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Außenpolitik mit Cowboy-Flüchen

aus DER SPIEGEL 29/1949

In den USA wurde die letzte Runde für den Atlantikpakt eingeläutet. Der Senat kämpft seit Dienstag vergangener Woche in heftigen Wortgefechten um die Ratifizierung der - laut Senator Vandenberg - »größten Verpflichtung, die Amerika seit Beginn seiner Geschichte übernimmt«.*) Nach vielen Pro-Reden zu Beginn der Paktdebatte schwoll am letzten Wochenende der Chor der Kontra-Stimmen bedenklich an.

Sie richten sich vor allem dagegen, daß der Atlantikpakt mit dem Waffenhilfe-Programm für Europa verquickt wird. Die Argumente von der Untragbarkeit weiterer Dollargeschenke ans Ausland fallen bei vielen krisenbedrohten Steuerzahlern Amerikas auf fruchtbaren Boden.

Tendenz lustlos. Andere Kongreßmänner zeigen eine lustlose Tendenz, weil sie von den Debatten über Atlantikpakt und Waffenhilfe eine ungebührliche Verlängerung des 81. Kongresses befürchten, der termingemäß Ende Juli zu Ende gehen soll. Die Lustlosen bangen um ihre Ferien. »Warum nicht die wichtigsten Dinge zuerst?« läßt der Karikaturist Little im »Nashville Tenessean« einen von ihnen fragen, der vor sich eine Programmliste mit der Reihenfolge Atlantikpakt, Waffenhilfe und Ferien hat (siehe Karikatur). Das »wichtigste Ding« ist für ihn der Urlaub.

Trotzdem wird eine Mehrheit für den Atlantikpakt erwartet. Wenn sie erreicht wird, so ist das in erster Linie dem Senator Tom Connally aus Texas zuzuschreiben. Er ist Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses im US-Senat, einem für alle Fragen der amerikanischen Außenpolitik außerordentlich wichtigen Organ.

Bei der Arbeitsmethode des amerikanischen Parlaments hat ein Ausschuß-Vorsitzender

*) Von den zwölf Teilnehmerländern haben bisher Kanada, Großbritannien, Belgien, Luxemburg und Norwegen den Atlantikpakt ratifiziert. nahezu unbegrenzte Macht auf seinem Gebiet. Er kann Gesetzesentwürfe »beerdigen«, indem er einfach verhindert, daß sie aus dem Ausschuß-Zimmer zur Beratung und Abstimmung ins Plenum gehen.

Er kann Gesetzentwürfe fördern und hinauszögern, er kann der Regierung unerhört helfen und sie unerhört schikanieren. Er übt durch die merkwürdige Praxis der »hearings« (Einvernahme von Zeugen, die sich für oder gegen den gerade zur Beratung stehenden Gesetzentwurf äußern wollen) einen enormen Einfluß auf die öffentliche Meinung des Landes aus. Er ist eine Großmacht.

Das gilt besonders von dem Mann, der den Sitzungen des Außenpolitischen Ausschusses des Senats vorsteht. In Fragen der auswärtigen Politik hat die Zweite Kammer des amerikanischen Kongresses, das Repräsentantenhaus, kein Mitspracherecht. Die Befugnis, Verträge mit dem Ausland zu ratifizieren, steht allein dem Senat zu. Dadurch wird der Außenpolitische Senats-Ausschuß automatisch zum alleinigen und entscheidenden Kontrollorgan des Staatssekretärs (Außenministers).

Isolationistische Kurzsichtigkeit. Ausländische Diplomaten tun gut daran, mit dem Ausschuß-Vorsitzenden, dem gefürchteten Mann hinter den Kulissen der amerikanischen Diplomatie, zu rechnen. So scheiterte beispielsweise Amerikas Ratifizierung des Versailler Vertrags und sein Beitritt zum Völkerbund 1920 an der Dickschädligkeit und isolationistischen Kurzsichtigkeit zweier Männer - des Vorsitzenden des Außenpolitischen Senatsausschusses, Lodge, und seines Stellvertreters Borah. Selten haben zwei einzelne Männer, beide kleinbürgerliche Provinzadvokaten von engem Horizont und höchst fragwürdiger außenpolitischer Erfahrung, die Weltgeschichte stärker beeinflußt.

Jetzt hat Tom Connally dieses weltpolitisch wichtige Amt inne. Nach den Wahlen von 1940 - dem gleichen Wahlgang, in dem Roosevelt zum dritten Male zum Präsidenten gewählt wurde - rückte er auf den Vorstandssessel des Ausschusses, den vor ihm lange Zeit der uralte Senator Pittmann innehatte. Connally blieb dort bis 1946 sitzen, also die ganze Kriegszeit hindurch und während der ersten Gehversuche der Nachkriegswelt.

Löwe von Michigan. Als es 1946 einen republikanischen Wahlsieg gab und sämtliche demokratischen Ausschuß-Vorsitzenden durch Republikaner ersetzt wurden, nahm im Außenpolitischen Ausschuß des Senats Arthur Vandenberg, der »Löwe von Michigan«, Tom Connallys Platz ein. Zwei Jahre schwang Vandenberg die Glocke im Ausschuß-Zimmer und beeinflußte in dieser Zeit die Geschehnisse der Welt mehr als die beiden Außenminister Byrnes und Marshall, die Amerika während dieser Periode vertraten.

Nach dem Wahlsieg Trumans und der Demokraten im vergangenen November löste Tom Connally erneut Vandenberg als Vorsitzender des Außenausschusses ab. Europas Diplomaten waren davon nicht sonderlich entzückt. Sie halten Vandenberg für den reiferen und großzügigeren Staatsmann.

Hinterwäldlerische Manieren. Wenn auch beide Männer, kaum jemals durch eine Meinungsverschiedenheit voneinander getrennt, die »überparteiliche« Außenpolitik Amerikas symbolisieren und ein gut eingespieltes Paar sind, so werten doch europäische Beobachter Vandenbergs diplomatischen Takt, sein Fingerspitzengefühl und seine weltmännische Nonchalance höher als die polternden hinterwäldlerischen Manieren Connallys.

Dessen ungehemmte Temperamentsausbrüche sind von Europas übertünchter Höflichkeit himmelweit entfernt. Seine urwüchsigen Cowboy-Flüche würden jedem Marseiller Hafenarbeiter die Schamröte ins Gesicht treiben.

Bei der Panamerikanischen Konferenz 1942, als die Beziehungen der USA zu Argentinien sehr delikat waren, brüskierte Connally beispielsweise den damaligen argentinischen Präsidenten ungeniert mit den Worten: »Wir vertrauen darauf, daß Präsident Castillo seine Meinung wechseln wird - oder daß das argentinische Volk seinen Präsidenten wechselt.«

Ausgesprochen höflich war Connally noch, als er in einer Senatsdebatte seinen alten Gegner Bridges, einen republikanischen Isolationisten, mit den Worten anfuhr: »Beschäftigen Sie doch auch einmal Ihr Gehirn anstatt immer nur Ihre Zunge.« Aber als einmal ein geschniegelter Diplomat des State Department ihm einen Stoß Akten zum Studium übergab und Connally gerade schlechter Laune war, fauchte er den Staatsdiener an: »Nehmen Sie schnell das Zeug wieder weg, ehe ich Ihnen einen Tritt in den Hintern versetze.«

Juden, Araber und Hottentotten. Auch die Weisheit, des Greisenalters - Connally wird demnächst 72 Jahre alt - dämpfte sein Temperament nicht. Um seine Meinung über das Palästina-Problem befragt, erklärte er, es sei ihm egal, was aus »Juden, Arabern und Hottentotten« werde. Man solle ihn mit Dingen in Ruhe lassen, in denen amerikanische Landesinteressen nicht auf dem Spiel ständen.

Es erscheint Ausländern manchmal grotesk, daß sich die USA einen so rauhbeinigen Gesellen als Drahtzieher ihrer Außenpolitik gefallen lassen können. Doch hat Connally auch viele Eigenschaften, die in den Augen der Amerikaner für ihn sprechen. Er verfügt über eine große parlamentarische Erfahrung und Routine. Wenn er sich für einen Gesetzesentwurf oder eine Resolution einsetzt, bekommt er auch stets eine Mehrheit dafür zustande.

Zudem hat er unter Roosevelt wie unter Truman stets loyal für das Regierungsprogramm gekämpft - wenigstens auf außenpolitischem Gebiet. Die Kredite für die Landesverteidigung und das Leih- und Pacht-System, für die große England-Anleihe und den Marshall-Plan, Amerikas Beitritt zur UNO und jetzt wieder die Zustimmung zum Atlantikpakt sind ebenso sein Werk wie das seines Kollegen Vandenberg.

Innenpolitisch ist Tom Connally dagegen ein unverhüllter Reaktionär, ein typisches Produkt des amerikanischen Südstaaten-Geistes, zu dessen markantesten Vertretern im Kongreß er gehört. Er hat stets gegen Roosevelts soziale Reformen - »New Deal« genannt - gestimmt.

Er stimmt ebenso standhaft gegen alle Trumanschen Versuche, die Sozialversicherung auszubauen, die gesetzlichen Mindestlöhne zu erhöhen oder gar die Stellung der Neger zu verbessern. Er ist ein alter und konstanter Feind der Gewerkschaften und ein erbitterter Gegner der Staatskontrolle über die Wirtschaft.

Als echter Sohn des Staates Texas hat er gute Verbindungen zur mächtigen Oelindustrie seines Heimatstaates (Texas liefert über die Hälfte allen amerikanischen Erdöls). Im Senat nimmt er ständig deren Interessen wahr. Viele Amerikaner meinen, es sei für die USA nicht sehr würdevoll, die nationale Außenpolitik, eine Politik des bürgerlich - liberalen Fortschritts, durch einen Politiker vertreten zu lassen, der in der Innenpolitik zu den fanatischsten Reaktionären gehört.

Gesunder Appetit. Aber von einem freiwilligen Rücktritt Connallys ins Privatleben kann keine Rede sein. Der alte Herr bewegt seine massive Athletenfigur mit der Leichtigkeit eines Fünfzigjährigen. Er tanzt gerne und ausdauernd, jagt und fischt leidenschaftlich wie alle Südstaatler und ist ein vorzüglicher Golfspieler. Auch der gesunde Appetit, mit dem er morgens um 9 Uhr ein Riesenfrühstück mit Kalbskoteletts, Gemüse und Kartoffeln als Hauptgang verzehrt, läßt nicht auf Altersschwäche schließen.

»Wer ist denn der Herr, der genau so aussieht, wie man sich einen Senator vorstellt?« fragte einmal ein Besucher des amerikanischen Senats. Der Herr war Tom Connally. Mit seinen langen weißen Haaren, der unvermeidlichen Riesenzigarre im Mundwinkel, der altväterlich-provinziellen schwarzen Halsschleife, dem großen Sombrero und dem gestärkten Hemd mit den goldenen Manschettenknöpfen gilt er als der Patriarch des Kongresses. Seine Taschenuhr trägt er an einem schwarzen Band um den Hals.

Und Connally ist ein typischer Texaner: rauh und verschlagen, geschäftstüchtig und gerissen, ungeschliffen und temperamentvoll - dabei aber treu, zuverlässig und hartnäckig. Connally ist stolz darauf, daß Texas prozentual mehr Soldaten in den zweiten Weltkrieg geschickt hat als irgendein anderer der 48 Bundesstaaten Amerikas.

Der amerikanische Süden hat bei aller reaktionären Gesinnung doch eine gute Eigenschaft: er war niemals isolationistisch, sondern stets sehr stark pro-europäisch, inbesondere pro-britisch und pro-französisch, eingestellt.

Connally, der schon vor dem zweiten Weltkrieg dreimal in Europa war, ist auch in dieser Hinsicht ein typischer Texaner. Amerikas Freundschaft mit den westeuropäischen Demokratien ist für ihn die Grundlage der amerikanischen Außenpolitik. Er befürwortet auch den wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands. »Deutschland ist das Herzstück des Weltfriedens«, erklärte er erst jetzt wieder.

Connally ist als Sohn eines texanischen Farmers in einem texanischen Dorfe geboren, hat in Texas studiert und sich in Texas als Rechtsanwalt niedergelassen. Texas war und ist seine Welt. Knapp 24 Jahre war er alt, als er in das Staatsparlament von Texas gewählt wurde. Seither hat seine parlamentarische Laufbahn nicht mehr aufgehört.

Spazierfahrten. Schon vor dem ersten Weltkrieg kam er in den Kongreß nach Washington, zuerst ins Repräsentantenhaus, dann, 1928, in den Senat. 1934, 1940 und 1946 wurde er jedesmal mit Leichtigkeit wiedergewählt Seit Texas zu den USA gehört, wurde dort noch niemand zu einem öffentlichen Amt gewählt, der nicht der Demokratischen Partei angehört. Für Connally waren deshalb die Wahlkämpfe immer ausgesprochene Spazierfahrten durch das Land.

Uebrigens interessieren sich die Wähler genau so wenig für die Wahl wie die Kandidaten. Bei Connallys letzter Wiederwahl gingen knapp 400000 Leute (von insgesamt 7 Millionen Einwohnern) an die Urnen. 340000 stimmten für Connally und 40000 für den hoffnungslosen republikanischen Gegenkandidaten.

»Texanische Politik ist für den Europäer nicht immer leicht verständlich«, schrieb dazu ein Schweizer Journalist. »Aber wenn aus diesem seltsamen Texas ein Mann kommt, der die Außenpolitik der Weltmacht Nr. 1 zum sehr großen Teil mitbestimmt, dann wird man in der Welt gut daran tun, diesen kuriosen alten Lokalpolitiker aus dem fernen Texas ernst zu nehmen und in ihm das zu erkennen, was er bizarrerweise ist: einer der maßgeblichen Akteure auf dem großen Welttheater von heute.«

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