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Artikel 3 / 80

Rudolf Augstein AVE CÄSAR

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 41/1966

Ein Volksfest soll in West-Berlin gefeiert werden. Jeder der 5000 Taxifahrer bekommt eine Schweizer Armbanduhr, das Abgeordnetenhaus eine Stunde frei, Heinrich Lübke kommt, nahezu alle Politiker, die den Gedanken an Karriere noch nicht aus ihrem Herzen verbannt haben, erscheinen bei Axel Springer, um der Einweihung seines in Berlin neuerbauten zwanzigstöckigen Verlagshauses die Ehre zu geben.

Ein Wahrzeichen des Optimismus, in gefahrvolleren Tagen gegründet, ein finanzielles Engagement von 100 Millionen Mark, 75 % davon steuerlich abschreibbar in drei Jahren, fertig steht der Bau, »so grüß' ich die Burg": Sollte das kein Grund zum Feiern sein, für den Verleger, der alles fertiggebracht hat, für die Stadt, die der Zuversicht noch immer bedarf, für die politische Prominenz, die in Axel Springer ihr Idol sehen kann, die in ihm jenes Kraftwerk personalisiert sieht, das, von Wählerstimmen unabhängig, ganz Bonn zu elektrisieren vermag?

Axel Springer hat Anlaß zu feiern. Wir, die ihm ohne Mißgunst dabei assistieren, können ihm freilich nicht ersparen, das Paradoxe seines politischen Tuns zu beleuchten: Je größer, je reicher, je mächtiger das Haus Springer emporwächst, desto höher wird das Hindernis, das Springer selbst mittlerweile auf dem Weg zu einer friedlichen Ordnung in Europa darstellt. Er selbst steht seinen eigenen Wünschen nach einem nicht länger geteilten Deutschland immer unüberwindlicher entgegen, je mehr Büroburgen, Auflagen und Druckereien (beiläufig sechs) ihm gehören.

Auf jenen Springer-Artikel hin, in dem ich vor neun Wochen ein Gesetz gegen Presse-Monopole (und natürlich nicht speziell gegen das Haus Springer) angeregt habe, waren in Springers Zeitungen folgende Gegenargumente zu lesen:

- Die meisten Leser von Springer -Zeitungen lesen auch noch andere Zeitungen, lesen Illustrierte, Fachblätter, Gewerkschaftsblätter, sehen fern und hören Radio (Heinz Pentzlin in der »Welt");

- unter den deutschen Nachrichten-Magazinen hat der SPIEGEL ein viel ausschließlicheres, nahezu hundertprozentiges Monopol (Pentzlin in der »Welt");

- keiner der vielen Verleger, die William S. Schlamm kennt, redet seinen Redakteuren so wenig drein wie Springer (Schlamm in der »Welt am Sonntag");

- Springers Zeitungen werden zwar gekauft, aber ob sie gelesen werden, weiß niemand (Curt Riess, nachgedruckt in der »Welt");

- die deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten bilden das wahre, das einzige, das einzig gefährliche Monopol (Alfons Dalma, nachgedruckt in der »Welt");

- Augstein bestimmt die Meinung der deutschen Öffentlichkeit nachhaltiger als Springer ("Mann in der Zeit«, nachgedruckt in der »Welt").

Über diese und ähnliche Argumente wird noch gestritten werden, wenn der Bundestag tätig werden will, was niemand glauben kann. Aber gerade am Beispiel West-Berlins wird klar, daß Springers Büchsenspanner sich nach besserer Munition umsehen müssen.

Springer verkauft in West-Berlin mindestens 70 Prozent aller Zeitungen (nach unbestätigten Schätzungen aus dem Bundestagsausschuß für Wissenschaft, Kulturpolitik und Publizistik sogar 84 Prozent aller sogenannten »Presseerzeugnisse"). Außer ihm residiert kein nennenswert großes und unabhängiges Verlagshaus in West-Berlin. Da gedruckte Nachrichten und Meinungen, noch dazu auf Gefühlswellen vorangetragen, nachhaltiger wirken als elektronisch verbreitete (die im übrigen meist auch keiner konturierten Generallinie unterworfen sind), hat der - nicht abwählbare - Springer allein in West-Berlin soviel Einfluß wie der

- gewählte und abwählbare - Senat.

Wenn Berlin keine Zeitungshauptstadt und erst recht keine Zeitungsweltstadt wird, so liegt das nicht zuletzt (wenn auch keineswegs zuerst) an Springer. Erstrangig an ihm liegt es, wenn Berlin weiterhin die Stadt der Trippel-Schritte bleibt, die das Notwendige nicht zum Durchbruch bringt. Springers Maschinerie ist der Motor, dessen sich die Westdeutschen und die West-Berliner bedienen, um die klassische deutsche Rolle des Verspätetseins mit gutem Gewissen weiterspielen zu können.

Am Grabe seines Freundes Hans Zehrer hat Springer bekannt, er werde »eines Tages zu denen gehören müssen, die ihre qualvollen Träume um das Land, das wir lieben, zu realisieren haben«. Nun, diese qualvollen Träume werden nicht realisiert werden, eben weil Deutschland seinen Nachbarn mit seinen Träumen schon genug Qual bereitet hat. Die Umwelt verlangt von Deutschland nicht, daß es träumt, auch nicht, daß es qualvoll träumt, sondern daß es erkennt und nach Erkenntnis handelt.

Und was sind das für Träume, die hier »eines Tages« verwirklicht werden sollen? Außenpolitisch kann man es sich vorstellen, wenn man »Welt« und »Welt am Sonntag« betrachtet. Aber denkt Springer auch an die Gesellschaft, die seinen Träumen voranhelfen soll? Welchen Rohstoff stellt er sich vor, da doch Träume auch Stoff werden müssen? Ist der »Bild« und der gewesene »Bravo«-Leser von heute das ehrgeizige Leitbild von morgen?

Vielleicht ist er es, aber dann sollte erst recht mit dem Träumen Schluß sein. Springer hört es nicht gern, aber er ist nun einmal das sichtbarste Symbol einer Wohlstandsgesellschaft, die sich den klassischen Wildwuchs-Kapitalismus früherer Gründerzeiten glaubt leisten zu können. Staatliche Intervention, deren Notwendigkeit an keiner Einzelperson so drastisch deutlich wird wie an Axel Springer, ist dieser Gesellschaft ein Greuel.

Daß eine staatliche Stelle den Kauf eines Zeitungsverlages oberhalb einer gewissen Gesamtauflage genehmigen muß, wie in England, daß der amerikanische Justizminister, wie derzeit im Fall der früheren »New York Herald Tribune«, auf dem Klageweg Auflagen für einen Zeitungszusammenschluß durchsetzt, gilt in der Bundesrepublik schon als Sakrileg.

Die Wirtschaft soll »frei« sein, frei auch dann, wenn sie zu nicht revisiblen Fehlentwicklungen treibt, zu einer nachhaltigen Verfälschung der Institutionen; frei auch dann, wenn der Wettbewerb der Meinungen durch Monopolisierung eingeschränkt wird; frei auch dann, wenn Meinungen und Nachrichten mit den Mitteln eines neuzeitlichen Syndikats konzerniert und propagiert werden - so frei, wie die Wirtschaft in keiner funktionierenden Demokratie ist, noch sein kann.

Wie immer die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR, hoffentlich zum Besseren, sich entwickeln werden: So, daß eine also verstandene westliche Freiheit, eine Freiheit der Wenigen also, mit den drüben entstandenen gesellschaftlichen Verhältnissen akkordiert werden könnte, werden sie sich nach aller Voraussicht nicht entwickeln. Der Gedanke, daß 70 Prozent der in einer gewesenen DDR verkauften Meinungen und Nachrichten von einer Hauptstadt Berlin aus und von einem Mann dirigiert werden könnten, muß nicht nur den Kommunisten und ihren Gesinnungs-Erben unerträglich sein.

Westdeutschlands Politiker, zu denen Axel Springer gezählt werden will, müssen begreifen, daß auch die DDR eine legitime, wenn freilich immer in der Minderheit unterdrückte Tradition der Deutschen fortsetzt; daß sie eine Antwort auf deutsche Fehlentwicklungen ist, die mit Namen kenntlich zu machen allmählich langweilig wird: Es wären teils respektable, teils keinesfalls respektable Namen. Springers Perfektion im Wachsen, Springers vollautomatisch sich vergrößernder Vorsprung ist solch eine Fehlentwicklung. Das Hochhaus direkt an der Trennungslinie mit dem höchsten Paternoster der Welt symbolisiert die babylonische Sprachverwirrung der Deutschen: Östlich eine Revolution von oben und von außen, Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse durch Diktat, westlich eine Gesellschaft, die gar nichts mehr ändern, die den Status quo und die Vergangenheit genießen will, träumerisch geschaukelt von einer rückwärtsblickenden, naiv sich mißverstehenden Presse: Es geht nicht zusammen, friedlich nicht.

So gratulieren wir dem Geschäftsmann, dem Verleger Axel Springer, den wir dennoch in einem Atem darauf hinweisen, daß seine grandiose Schöpfung einer gedeihlichen Entwicklung der deutschen Dinge, die er selbst mit Leidenschaft zu wünschen meint, am meisten im Wege steht.

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