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»Ausnahmezustand der Seele«

Der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über Chancen und Risiken der Elternschaft, quengelige Säuglinge und beleidigte Mütter
aus DER SPIEGEL 29/2001

Schmidbauer, 60, Vater dreier Töchter, analysierte in seinen Büchern »Ich wusste nie, was mit Vater ist« und »Du verstehst mich nicht« die Schwierigkeiten von Eltern-Kind-Beziehungen. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Schmidbauer, bei der Geburt eines Kindes werden in gewisser Weise drei Babys geboren: das, welches die Mutter sich vorgestellt hat, das vom Vater erhoffte und das wirkliche Kind. Was folgt aus diesem Dilemma?

Schmidbauer: Vor der Geburt existieren tatsächlich zwei sehr unterschiedliche Phantasien, doch die Ankunft des sehr konkreten Babys ändert das. Die Mutter, die sich naturgemäß viel mehr als der Vater neun Monate lang in ihrer Phantasie mit dem Kind beschäftigt hat, entwickelt schnell einen realistischen Bezug zu ihrem Kind.

SPIEGEL: Wohl notgedrungen.

Schmidbauer: Richtig. Die Bedürfnisse des Säuglings bestimmen und regeln die Beziehung. Ich habe oft erlebt, dass Frauen mit ihrem Kind sehr gut umzugehen wussten, während sie vor der Geburt in ihrer Phantasie panische Angst hatten zu versagen.

SPIEGEL: Aber träumen nicht viele Frauen von dem Glück, das friedlich schlummernde Kind im Arm zu halten, und sind dann erschüttert und frustriert über die schlaflosen Nächte, das Geschrei, das ewige Windelwechseln?

Schmidbauer: Sicher, das kommt vor. Und wenn die Frustration zum Dauerzustand wird, kommen die entsprechenden Kinder später vielleicht als Patienten in meine Praxis und berichten, dass sie chronisch beleidigte Mütter hatten. Natürlich ist die erste Phase mit einem Säugling eine Zeit von hohem Stress. Der geniale englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott vertrat die kühne Theorie, dass Mütter nach der Geburt in eine Art gutartige Psychose verfallen: Sie geraten in

einen seelischen und geistigen Ausnahmezustand, um die extreme Umstellung zu bewältigen.

SPIEGEL: Gutartige Psychose klingt etwas krank.

Schmidbauer: Ist aber keineswegs negativ gemeint. Es ist eine extreme Stresssituation, jedoch: Anforderungen wecken auch Ressourcen. Und Elternschaft ist auch eine wertvolle Erfahrung für die eigene Entwicklung. Viele Frauen, die eine Beziehungsstörung haben, erleben mit ihrem Kind zum ersten Mal eine Bindung, die sie halten können. Und das färbt auf andere Beziehungen ab. Kinder zu bekommen birgt viele Risiken, aber eben auch viele Chancen. Und ich möchte sagen, die Chancen überwiegen bei weitem.

SPIEGEL: Was bedeutet das für Menschen, die keine Kinder wollen?

Schmidbauer: Ich glaube, dass Frauen und Männer, die keine Kinder bekommen, eine enorme psychische Aufgabe haben, damit konstruktiv umzugehen. Der Stress der Mutterschaft ist meiner Ansicht nach leichter zu bewältigen als der Stress der Kinderlosigkeit.

SPIEGEL: Ist der Kinderlosen-Stress nicht bloß gesellschaftlich bedingt?

Schmidbauer: Den gesellschaftlichen Anspruch meine ich nicht. Jeder Mensch weiß ja, welche Potenziale er in sich trägt, und es ist nun mal eine alte, mächtige Tradition, dass Menschen Kinder kriegen. Wer sich dieser Tradition entzieht, muss halt mit diesem Defizit fertig werden, er muss es sozusagen abtrauern. Und wer ein Kind bekommt, muss lernen, dass es nicht so ist, wie er es sich vorgestellt hat. Und ich denke, Letzteres ist leichter.

SPIEGEL: Werden Kinder nicht häufig, zum Beispiel was ihre so genannten Hobbys angeht, von den Eltern zu deren Selbstverwirklichung instrumentalisiert?

Schmidbauer: Kinder werden immer instrumentalisiert. Menschen instrumentalisieren einander ständig. Brisant wird es, wenn diese Instrumentalisierung ohne Einfühlung, ohne Bereitschaft zum Austausch erfolgt. Nehmen Sie die vielen Frauen, die unbedingt ein Kind wollen. Weil sie der Meinung sind, das gehöre zu ihrem Bild von sich und zu ihrem Dasein. Diese Frauen sollte man nicht abwerten. Wichtig ist, wie sie als Mütter letztlich dann mit ihrem Kind umgehen.

SPIEGEL: Nehmen wir an, der Umgang gelingt ihnen einigermaßen. Wie sähe das aus?

Schmidbauer: Dann wird das Kind seinerseits auch die Mutter erziehen. Kinder sorgen mit ihren Rückmeldungen gottlob sehr schnell dafür, dass Eltern ihre übersteigerten Phantasien und Projektionen aufgeben. Die Erfahrung mit Kindern ist doch: Sie sind nicht so, wie man sie gern hätte. Aber wenn man trotzdem im lebhaften Kontakt mit ihnen bleibt, wird man enorm bereichert.

SPIEGEL: Was kann gründlich schief laufen in den ersten Jahren?

Schmidbauer: Es ist eigentlich ziemlich einfach. Wenn eine Mutter keine Sicherheit in sich trägt, sondern ihre Sicherheit durch die Rückmeldungen des Kindes erst gewinnen möchte, ist sie ständig irritiert und verunsichert. Die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Austausch und Einfühlung beruhen sollte und normalerweise zu einer stabilen Bindung führt, entgleist und wird wahnsinnig anstrengend. Solche Mütter beruhigen ihre Kinder nicht, sondern regen sie auf und umgekehrt.

SPIEGEL: Von verunsicherten Müttern profitiert der Ratgebermarkt.

Schmidbauer: Diese Frauen laufen von einer Beratungsstelle zur anderen oder kaufen sich alle Erziehungsratgeber und werden durch jeden noch mehr verunsichert. Diese primäre und sehr einfache Sache, nämlich der liebevolle Austausch mit dem Kind, lehrt kein Ratgeber richtig.

SPIEGEL: Können Mütter denn ihre Kinder sofort nach der Geburt verstehen? Müssen sie das nicht erst lernen?

Schmidbauer: Die Idealvorstellung ist, dass man sein Kind umstandslos versteht. Wir denken heute viel über uns und unser Leben nach, keiner ist mehr Opfer von Traditionen und Zwängen, jeder will und muss sein Leben selbst gestalten. Also hat auch jeder eine Menge Phantasien über seine lieben Mitmenschen und seine Beziehungen. Und jede Mutter überlegt sich: Mache ich auch alles richtig? Das ist eine neue Situation, früher hat man sich da keine Gedanken gemacht. Und wenn man ganz viel richtig machen kann, kann man auch ganz viel falsch machen. Das ist den Müttern klar - und so überkommt sie diese Angst vor Fehlern, die ihnen viel von ihrer Sicherheit nimmt.

SPIEGEL: Erliegen nicht gerade berufstätige Frauen, die Mutter werden, einem gewissen Machbarkeitswahn?

Schmidbauer: Erfolgreiche Frauen, die mit 35 sagen, ich möchte jetzt ein Kind, sind gefährdet: Sie verabschieden sich von ihrem Vorstandssessel, von dem aus sie alles unter Kontrolle hatten, sie bekommen das Kind und merken, dass sie überhaupt nichts mehr im Griff haben. Das ist eine kränkende Erfahrung für eine erfolgreiche Karrierefrau.

SPIEGEL: Heute bekommen viele Paare nur ein Kind. Finden Sie diese Entwicklung problematisch?

Schmidbauer: Nicht grundsätzlich. Man sollte die Viele-Kinder-Familien nicht idealisieren. Die Kinder fühlen sich dort oft notdürftig versorgt, leiden darunter, dass nie jemand wirklich für sie da ist. Einzelkinder können prächtig gedeihen, wenn sie eine stabile Bindung zu einem Elternteil oder zu beiden haben. Andererseits: Wenn man nur ein Kind hat, und da geht etwas schief, sind der Schmerz und die Verletzung darüber viel ausgeprägter. Da geraten Eltern schneller in narzisstische Not, etwa wenn ihr Sprössling lauter Fünfen schreibt.

SPIEGEL: Der Druck auf Einzelkinder kann sich auf diese Weise verstärken?

Schmidbauer: Grundsätzlich halte ich es für immens wichtig, dass Mütter nicht ausschließlich auf ihr Kind angewiesen sind, was ihre narzisstische Befriedigung angeht. Schlimm wird es, wenn sie auch noch ihren Mann aus der Symbiose ausschließen und ihm das Gefühl vermitteln, sie interessierten sich nur noch für das Kind. Der Mann zieht sich folgerichtig zurück mit dem Ergebnis, dass seine Frau ihn entwertet in seiner Funktion als Vater und ihm vorwirft, sie allein zu lassen

SPIEGEL: »Du hältst das Kind falsch« ist einer der typischen Mütter-Sätze, die Väter in den Rückzug treiben.

Schmidbauer: Ja, es fällt gerade Frauen mit Leistungserwartungen an sich selbst schwer, die Väter machen zu lassen. Wenn er sie nicht perfekt entlasten kann und sich etwas ungeschickt anstellt, drängen sie ihn aus der Kinderbetreuung. Ich habe einer Managerin mal gesagt, dass sie um Gottes Willen ihren Mann so behandeln soll wie ihre Angestellten: positive Rückmeldungen, Lob, Ziele vorgeben - dass sie ihn nicht entwertet, wenn er nicht alles sofort genau so macht, wie sie sich das wünscht.

SPIEGEL: Eine berufstätige Frau bezieht häufig einen großen Teil ihres Selbstwertgefühls aus der Bestätigung, die sie in ihrer Arbeit bekommt. Ist es für diese Frauen belastend, wenn sie wegen eines Kindes aus dem Beruf aussteigen?

Schmidbauer: Das kommt auf die Ressourcen der Frau an. Die Frage ist, ob sie einen guten Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen hat und eine realistische Einschätzung des Selbstwerts. Sie muss sich ganz bewusst dafür entscheiden, sich ein Jahr oder drei Jahre dem Kind zu widmen, sie muss optimistisch sein, dass sie danach wieder ins Berufsleben zurückfindet. Dann kann eine Frau durch diese Elternzeit sehr gewinnen, beispielsweise gelassener werden. Für Frauen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben und dringend auf berufliche Bestätigung angewiesen sind, ist die Situation der Nur-Mutterschaft dagegen schwer auszuhalten. Und das stört die Mutter-Kind-Beziehung.

SPIEGEL: Und das Kind wird quengelig und unglücklich?

Schmidbauer: Zum Beispiel. Aber bei solchen schwierigen Kindern wirken wahrscheinlich auch genetische Faktoren mit. Manche Babys brauchen einfach sehr lange, bis sie mit sich selber klarkommen. Denn der kindliche Organismus ist sehr irritierbar. Jeder Reiz schlägt sofort in Verhalten um, jede Blähung ist eine innere Katastrophe. Erst allmählich entwickelt das kindliche System eine Selbstregulierung. Und an dieser Stelle ist es ganz wichtig, dass die Mutter nicht glaubt, sie habe versagt, wenn diese Anpassung länger dauert, wenn die Entwicklung nicht dem Kalender folgt, der in Ratgebern steht.

SPIEGEL: Trotzdem, auch für eine selbstbewusste Frau ist vermutlich das Kind allein nicht ausreichend für die Bestätigung.

Schmidbauer: Nein, nur die ersten drei, vier Jahre erfährt die Mutter eine intensive narzisstische Befriedigung durch das Kind. Dann wird es autonom, spielt mit anderen Kindern, kommt in die Schule, und die Eltern bieten vor allem Stabilität und Unterstützung in Krisensituationen.

SPIEGEL: Nur-Mutterschaft ist also im Idealfall ein Job auf Zeit?

Schmidbauer: Ich glaube an folgende elementare Rangliste: Am besten für kleine Kinder ist die zufriedene Hausfrau, dann kommt die zufriedene berufstätige Mutter, dann die unzufriedene berufstätige Mutter. Und am schlechtesten für das Kleinkind ist die unzufriedene Hausfrau.

SPIEGEL: Wäre es im letzten Fall besser, das Kind in Fremdbetreuung zu geben?

Schmidbauer: Sicherlich, wenn diese Person ein stabiles Verhältnis zu dem Kind entwickelt. Die Behauptung, dass die leibliche Mutter unbedingt das Beste für das Kind ist, stimmt nicht.

SPIEGEL: Welche Aufteilung von Beruf und Elternzeit zwischen Mann und Frau halten Sie für angemessen?

Schmidbauer: Entscheidend ist gar nicht, wie die Eltern die Berufstätigkeit regeln, sondern dass sie mit der Regelung zufrieden sind. Das Kind braucht eine Bezugsperson, die verlässlich da ist, und da ist es egal, ob das Mutter, Vater, die Großeltern oder eine Tagesmutter ist. Ein Elternpaar, das sich gegenseitig Vorwürfe über die Aufteilung von Arbeit, Hausarbeit und Kindererziehung macht und sich entwertet, ist problematisch für das Kind.

SPIEGEL: Das heißt, die Qualität der Paarbeziehung entscheidet über die Entwicklung des Kindes?

Schmidbauer: Ja. Da können die Eltern beruflich noch so erfolgreich sein - wenn das Kind an ihnen nicht beobachten kann, wie ein gesunder Austausch zwischen zwei Menschen abläuft, dann wird es selbst zu diesem Austausch auch nicht fähig sein.

SPIEGEL: Ist es unter diesem Aspekt problematisch, ein Kind allein zu erziehen?

Schmidbauer: Natürlich ist es grundsätzlich besser, wenn zwei Elternteile da sind, die sich gegenseitig unterstützen. Eine destruktive Paarbeziehung stiehlt aber Energie, und in diesem Fall ist die Situation Alleinerziehender für das Kind günstiger. Wichtig ist, dass die allein erziehende Frau sich nicht vorwirft, versagt zu haben, weil sie dem Kind keine vollständige Familie bietet.

SPIEGEL: Haben Mütter nicht unglaublich große erzieherische Macht und können ihre Kinder manipulieren und dressieren?

Schmidbauer: Wir entwickeln uns schließlich durch Identifizierungen. Aber die Mutter ist nur eine Quelle von Identifizierung. Es ist eine Überschätzung und eine Dramatisierung, wenn man behauptet, dass alles, was die Mutter an Prägungen anbietet, dauerhafter und nachhaltiger wirkt als andere Prägungen. Ich glaube, alle Prägungen sind gleichwertig.

SPIEGEL: Früher hieß es, Kinder würden die Emanzipation der Frau behindern, sie in Ketten legen. Heute hat sich das Image der Mutterschaft gewandelt, und eine Frau ohne Kinder gilt nahezu als defizitär.

Schmidbauer: Ich glaube, man muss unterscheiden zwischen Rhetorik und emotionaler Realität, und ich habe selten erlebt, dass eine intelligente, über sich selbst nachdenkende Frau über sich gesagt hätte, es macht mir nichts aus, dass ich keine Kinder habe. Die meisten sagen: Es macht mir schon was aus. »Kinder sind Ketten, und ich will absolut keine«, das ist für mich so eine negative und defensive Rhetorik, die viel mit Abwehr zu tun hat. Genauso übrigens, wenn jemand sagt: Kinder füllen mich ganz und gar aus und sind mein Ein und Alles. Denn es kommt der Zeitpunkt, wo Kinder gehen und ihr eigenes Leben leben, und das ist nicht mehr so sagenhaft erfüllend, sie haben andere Werte, wir tauschen uns noch aus mit ihnen, aber wir können nicht erwarten, dass sie auf immer und ewig unserem Leben Sinn geben.

SPIEGEL: Eltern sind also treue Dienstleister ihrer Kinder, bis es Abschied nehmen heißt?

Schmidbauer: Eben. Eltern stellen eine Versorgungsstation dar. Zum Auftanken. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

SPIEGEL: Herr Schmidbauer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteurinnen Angela Gatterburg undMarianne Wellershoff.

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