Zur Ausgabe
Artikel 41 / 76

FIAT Autos im Gepäck

aus DER SPIEGEL 31/1965

Ein Dutzend sowjetische Spitzenfunktionäre standen Spalier, als der Mathematikprofessor und Fiat-Präsident Vittorio Valletta, 83, auf dem Moskauer Flugplatz Scheremetjewo landete.

Acht Tage lang kutschierten die Russen den schmächtigen Auto-Fabrikanten (Größe: 1,57 Meter) im vergangenen Monat in einer schwarzen Zis-Limousine wie einen Staatsbesucher durch Moskau. Er sprach mit Premier Kossygin, konferierte mit Außenhandels- und Industrie-Apparatschiks, inspizierte Moskaus

Autowerke (Solche Fehler haben wir früher in Turin auch gemacht") und gab in der Italienischen Botschaft ein. Festessen für sieben Sowjet-Minister.

Anfang Juli wurde ein Abkommen »über wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Automobilbaues« von dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats Konstantin Rudnew und Fiat-Präsident Valletta unterzeichnet. Der Text blieb geheim.

Fiats Valletta will sich auf den Automärkten des Ostens festsetzen, ehe ihm andere westliche Konzerne zuvorkommen; während er in Moskau verhandelte, war der VW-Chef Nordhoff gerade in Posen und präsentierte seine Käfer erstmals auf einer Ostblock-Messe.

Nur durch den Osthandel glaubt Valletta die Zukunft des Fiat-Konzerns (Gesamtumsatz 1964: 5,8 Milliarden Mark; Beschäftigte: 125 000) sichern zu können, der im letzten Jahr zum erstenmal seit 1947 Absatzschwierigkeiten hatte und Kurzarbeit einführen mußte.

Valletta im vergangenen Dezember: »Schon 1965 wird es in der EWG eine Überproduktion von Autos geben. Dafür öffnen sich uns die Märkte des Ostens ... wo man mit der Motorisierung auf breiter Basis beginnen wird ... und zwar schon sehr bald.«

Kurz vor seiner Moskaureise übersandte er dem römischen Außenhandelsministerium eine Denkschrift, in der er die Neuregelung der Handelsbeziehungen mit dem Osten forderte. Auch Rotchina stand auf seiner Wunschliste. Italien dürfe sich nicht länger durch politische Bedenken die Expansionsmöglichkeiten im Osten verbauen.

Valletta hatte aus diesen Erkenntnissen längst Konsequenzen gezogen:

- Mit Rumänien schloß er letztes Jahr einen Vertrag über die Lieferung von mehreren tausend Fiat-Autos. Preis eines Fiat 600: 42 000 Lei, dreieinhalb Jahresverdienste eines rumänischen Arbeiters.

- In Jugoslawien wird das Automobilwerk Crvena Zastava in diesem Jahr 45 000, 1970 bereits 114 000 Fiat-Modelle in Lizenz bauen.

- Mit Polen wurde vorletzte Woche vereinbart, daß polnische Fabriken die Fiat-Typen 600 D und 1300 in Lizenz produzieren. Spätestens 1970 sollen in Warschauer Autofabriken, wo bisher sowjetische »Pobjeda«-Wagen montiert wurden, 50 000 Italiener gebaut werden.

Hauptziel der Fiat-Offensive ist jedoch die Sowjet-Union. Unter Rußlands prominentestem Fußgänger, Nikita Chruschtschow, wurden 1964 nur 185 000 Pkw hergestellt, das war weniger als ein Zehntel der westdeutschen Produktion. Nur jeder 300. Sowjetbürger besitzt ein Auto, dagegen jeder dritte US-Amerikaner und jeder siebte Bundesdeutsche.

Zunächst soll Fiat für das untermotorisierte Vaterland der Werktätigen Motoren, Traktoren und Lastwagen liefern, später sollen in großem Stil Pkw produziert werden. Fiat will das erste westliche Automobilwerk in Rußland einrichten, komplett mit italienischen Vorarbeitern, Meistern und Ingenieuren. 400 000 Fiats jährlich sollen von den Fließbändern rollen, das ist mehr als das Doppelte der sowjetischen Autoproduktion 1965.

Fiat-Chef Valletta in Moskau

Einmal der Erste sein

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.