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Gedenken an Kriegsende in Europa "Geschichte ist nicht Nostalgie, sie ist Lehre für die Zukunft"

Berlin, Paris, Kiew: Überall in Europa wird an den 70. Jahrestag des Weltkriegsendes erinnert. Manche der Feiern sind überschattet vom Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

Am Triumphbogen in Paris haben die Franzosen des Sieges über Nazi-Deutschland vor 70 Jahren gedacht.

Staatspräsident François Hollande  legte dort einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten nieder. Zuvor hatte er traditionsgemäß das Denkmal von Charles de Gaulle besucht, der während des Zweiten Weltkrieges die französische Exilregierung in London führte. Danach eskortierte die Republikanische Garde den Präsidenten über die Prachtstraße Champs-Elysées zur offiziellen Gedenkzeremonie.

In seiner Ansprache im Elysée-Palast erinnerte Hollande an die französische Widerstandsbewegung: "Der Sieg am 8. Mai war kein Sieg einer Nation über eine andere. Es war der Sieg eines Ideals über eine totalitäre Ideologie." Auch heute müsse Intoleranz bekämpft werden, fügte Hollande hinzu. "Die Geschichte ist nicht Nostalgie, sie ist eine Lehre für die Zukunft."

Auf den Champs-Elysées hatten am 8. Mai 1945 Tausende Franzosen das Kriegsende in Europa gefeiert. Anders als der Nationalfeiertag am 14. Juli zieht die Gedenkfeier zum Kriegsende nur wenige Zuschauer an, obwohl auch der "Tag des Sieges" ein arbeitsfreier Feiertag ist.

US-Außenminister Kerry in Paris: Kranzniederlegung auf den Champs-Elysées

US-Außenminister Kerry in Paris: Kranzniederlegung auf den Champs-Elysées

Foto: Andrew Harnik/ AP/dpa

Anlässlich des Jahrestages war auch US-Außenminister John Kerry nach Paris gereist. Gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius legte er am Morgen ebenfalls einen Kranz nieder.

Historiker Winkler spricht im Bundestag

Im Berliner Bundestag rief der Historiker Heinrich August Winkler Deutschland auf, zu seiner internationalen Verantwortung zu stehen. Eine besondere Verpflichtung habe Deutschland nach den Verbrechen der Nationalsozialisten für die Länder Ost- und Mitteleuropas, sagte Winkler am Freitag im Bundestag. (Hier ist Winklers Rede dokumentiert.)

"Das Jahr 2014 markiert eine tiefe Zäsur", sagte der 76-Jährige. Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland stelle die europäische Friedensordnung radikal infrage. Winkler macht klar: Dieser 8. Mai ist anders als frühere Gedenktage.

Im Video: Die Gedenkveranstaltung im Bundestag

Bundesratspräsident Volker Bouffier (CDU) rief zur Abwehr heutiger Anhänger des nationalsozialistischen Ungeistes auf. "Diesem Treiben muss mit allen Mitteln des Rechtsstaats und einer gesamtgesellschaftlichen Ächtung entschieden entgegengetreten werden."

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) würdigte die Soldaten der westlichen Alliierten und der Roten Armee. Der 8. Mai sei "kein Tag der deutschen Selbstbefreiung" gewesen. Deutschlands Nachbarstaaten dankte er für die Versöhnung nach 1945. "Diese Bereitschaft unserer Nachbarn zur Versöhnung ist historisch ebenso beispiellos wie die Katastrophe, die ihr vorausgegangen war", sagte er. Der Fall der Deutschen habe politisch, ökonomisch und moralisch nicht tiefer sein können. Umso erstaunlicher sei es, "dass unser Land trotz der Schuld aufgefangen wurde".

An der Gedenkstunde nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel teil und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle. Auf den Tribünen des Bundestags waren unter anderem die Botschafter der USA, Israels und der Ukraine zu sehen. Russland hatte hingegen nicht seinen Botschafter, dafür aber seinen Gesandten - den Stellvertreter des Botschafters - geschickt, bestätigte die russische Botschaft in Berlin gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Gauck legte am Mittag im brandenburgischen Lebus einen Kranz auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof nieder. Er gedachte der 5000 Soldaten der Roten Armee, die dort begraben sind. Am Mittwoch hatte der Bundespräsident in seiner Rede zum Kriegsende in Europa dem Schicksal der über 5 Millionen in deutscher Gefangenschaft geratenen Soldaten der Roten Armee gedacht.

Telegramm von Putin an Ex-Sowjetrepubliken

Der russische Präsident Wladimir Putin gratulierte den Staatschefs der Ex-Sowjetrepubliken. Dabei beglückwünschte Putin auch ausdrücklich die Bürger der mit Russland zerstrittenen Ukraine und der Südkaukasusrepublik Georgien, wie der Kreml mitteilte. Die Ukraine und Georgien streben einen Nato-Beitritt an, wodurch sich das Verhältnis zu Russland verschlechtert hat.

"Der Große Sieg ist das unschätzbare Gemeingut unserer Völker, die Seite an Seite gegen den grausamen Feind gekämpft und die Welt vor dem Nazismus bewahrt haben", schrieb Putin demnach in den Telegrammen. Heute sei es die gemeinsame Aufgabe, das "heilige Andenken" an die Helden von damals zu bewahren, für die Veteranen zu sorgen und eine Wiederholung der tragischen Ereignisse nicht zuzulassen.

Russland feiert den Sieg traditionell am 9. Mai. An der Militärparade am Samstag in Moskau wird Kanzlerin Angela Merkel diesmal - im Gegensatz zum 65. Jahrestag - nicht teilnehmen. Hintergrund ist die Lage in der Ukraine und die Annexion der Krim durch Russland. Dafür legt Merkel mit Putin am 10. Mai am Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau einen Kranz ab. Zudem wollen sich Putin und Merkel bei einem gemeinsamen Arbeitsessen über aktuelle Themen austauschen, auch ist eine Pressekonferenz vorgesehen.

Kiew kritisiert aktuelle russische Politik

In Kiew warf der ukrainische Regierungschef Arsenij Jazenjuk Russland zum Jahrestag des Kriegsendes eine verbrecherische Politik vor. Moskau beanspruche nicht nur den Sieg gegen Hitler für sich allein, behauptete der Politiker am Freitag. Das Nachbarland führe zudem im Donbass heute einen Krieg gegen die Ukraine. Das sei ein "historisches Verbrechen", sagte Jazenjuk. Die Ex-Sowjetrepublik gedachte erstmals am 8. Mai des Kriegsendes von 1945. Am 9. Mai wird in Russland der Tag des Sieges über Hitler gefeiert.

"Der Sieg über den Nationalsozialismus brachte auch unserem Volk keine Freiheit", sagte Jazenjuk. Wie ganz Osteuropa habe die Ukraine unter "sowjetischer Okkupation, Totalitarismus" gelitten. Darüber, dass die sowjetische Führung zu großen Teilen auch aus Ukrainern bestand, sagte der Regierungschef nichts.

Umstrittene Aktion der "Nachtwölfe"

Mitglieder und Sympathisanten des kremlnahen russischen Motorradclubs "Nachtwölfe" haben in Berlin der Gefallenen im Zweiten Weltkrieg gedacht. Sie legten rote Nelken im Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst nieder, wo die deutsche Militärführung in der Nacht zum 9. Mai 1945 die Kapitulationsurkunde unterzeichnet hatte. Die Rocker knieten in Reihe vor einem Gedenkstein nieder. Anschließend besuchten sie die Ausstellung in dem Museum, an dem sich 30 Rocker versammelt hatten. Der Anführer des Rocker-Clubs, Alexander Saldostanow, gilt als Freund Putins.

fab/sev/AFP/dpa