische Journalistin Hella Pick, früher Kolumnistin beim "Guardian" und Wiener Emigrantin, sah das ganz anders. Sie stellt zwar menschliche Schwächen bei Wiesenthal fest, er sei eitel und stur, einer, der Menschen in Schwarz- und Weiß-Kategorien einteile, statt die feinen Schattierungen zu sehen, als einen Einsamen, der zum Workaholic wurde. Doch beendete sie ihre umfangreich recherchierte Biographie des "Gerechtigkeitsfanatikers" mit den Worten: "Wiesenthal ist ein Vorbild, und - ja - er ist ein Held des Lebens: nicht nur ein jüdischer Held, sondern ein Held unserer Zeit."

Wiesenthals Verdienst bleibt trotz aller Kritik an seinem Lebenswerk bestehen. Er rang um Gerechtigkeit und - um diese zu ermöglichen - kämpfte er gegen das Vergessen. Er wandte sich gegen das zentrale Holocaust-Mahnmal in Berlin, denn die Schoa habe "zu viele Gesichter für ein Mahnmal", jüdische Denkmäler seien aus Papier, nicht aus Stein. Doch war er überzeugt, dass eine Zivilgesellschaft zerfalle, wenn sie nicht ins Reine käme mit ihrer befleckten Vergangenheit.

Mit dem Tod Wiesenthals stirbt eine weitere gewichtige Stimme jener, deren Überleben und Leben eine Garantie dafür lieferten, dass die grausamsten Verbrechen der Menschheit nicht einfach geleugnet werden können. Mit seinem Tod wird der Graben zwischen den Nachkriegsgeborenen und ihren Eltern größer. Es ist an den Lebenden, die historische Kluft zu dem, was nie wieder geschehen darf, nicht durch Gleichgültigkeit gegenüber dem Nazi-Horror - ob aus Feigheit oder aus Leichtfertigkeit - zu vertiefen.

Wiesenthal lebte mehr als 60 Jahre unter dem düsteren Schatten des Dritten Reiches. Jetzt starb er im Alter von 96 Jahren in Wien. "Unser allmächtiger Gott wird es nicht zulassen, dass ich im Himmel auf Nazis treffe", hat er einmal gesagt - was Wiesenthal hoffte, wäre ihm zu wünschen.



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