Zwei Mädchen frei Was wurde aus den anderen Jemen-Geiseln?

Nach elf Monaten sind Anna und Lydia frei: Saudische Spezialkräfte retteten die Mädchen aus den jemenitischen Bergen. In einer Kommandoaktion? Oder war es eine friedliche Übergabe? Die Bundesregierung kann weitere Details nicht preisgeben - weil sie die restlichen Geiseln nicht gefährden will.
Jemenitische Rebellen im zerstörten Saada: Undurchsichtige Verhältnisse

Jemenitische Rebellen im zerstörten Saada: Undurchsichtige Verhältnisse

Foto: AFP

Jemen

Jemen-Entführung

Berlin - Es war am Montagnachmittag in der saudischen Hauptstadt Riad, da klingelte in der Deutschen Botschaft das Telefon. Zwei Mädchen, die Töchter der vor einem Jahr im entführten Familie Hentschel, sind am Leben, teilte ein Beamter des Innenministeriums mit. Das saudische Militär habe Anna und Lydia befreit, es könne jemand ins Militärkrankenhaus kommen. Wenige Stunden später war im fernen Berlin klar, dass es die beiden Mädchen sind - und dass es nach vielen Rückschlägen doch einen Fortschritt in der mysteriösen gibt.

Schon am Abend erreichte die Nachricht über das Auswärtige Amt (AA) auch die Angehörigen der Familie in Sachsen, die seit dem 12. Juni 2009 um ihre Lieben bangen. Doch was mit den Eltern der beiden Mädchen und deren Bruder passiert ist, mit Johannes, Sabine und Simon Hentschel, das konnten die Experten vom Landeskriminalamt (LKA) ihnen auch nicht sagen. Zuerst hatte man befürchtet, eine vage Andeutung der Saudis könne bedeuten, dass die Soldaten die Leiche von Simon gefunden hätten. Dies bestätigte sich aber am Tag darauf nicht.

Überhaupt blieb weitgehend unklar, was sich bei der erfolgreichen Befreiung von Anna und Lydia abgespielt hatte. Die Saudis sprachen von einer Rettungsaktion, Außenminister Westerwelle von einer Befreiung. Das erste klingt nach zähen Verhandlungen und einer kompliziert geplanten Übergabe irgendwo im Grenzgebiet des Nordjemens und dem Süden des Saudi-Reichs. Westerwelles Semantik lässt eher eine Kommandoaktion von Spezialkräften vermuten, bei der die Geiseln erst lokalisiert und dann gut vorbereitet in einem gewaltsamen Zugriff aus der Hand der Entführer befreit werden.

Verflochtene Verhandlungen zwischen Kidnappern und Saudis

Wie so oft im Jemen und speziell in diesem Fall gab es für beide Versionen Augenzeugen. In den Medien der beiden Länder berichten Stammesangehörige von Kampfhubschraubern und maskierten Special Forces, die am Rande der nördlichen Provinzmetropole Sadaa mehrere Gehöfte gestürmt und die Mädchen befreit hätten. Andere Quellen wiederum erzählen mit großem Detailreichtum von verflochtenen Verhandlungen zwischen Kidnappern und Saudis und nennen ein Lösegeld in Millionenhöhe.

Ob sich das Bild je klärt, darf bezweifelt werden. Im AA zeigte man sich zwar sicher, dass es sich um eine Aktion von Spezialkräften gehandelt habe, und Minister Westerwelle dankte den Saudis dafür sehr herzlich. Gleichwohl bemühten sich die Diplomaten, nicht zu viel über Details der Aktion und den Vorlauf der deutsch-saudischen Kooperation preiszugeben. Als Argument wurde stets genannt, weitere Enthüllungen würden das Leben der anderen Geiseln gefährden. Bisher jedoch habe man weder einen Hinweis, dass sie noch leben, noch dass sie umgekommen sind.

Mit der Freilassung der beiden Mädchen bestätigte sich eine These, die der Krisenstab schon sehr früh aufgestellt hatte. Auch wenn man bis heute nicht genau weiß, wer die Täter sind und warum sie die christlich geprägte Familie aus Sachsen gemeinsam mit zwei Bibelschülerinnen aus Niedersachsen, einer Südkoreanerin und einem Briten verschleppten, mutmaßten Landeskenner, dass die Geiselnehmer die Kinder verschonen, sie vielleicht von der Gruppe trennen und einer Familie in der Region übergeben würden. Bisher konnten die Mädchen dazu allerdings noch nichts sagen, sie sind schlicht zu erschöpft.

Plötzlich waren alle Täter-Hypothesen möglich

Der 12. Juni 2009 und die folgenden Tage hatten eine Schockmeldung nach der anderen gebracht. Zuerst hatte man im Krisenstab mit einer typischen Jemen-Verschleppung gerechnet. Oft werden in dem Wüstenstaat Ausländer von den Stämmen gekidnappt, um etwa Forderungen nach einer neue Straße oder einem Brunnen durchzusetzen. Komisch war jedoch von Beginn an, dass sich niemand mit solchen Forderungen meldete. Wenige Tage später dann fanden Hirten die fürchterlich zugerichteten Leichen der Asiatin und der beiden deutschen Bibelschülerinnen, sie waren in einem ausgetrockneten Flussbett hingerichtet worden.

Saudi-Arabien

Spätestens jetzt war auch in Berlin klar, dass die Sache mehr als ernst war. Lokale Milizen, die jahrelang von der Regierung bekämpften Huthi-Rebellen oder gar al-Qaida-Kräfte aus - plötzlich waren alle Täter-Hypothesen möglich. Die Jemeniten versprachen jeden Tag wieder, man werde die Geiseln bald befreien, doch es passierte gar nichts. Deutsche Behörden wiederum warteten auf einen Kontakt, auf einen Mittelsmann, der seine Dienste anbietet, auf ein Video mit einem Lebenszeichen. Doch es kam nichts, die Ermittlungen kamen nicht von der Stelle.

Die Familie aus Sachsen wurde in einem von vielen Kräften umkämpften Gebiet entführt. Seit Jahren liefern sich rund um die Provinzhauptstadt schiitische Huthi-Rebellen heftige Schlachten mit Regierungstruppen, im Jemen spricht man derzeit vom Krieg Nr. 6. Johannes und Sabine Hentschel wagten sich zwischen die Frontlinien, um den Menschen in einer Klinik zu helfen. Die deutsche Botschaft hatte das Paar mehrfach davor gewarnt, die kleinen Kinder auf diese Missionen mitzunehmen.

Die undurchsichtigen Verhältnisse machten die Geiseln von Beginn an zu Spielbällen diverser Interessen. Die Regierung beschuldigte die Huthis und rechtfertigte ihre rücksichtslosen Angriffe auf die Bewegung mit dem Fall der Deutschen. Die Huthis wiederum sahen eine Verschwörung hinter dem Fall, man wolle ihnen politisch durch die Vorwürfe gegen sie schaden. Alle Seiten, so jedenfalls der Eindruck von Diplomaten, pokerten mit in diesem Spiel - und niemand konnte den Deutschen auch nur eine Spur liefern, wo sich die Geiseln befinden.

Al-Qaida werfen den Scheichs Kumpanei mit den USA vor

Großspurige Ankündigungen markierten den Fall. Erst vor wenigen Monaten schürte der Präsident des Jemen persönlich Spekulationen über ein baldiges Ende des Dramas. Beim Vier-Augen-Gespräch mit Westerwelle verkündete er, seine Behörden wüssten, wo die Geiseln seien, die Freilassung sei nur noch eine Frage der Zeit. Wenig später stellte sich heraus, dass die leeren Versprechungen wohl nur ein Ablenkungsmanöver waren - schließlich war Westerwelle gekommen, um einen härteren Kampf gegen den Terror zu fordern.

Nordjemen

Dass am Ende die Saudis erfolgreich waren, ist bemerkenswert. Mit der Operation beweist das Öl-Imperium, dass es über Aufklärung und schlagkräftige Einheiten für den verfügt. Riad sieht den zerfallenden Nachbar Jemen als Riesengefahr für die eigene Sicherheit. So ist Saudi-Arabien eines der Hauptziele von Terror-Gruppen wie al-Qaida, die den Scheichs Kumpanei mit den USA vorwerfen. Den Nordjemen haben die Geheimdienste als Sammelbecken dieser Kräfte identifiziert; immer wieder gelangen dort gezielte Schläge gegen die Terrorkader.

Was diese vertrackte Lage für das Schicksal der restlichen Geiseln bedeutet, ist kaum einzuschätzen. Skeptiker im Krisenstab bewerten die Überlebenschancen der Erwachsenen schon seit Monaten als schlecht. In einem Video, das den Deutschen im Herbst 2009 zugespielt wurde, waren nur die Kinder zu sehen. Schon damals sah Simon, der zwei Wochen nach der Entführung seinen ersten Geburtstag hatte, erschöpft aus. Die Strapazen einer Geiselnahme dürften dem Kleinkind massiv zugesetzt haben.

Den beiden Mädchen hingegen geht es nach der Freilassung verhältnismäßig gut, Anna und Lydia litten zwar unter Flüssigkeitsmangel, doch der konnte schnell abgestellt werden. Schon am Dienstag traf eine Delegation aus Deutschland mit Psychologen und auch einem Familienangehörigen in Riad ein, um die Mädchen so schnell wie möglich zurück nach Deutschland zu bringen.

Dort werden die beiden behutsam befragt werden; sie sind die einzigen Zeugen einer der mysteriösesten Entführungen, mit denen die Bundesregierung je zu tun hatte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.