Zypern Countdown im Luftkurort

Heute wird in den Schweizer Bergen über das Schicksal Zyperns entschieden. Am 1. Mai wird die Insel Mitglied der EU. Sollte die fast 30-jährige Teilung nicht überwunden werden können, wird das kleine Land zum Problemfall. Die Uno soll das Problem nun lösen – viele rechnen mit einem Machtwort von Kofi Annan.


Uno-Pufferzone auf Zypern: Entscheidung in den Schweizer Bergen
AFP

Uno-Pufferzone auf Zypern: Entscheidung in den Schweizer Bergen



Nikosia - "Hey Leute, schaut Euch das an. Das sind Mandarinen!" Seit 30 Jahren schiebt der alte Mann seinen hölzernen Obstkarren durch den türkischen Teil Nicosias, der geteilten Hauptstadt der geteilten Ferieninsel im östlichen Mittelmeer. Lautstark preist er seine Ware an. "So gut, wie du tust, sind sie bestimmt nicht!", brüllt vom Straßenrand der Besitzer eines kleinen Cafés zurück.

Jeder weiß, was jetzt folgt. Schwungvoll fliegt eine Frucht durch die Luft, geschickt fängt der Kaffeeverkäufer sie auf, schält und isst sie. "Und, was sagst Du?", setzt der Obstmann nach. "Schon gut! Dir kann man glauben!", bestätigt nun, mit vollem Mund, der Zweifler. So geht es jeden Tag zwischen den beiden, scheinbar ein ewiges Spiel. Nur um sie herum ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Vor einem Jahr erst hat Rauf Denktasch, Anführer der türkischen Volksgruppe auf Zypern und "Präsident" des vom türkischen Militär besetzten und ausschließlich von Ankara anerkannten Teilstaates, die Grenze zum griechischsprachigen Teil der Insel einen Spalt geöffnet. Seit fast 30 Jahren bewachen UNO- Blauhelme den martialischen Grenzwall mitten durch das Land. Zuvor hatten sich "die Griechen" und "die Türken" einen heftigen Bürgerkrieg geliefert, angezettelt von griechischen Nationalisten, beendet von türkischen Soldaten.

Wer im Süden türkisch sprach, verließ die Heimat und siedelte sich im besetzten Norden neu an. Wer griechische Ahnen hatte, musste den Norden verlassen. Seither trennt Europas letzte Mauer die beiden Volksgruppen. Erst seit letztem Frühjahr können die Zyprioten unbürokratisch und in großer Zahl von einem in den anderen Inselteil. Und sie tun es zu Tausenden, jeden Tag.

 Zyperns schwarzer Tag: Türkische Truppen besetzen einen Teil der Insel am 24. Juli 1974
AP

Zyperns schwarzer Tag: Türkische Truppen besetzen einen Teil der Insel am 24. Juli 1974

Zu Fuß kommen sie am Nachmittag in Scharen aus dem reichen Griechenteil über die Márkon Dhrákon Straße zurück in ihren bettelarmen Türkenteil, bepackt mit Waschpulver-Paketen, Fernsehgeräten oder Autoersatzteilen, und verändern mit ihren Einkäufen das Gesicht des türkischen Nicosia. Wo noch vor kurzem baufällige Häuser, trostlose Krämerläden und armselig gekleidete Menschen das Bild bestimmten, werben jetzt Dutzende von Straßencafés mit Sonnenschirmen und weißen Plastikstühlen um Kundschaft.

An vielen Ecken eröffnen Technik-Läden, offerieren Handys oder "Hifi-Sound-Technik". Grelle Werbung für die Klassikprodukte des Westens - Benson and Hedges, Siemens oder Coca Cola - wuchert langsam vom Zentrum in die engen grauen Vorstadt-Gassen.

Auf der anderen Seite der Mauer ist es seit langem kapitalistisch bunt. Der griechische Teil Zyperns ist so europäisch wie Süditalien oder Spanien. Die Einkommen der Bevölkerung sind deutlich höher als in den osteuropäischen EU-Neuländern. Die Infrastruktur des Ländchens bestens ausgebaut, die Verwaltung funktioniert, die Menschen sind gut ausgebildet. Fast alle sprechen problemlos englisch.

Verschwindet die letzte Mauer in Europa?

Auch die aus dem Süden nutzen die neue Reisefreiheit, etwa um die malerischen Ausflugsziele des Nordens anzusteuern. Hier prägen noch nicht die endlosen Reihen phantasiearmer Hotelkästen die Strand-Skyline, wie vielerorts im Griechen-Teil. Und hier kostet das Essen nur einen Bruchteil der Preise im Süden. Vor allem aber wollen viele sehen, wie es um ihr Haus, ihr Dorf steht, aus dem sie einst vertrieben worden sind. Und viele, die längst im Süden eine neue Heimat gefunden haben, malen sich schon aus, was sie mit ihrem Hab und Gut machen werden, wenn sie es demnächst zurückbekommen.

Geteilte Stadt Nikosia: Zwischen der Moschee und der Kirche liegen Welten
DPA

Geteilte Stadt Nikosia: Zwischen der Moschee und der Kirche liegen Welten

Denn bis zum 1. Mai, dem Tag des EU-Beitritts Zyperns, soll die letzte Mauer Europas endgültig verschwinden und das gewaltsam geteilte Land wieder zusammenfinden. So wollen es die Europäische Gemeinschaft und die Vereinten Nationen. Und so verhandeln die griechischen und türkischen Zyprioten seit Anfang Februar wieder einmal - "ernsthaft", wie beide Seiten behaupten. Tatsächlich sind die Chancen für eine Einigung heute größer als jemals zuvor.

Ob sie schon groß genug sind, wird sich unter anderem heute im Schweizer Luftkurort Bürgenstock zeigen - dort streiten die Parteien unter dem Vorsitz des Uno-Beauftragten für Zypern, Alvaro de Soto, über eine Lösung. Sollte es bei den Gesprächen in der Bergidylle heute keine Einigung geben, will UN-Generalsekretär Kofi Annan über die noch offenen Streitpunkte entscheiden. Sein Vorschlag soll dann den griechischen und türkischen Zyprern zur Volksabstimmung vorgelegtwerden. Falls eine Seite ablehnt, tritt am 1. Mai nur der griechische Teil Zyperns der EU bei.

Die Vorstellungen des Uno-Generals sind in Umrissen bekannt. Föderal wie in der Schweiz sollen sich die Menschen auf Zypern künftig politisch ordnen. Eine Bundesregierung, die fürs Internationale zuständig ist, zwei Kantone, in denen die beiden Volksgruppen ihre inneren Angelegenheiten autonom regeln, Schule, Sprache, Religion, Polizei und Fernsehen. Annan macht Druck, die USA drohen hinter den Kulissen mit Liebesentzug bei Verhandlungsunwilligkeit, Europa ist im diplomatischen Dauereinsatz um alle Beteiligten, auch die "Garantiemächte" der beiden Volksgruppen, Griechenland und Türkei, in Richtung Einigung zu schieben.

Kofi Annan als Schiedsrichter

Annan soll es richten: Der Uno-General im Gespräch mit Alvaro de Soto (r.) und Tassos Papadopolous (l), dem Vertreter der griechischen Zyprer
AP

Annan soll es richten: Der Uno-General im Gespräch mit Alvaro de Soto (r.) und Tassos Papadopolous (l), dem Vertreter der griechischen Zyprer

Wichtige Fragen allerdings sind noch immer ungelöst. Und auf beiden Seiten nähren mächtige alte Männer den Verdacht, dass die Wiedervereinigung Zyperns keineswegs allen gefiele. Vor allem der 80-jährige Denktash blockiert und bremst nach Kräften. Ihm erscheint der Annan-Plan ungerecht, zu griechenfreundlich. Tatsächlich sieht er in einem geeinten Zypern wohl nur nicht mehr den adäquaten Platz für sich.

Manches aber ist tatsächlich schwer lösbar. Seit der Teilung der Insel stehen 36 Prozent der Fläche unter türkischer Verwaltung, dort wohnen aber nur 13 Prozent der einstigen Inselbevölkerung, etwa 100.000 türkischsprachige Zyprioten. Weitere 80.000 Menschen dort sind Türken vom Festland, zumeist Bauern aus Anatolien, die hier in den vergangenen drei Jahrzehnten angesiedelt wurden. Von denen müsste der größte Teil rückgesiedelt werden, fordern die griechischstämmigen Inselbewohner. Aber das gefällt natürlich weder den Betroffenen noch der Regierung in Ankara.

Wie viele Stimmen im Parlament braucht die kleinere Volksgruppe, um nicht von der größeren dominiert zu werden? Wieviel Landfläche steht ihr zu? Wieviel Vertriebene, die heute im Süden leben, dürfen in den Norden zurück? Wie werden die anderen entschädigt und von wem? Komplizierte Fragen - und die Zeit, sie sinnvoll und gerecht zu beantworten, läuft weg. Was die Beteiligten bis dahin nicht einvernehmlich regeln, will er, als Schiedsrichter, dann selbst entscheiden. Denktasch hat seinen Leuten schon einmal vorsorglich empfohlen, das Annan-Konzept abzulehnen, sollte es nicht alle seine Änderungswünsche berücksichtigen.

Offenes Tor für Schmuggler und Terroristen

Zypern, vom All aus gesehen: Seit 30 Jahren politisch geteilt
DPA/ NASA

Zypern, vom All aus gesehen: Seit 30 Jahren politisch geteilt

Noch komplizierter wurde die Lage, seit die Parlamentswahlen im Nord-Teil, Mitte Dezember letzten Jahres, dort zum politischen Patt führten. Die konservativen Parteien, die Denktasch nahestehen - er selbst ist als "Präsident" des Pseudo-Staates noch bis 2005 gewählt - haben nun genauso viele Sitze wie die linke Opposition, die sich im Wahlkampf für schnelle Verhandlungen stark gemacht hatte, damit auch der Norden ab Mai EU-Gebiet wird.

Nun, ohne handlungsfähige Regierung, hängt weiterhin alles vom Hardliner Denktasch ab. So steigt das Risiko, dass die Europäer am 1. Mai zwar rechtlich - weil der Norden nicht als Staat anerkannt wird - das ganze Zypern aufnehmen, faktisch aber nur einen Teil.

Mitten durch die Insel verläuft dann die Außengrenze der neuen 25-er Gemeinschaft: Ein offenes Tor für Schmuggler und Terroristen. Mit Zypern gäbe es dann erstmals ein EU-Mitglied, das von einem anderen Staat, der Türkei, nicht anerkannt wird. Zur gleichen Zeit aber wollen die Türkei und Europa darüber verhandeln, ob und wann das muslimische Land mit seinen 66 Millionen Menschen EU-Mitglied werden darf. Und das kleine Zypern könnte dann womöglich per Veto jede Vereinbarung Türkei - EU verhindern: der Alptraum vieler EU-Diplomaten.



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