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Erdbebenzone Türkei: Zwangsumsiedlungen in Istanbul

Foto: Ibrahim Usta/ ASSOCIATED PRESS

Zwangsräumungen in Istanbul Das Geschäft mit der Erdbebenangst

Istanbul ist eine der am stärksten von Beben gefährdeten Metropolen der Welt. Nun sollen ganze Wohnviertel abgerissen und erdbebensicher wieder aufgebaut werden. Wer sich weigert, wird enteignet. Die Betroffenen wittern ganz andere Interessen hinter dem Vorgehen.

Vor dem Tag, an dem die Männer von der Baufirma zum Vermessen kommen, hat Mehmet Kaya sich seit mehr als einem Jahr gefürchtet. Jetzt sind sie da. Sie machen Fotos, notieren Zahlen, ansonsten reden sie nicht viel. "Scheiße", sagt Kaya.

Mehmet Kaya, Anfang 50, ist Ökonom und lebt seit Mitte der siebziger Jahre in seiner Wohnung im Istanbuler Stadtteil Gayrettepe. Es ist das Zentrum einer boomenden Metropole. Eine hundert Quadratmeter große Wohnung kostet mindestens eine halbe Million Euro. Kayas hat sogar 150 Quadratmeter. Die Preise steigen und steigen, längst zählt der Immobilienmarkt von Istanbul zu den teuersten der Welt.

Aber Kaya hat überhaupt nicht vor, seine Wohnung zu veräußern. Er möchte darin leben. Als er sie 1977 kaufte, kostete sie einen Bruchteil ihres heutigen Wertes. Sieben Wohnblöcke stehen hier, in jedem 14 Appartements. Man könnte auf derselben Fläche viel mehr Wohnungen bauen, kleinere Einheiten, in höheren Gebäuden. "Wir wollen nicht, dass unsere Häuser abgerissen werden, nur weil sie vielleicht nicht ganz so schickimicki sind", sagt Kaya.

Doch die türkische Regierung sieht das anders. Sie hält die meisten Gebäude für nicht erdbebensicher. Ganze Wohnviertel werden damit zu Sanierungsgebieten erklärt. Landesweit sind sieben Millionen Häuser betroffen.

Gesetz im Sinne der Baufirmen

Dem Gesetz Nummer 6306 zufolge sollen sie abgerissen und durch einsturzsichere Häuser ersetzt werden. Das sogenannte Städtische Transformationsgesetz, im Mai 2012 beschlossen, gilt für die gesamte Türkei, findet derzeit aber vor allem in den Metropolen Anwendung - und hier vor allem in den teuren Lagen.

"Das Problem ist, dass dieses Gesetz weder im Sinne der Wohnungseigentümer noch im Sinne der Mieter ist", sagt Rechtsanwalt Murat Eltutan. "Es ist einzig im Sinne der Bauunternehmer, die auf diese Weise an milliardenschwere Aufträge kommen."

In Wahrheit, sagen Kritiker, gehe es um Gentrifizierung, also um die planmäßige Verteuerung von Stadtteilen durch den Abriss alter Viertel und den Bau neuer Immobilien. Reichere Leute würden angelockt, während Ärmere verdrängt würden - ein Prozess, der in Istanbul schon mehr als ein Jahrzehnt andauert.

Dem kritisierten Gesetz zufolge werden die Bewohner und Eigentümer aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen, damit die Gebäude abgerissen werden können. Wer dem nicht innerhalb von 60 Tagen nachkommt, darf mit Polizeigewalt entfernt werden.

Autoritäre Lösungen für alle Probleme

Kürzlich haben die Vermessungen begonnen, die ersten Zwangsumsiedlungen wird es demnächst geben - denn die meisten Menschen weigern sich noch, ihre Häuser zu verlassen. Viele organisieren sich im Verein "Opfer des Stadterneuerungsprogramms", dessen Vorsitzender Eltutan ist. "Wir hoffen, dass das Gesetz noch geändert wird", sagt er.

Sie hätten viel gelernt aus den jüngsten Gezi-Protesten, sagt Kaya. "Da haben die Jungen sich gewehrt. Nun wehren wir Mittelalten uns." Sie alle hätten es satt, von den Regierenden behandelt zu werden "wie Idioten". "Mir wird man statt 150 Quadratmetern eine 90-Quadratmeter-Wohnung anbieten, irgendwo im billigen Erdgeschoss. Die Baufirma wird sich die besten Wohnungen unter den Nagel reißen", mutmaßt er.

Die Bewohner in Gayrettepe sind sich sicher, dass es in erster Linie nicht um Erdbebensicherheit, sondern um das Geschäft geht. Denn die von der Regierung beauftragten Baufirmen werden für den Abriss und den Neubau nicht bezahlt, sondern bekommen Wohnungen zugesprochen, die sie verkaufen oder vermieten können. Sie dürfen die neuen Gebäude entsprechend um mehrere Stockwerke höher bauen.

"Wenn wir zurück in unsere Wohnanlage wollen, müssen wir für die kleinere Wohnung auch noch bezahlen", schimpft Kaya. "Aber wie viel, sagt uns vorher niemand." Für die Übergangszeit müssten die Bewohner sich eine neue Bleibe suchen. Maximal 600 Lira monatlich, umgerechnet 218 Euro, gibt es als Mietzuschuss. "In dieser Gegend kostet eine Wohnung aber mindestens tausend Euro. Und den Zuschuss erhält nur, wer seine alte Wohnung freiwillig verlässt."

Es ist eine beispielhafte Geschichte dafür, wie in der Türkei Politik gemacht wird: mit autoritären Lösungen für durchaus nachvollziehbare Probleme. Denn tatsächlich zählt Istanbul zu den am stärksten von Erdbeben gefährdeten Großstädten der Welt. Gleichzeitig ist die Stadt wie kaum eine andere stark gewachsen. Mitte der Fünfziger überschritt sie die Eine-Million-Einwohner-Grenze, offiziell sind es heute 14 Millionen Menschen, Schätzungen zufolge noch mehr.

Hohes Erdbebenrisiko für Istanbul

Die Stadt liegt an der nordanatolischen Verwerfung. Forscher nennen sie eine der aktivsten seismischen Regionen der Erde. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Erdbeben der Stärke sieben Istanbul in den kommenden 30 Jahren verwüstet, liegt Berechnungen zufolge bei bis zu 70 Prozent.

Das jüngste schwere Erdbeben war vor 14 Jahren. Damals lag das Epizentrum knapp hundert Kilometer von Istanbul entfernt. Etwa 17.000 Menschen starben. Heute redet kaum noch jemand darüber. Die schlimmen Erinnerungen und die drohende Gefahr werden verdrängt.

So sieht die Stadt auch aus: Es gibt kaum Zufahrtswege für Rettungswagen und keine freien Flächen, wo Menschen sich im Notfall versammeln könnten. Mindestens zwei Drittel aller Gebäude gelten als nicht erdbebensicher. Viele wurden ohne Genehmigung gebaut oder ohne das nötige Wissen.

"Wir haben gelernt", sagt Mete Tapan. Der Professor für Architektur war Städteplaner in Istanbul und kennt sich aus mit Erdbebenschutz. "Die Bauvorschriften wurden seit 1999 verschärft, es gibt neue Berechnungstafeln", sagt er. So müsse jetzt sehr viel mehr Stahlbeton verwendet werden. "Man kann sagen, dass fast alle Bauten, die vor 1999 errichtet wurden, nach heutigen Standards nicht mehr als erdbebensicher gelten."

Kaya sagt, er wisse nicht, wohin, wenn er seine Wohnung verlassen soll. Er werde sich trotzdem keine neue Bleibe suchen: "Da können die noch so oft sagen, uns drohe der Erdbebentod. Die müssen mich schon wegtragen."

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