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31. Januar 2008, 10:41 Uhr

Zweikampf der Republikaner

Eine Frage der Ehre

Aus Simi Valley berichtet

John McCain gegen Mitt Romney: Nach dem Ausstieg von Rudy Giuliani ist das Rennen der Republikaner zu einem Duell geworden. Eine TV-Debatte gestern Abend zeigte: Sie wollen sich nicht über Inhalte abgrenzen - sondern über ihren Charakter.

Simi Valley - Die "Ronald Reagan Presidential Library" im kalifornischen Simi Valley erreicht man über den "Ronald Reagan Freeway". Der Blick reicht weit über die Hügel von Los Angeles, und im Sonnenuntergang hat Nancy Reagan hier 2004 ihren Mann begraben. Auf dem weitläufigen Gelände der Bibliothek ist ein Stück der Berliner Mauer zu bestaunen, und der "Air Force One"-Jet, mit dem Reagan einst durch die Welt düste.

Ein Plastikmodell davon gibt es zum Mitnehmen ab 139,95 Dollar - im "Ronald Reagan Museum Store". Der originale Flugzeugrumpf lugt nun über die Schulter von Mitt Romney und John McCain. Sie sollen bei CNN über ihre Bewerbung als Reagans Erben im Weißen Haus diskutieren, und der TV-Sender hat das Studio direkt vor den Flieger aufgebaut.

In der ersten Zuschauerreihe thront Nancy Reagan gleich neben Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger. Jede Menge republikanische Prominenz drängt sich. Sie wirken ein bisschen, als warteten sie auf einen historischen Moment. Romney und McCain kauern in seltsamen roten Drehstühlen, die vor dem gewaltigen Flugzeug wie Kindersitze aussehen, aber sie sprechen nicht über Geschichte - sie verstricken sich beinahe umgehend in kleinliche Wahlkampfgeschichten.

Rasch geht es um die Frage, ob Romney ein konkretes Datum für einen US-Rückzug aus dem Irak genannt hat - oder ob er lediglich die Truppenverstärkung im vorigen Jahr unterstützt habe. Romney beschwert sich, McCain behaupte dies nur, um ihn als truppenfeindlich zu diffamieren. McCain hört sich seine Ausführungen nickend an, grinst mit gesenktem Kopf. Dann zitiert er genüsslich Romneys entsprechende Aussage. Der Kontrahent macht ein seltsames Gesicht, als habe er die Worte noch nie gehört: "Was heißt das eigentlich?" McCain fletscht wieder die Zähne, grinsend: "Sie haben es gesagt."

Droh-Duell in Drehstühlen

So fliegen die Satzfetzen minutenlang hin und her, und fast scheint es, als würden die Kontrahenten mit ihren Drehstühlen aufeinander zu rollen. Neben ihnen auf der Bühne ruckeln Mike Huckabee, der Ex-Gouverneur von Arkansas, und der Kongressabgeordnete Ron Paul unruhig auf ihren Stühlen. Die beiden Mitdiskutanten sind weit abgeschlagen in den Umfragen, sie haben keine Chance mehr auf die Nominierung der Republikaner.

Paul neigt zu wilden Monologen, doch nach den quälenden Minuten des Hin und Her zwischen Romney und McCain hat er die passenden Worte parat: "Ich weiß gar nicht, was dieser Streit um technische Details soll. Eigentlich stimmen beide doch überein - sie wollten in den Irak und sie wollen dort bleiben."

Zum ersten Mal klatscht das Publikum ausgelassen. Denn der republikanische Präsidentschaftswahlkampf, das zeigt diese Debatte, ist vielleicht zum gnadenloseren Duell geworden als die viel beachtete Auseinandersetzung zwischen Barack Obama und Hillary Clinton bei den Demokraten. Es ist weniger ein Streit um Delegierte oder Positionen. Es ist ein Kampf um den Charakter - und der bizarre Streit um das vermeintliche Zitat zur Irak-Politik fügt sich darin nahtlos ein.

McCain will Romney in der Irak-Politik als prinzipienlosen Wankelgeist darstellen - während er gegen die öffentliche Meinung mutig für ein entschlossenes Verharren im Irak geworben habe. Romney wiederum versucht, den von vielen als so aufrecht empfundenen McCain als einen gewöhnlichen Politiker aus Washington darzustellen - der selbst mit schmutzigen Tricks arbeite.

Schlagabtausch zwischen Musterschüler und Klassenrebell

Die 90 CNN-Minuten in der Reagan-Bibliothek wirken deshalb wie ein Schlagabtausch zwischen einem Musterschüler und einem Klassenrebellen. Romney - erfolgreicher Geschäftsmann, blendend aussehend, fünffacher Familienvater - gibt den konservativen Musterschüler. "Geht es uns heute besser als vor acht Jahren?", fragt ihn der Moderator gleich am Anfang, in Anlehnung an ein berühmtes Reagan-Zitat. Romney redet viel über die Fehler in Washington, aber zu dem amtierenden Präsidenten geht ihm kein böses Wort über die Lippen. Der habe das Land sechs Jahre lang sicher gehalten, und dafür müsse man ihm danken. Bei konservativen republikanischen Vorwählern ist der Präsident noch immer sehr beliebt.

Als dann die Frage aufkommt, was denn nicht wirklich konservativ sei an McCain, lädt Romney dankbar eine Breitseite ab: Sein Konkurrent wolle nicht in der Arktis nach Öl bohren, er habe gegen Bushs massive Steuersenkungen gestimmt, und in der Einwanderungspolitik - sei er da nicht auch sehr liberal?

McCain hat sich mit seiner eigenen Partei schon auf vielen Themenfeldern angelegt und Wählern schon mal direkt erklärt, ihre Jobs kämen nun mal nicht wieder. Er gibt den Rebellen, der die Unabhängigkeit zur Stärke erhoben hat. Einer, der sich von Prinzipien führen lässt, nicht von Tagesstimmungen. Er will Romney als glatten Karrieristen auflaufen lassen, als einen, der glaube, sich mit Geld alles kaufen zu können. O-Ton: "Von mir aus können Sie all ihr Vermögen für Werbespots ausgeben."

Und wie sei das denn mit der Führungsstärke, auf die sich der erfolgreiche Geschäftsmann Romney so viel einbilde? Manchmal, fügt McCain fein lächelnd an, hätten Leute dabei ihren Job verloren. Er hingegen habe nicht für Profit geführt - sondern aus Patriotismus.

Es ist das letzte große Fernsehduell vor dem 5. Februar, dem "Super Tuesday", wenn bei den Republikanern 21 Bundesstaaten abstimmen. Romney muss damit fertigwerden, dass er seine Positionen oft gewechselt hat - und niemand kann Musterschüler wirklich leiden. Aber auch McCain ist längst nicht am Ziel: Bislang hat er fast alle seine Vorwahlen mit Hilfe unabhängiger und moderater Wähler gewonnen. Nun müsste er auch konservative Republikaner überzeugen.

Die Vorbehalte gegen McCain sind beträchtlich

Genau bei denen sind die Vorbehalte gegen den Parteirebellen nach wie vor beträchtlich. Aus den Radios geparkter Autos vor der Reagan Library dröhnen die Stimmen konservativer Talkmaster, die gegen McCains liberale Positionen zur Einwanderungspolitik wettern. Der einflussreiche TV-Konservative Rush Limbaugh donnert, McCain als Kandidat werde die Partei zerstören. Allerdings liegt der ungeliebte Rebell in den wichtigsten Vorwahlstaaten Kalifornien und New York in Umfragen deutlich vorne.

Und er kann dort zudem auf prominente Wahlhelfer bauen: Gestern ist der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani aus dem Rennen ausgestiegen und hat McCain einen "amerikanischen Helden" genannt, den er fortan unterstützen werde. Noch während der CNN-Debatte lässt Kaliforniens populärer Gouverneur Arnold Schwarzenegger verlauten, er werde bald sein Votum für McCain öffentlich machen. "Die Republikaner scharen sich in ihren Vorwahlen eigentlich immer rasch um eine Autoritätsfigur", sagt der konservative Kommentator Tucker Carlson. Das habe dieses Jahr lange gedauert, doch nun scheine McCain diese Figur zu sein.

Wer dies in der Vergangenheit war, daran lassen alle Kandidaten keinen Zweifel. Es ist die letzte Frage, schon bereitet CNN den Abspann vor, da kommt der Moderator noch einmal auf Ronald Reagan. Ob sie, die Bewerber, sich vorstellen könnten, dass er ihre Bewerbung unterstützen würde? Absolut, glaubt Mitt Romney. Unbedingt, meint John McCain. Mike Huckabee hält gleich eine bewegende Eloge, wie Reagan den Amerikanern den Optimismus wieder beigebracht habe.

Da strahlt Nancy Reagan glücklich, und kurz darauf führt Schwarzenegger sie zur Bühne. Sie steht mit den Bewerbern vor der gewaltigen "Air Force One". Die republikanischen Hoffnungsträger für den Kampf um das Weiße Haus und das Vermächtnis von Ronald Reagan.

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