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Briefe

AUTOMATION
aus DER SPIEGEL 42/1956

AUTOMATION

Darf ich Ihre Norbert-Wiener-Story noch um eine Nuance bereichern? Seit einiger Zeit ist der Urvater der Kybernetik Chefberater der amerikanischen Gewerkschaften in allen Fragen der Automation. Demnach haben Norbert Wieners Warnungen doch dort (wenn auch mit einiger Verzögerung) gezündet, wo er es sich am ehesten erhofft hatte. Übrigens hat sich das mathematische Wunderkind durch seine offen gezeigten progewerkschaftlichen Sympathien bei den klassenbewußten US-Unternehmern bedenklich in die Nesseln gesetzt.

Stuttgart H. HEINRICHS

Pressestelle des Arbeitsministeriums

Baden-Württemberg

... Zu Wieners Pessimismus besteht kein Anlaß. Von einer »Diktatur des Roboters« ist so wenig die Rede, wie es bisher und jetzt keine »Diktatur der Mathematik« gab und gibt. Denn der Golem kann sich keine Ziele setzen, die muß ihm der Mensch geben. Wenn aber, wie sich im China -Amerika-Konflikt gezeigt hat, die Konzentration auf die Denkmaschine die Leidenschaften abkühlt (die immer und einzig zum Kriege geführt haben) und dem rationalen Kalkül überläßt, was sonst den Affekten und der Spielwut der Staatsmänner überantwortet blieb - wenn die Konzentration auf die Denkmaschine also Kriege verhindert und den Völkern namenloses Elend erspart, dann können wir zufrieden sein.

Berlin-Buckow DR. PAUL FELDKELLER

Sie haben in Ihrem Artikel mit keinem Wort die Forschungsergebnisse der Russen erwähnt, die auf dem Gebiet der Transistoren und elektronischen Roboter heute in der Welt führen, was selbst die Physiker der USA zugeben.

So haben die Russen zum Beispiel Rapid -Selektoren entwickelt, die Raum für 70 000 Dokumente - auf Mikrofilm aufgenommene Zeitungsausschnitte, Kommentare und Archivkarten usw. - bieten. Photozellen tasten das Signalfeld auf dem ablaufenden Film ab, das identisch mit der Lochkarte ist, und wählen das gerade Interessierende aus.

Wuppertal ERNST WEITZEL

stud. med. dent.

... Hier ein weiteres Beispiel, wie Rechenroboter indirekt in das politische Geschehen eingegriffen haben: Das US - Pentagon suchte plötzlich sehr schnell für einen wichtigen Geheimauftrag einen technisch vorgebildeten Offizier mit bestimmten Spezialkenntnissen und chinesischen sowie japanischen Sprachkenntnissen. Eine geheime Rundfrage auf dem üblichen 08/15 -Dienstwege hätte Monate erfordert. Die Sache eilte jedoch. Nun verfügt auch das Pentagon bereits seit einiger Zeit über elektronische Rechen- und Sortier-Maschinen. Eine Bull-Sortiermaschine kann 42 000 Lochkarten innerhalb von 60 Minuten einmal durchlaufen lassen; die IBM- (Internationale Büromaschinengesellschaft-) Statistik-Maschine Typ 101 kann innerhalb einer Stunde 27 000 Lochkarten elektronisch gleichzeitig sortieren, gruppieren, auszählen und die Resultate druckreif für statistische Tabellen niederschreiben. (Gegenwärtig entwickelt IBM einen Elektronen -Sortierer für 60 000 Kartendurchläufe in der Stünde, das sind 1000 in 60 Sekunden.) Innerhalb eines Tages waren im Pentagon drei geeignete Offiziere ermittelt; sie wurden sofort herbeizitiert, und einer von ihnen konnte genau 48 Stunden nach Festlegung des Sonderauftrages bereits für diesen eingesetzt werden.

Berlin-Zehlendorf AUGUST SCHERL

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