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PERSONALIEN Axel Cäsar Springer, Friedrich Jahn, Otto Graf Lambsdorff, Egon Franke, Anwar eI-Sadat, Karin Struck, Manfred Stobbe, Bazon Brock, Josef Ertl, Ferdinand Marcos

aus DER SPIEGEL 43/1977

Axel Cäsar Springer, 65, Groß-Verleger und -Grundbesitzer, verzichtete darauf, sein im Januar 1975 bei einem Brandanschlag zerstörtes Berg-Chalet »Rodomont« im Berner Oberland wieder aufbauen zu lassen und errichtete statt dessen aus den Überresten des Kamins ein Mahnmal -- für den schweizerischen Friedensstifter Nikolaus von der Flü. Die schlichte Gedenkstätte (Inschrift: »Was die Seele für den Leib, ist Gott für den Staat. Wenn die Seele aus dem Körper weicht, dann zerfällt er. Wenn Gott aus dem Staat getrieben wird, ist er dem Untergang geweiht") kostete den Berliner Verleger immerhin rund 700 000 Schweizer Franken -- den Gegenwert der Versicherungssumme, den schweizerische Feuerversicherungen nur dann auszahlen, wenn die zerstörten Gebäude wieder aufgebaut werden. Friedrich Jahn, 53, Wienerwald-Chef und Strauß-Spezi, möchte seine »Hendl« nun doch aus der großen Politik heraushalten. Drei Tage lang waren Wienerwald-Hähnchen im Straßenverkauf in CSU-Plastiktüten angeboten worden -- Werbung für Erich Kiesl, CSU-Oberbürgermeister-Kandidat für München. Doch als der SPD-Unterbezirk München mutmaßte, Jahn wolle sich »für die außerordentlich großzügige steuerliche Behandlung erkenntlich zeigen, die ihm zur Verwunderung des Bundesrechnungshofes beim bayrischen CSU-Finanzministerium zuteil geworden ist«, zog der kühl kalkulierende Kommerzialrat die Wahltüten schleunigst zurück. Jahn:. »Wir verkaufen Hendl und keine Politik.«

Otto Graf Lambsdorff, 50, FDP-Bundeswirtschaftsminister, erhielt gleich in der ersten Kabinettssitzung' an der er in seiner neuen Funktion teilnahm, eine Lektion von seinem Kanzler. Helmut Schmidt ermahnte den Neuling, der sich vor seiner Ernennung zum Minister durch allzu lockere Äußerungen, oftmals auf Kosten der Koalition oder der Freidemokraten, hervorgetan hatte, zur Kabinettsdisziplin. Der Kanzler zu Beginn der Sitzung am Mittwoch letzter Woche: »Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff hat heute seine parlamentarische Freiheit verloren, Ich hoffe, er ist sich des Verlustes bewußt.« Egon Franke, 64, Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen und gebürtiger Hannoveraner, kämpft um eine heimatliche Trinksitte -- die »Lüttje Lage«. Der akrobatisch-alkoholische Akt -- ein kleines Glas dunklen Bieres und ein 1cl-Stamperl Weizenkorn werden gemeinsam so in die Hand genommen, daß sich beim Trinken Korn und Bier mischen -- war durch die Schankgefäß-Verordnung von 1971 in Gefahr geraten, nach der für Schnapsgläser eine Mindestfüllmenge von 2 cl vorgeschrieben ist -- zuviel für den Niedersachsen-Brauch. Eine Eingabe des Niedersächsischen Bundestagsabgeordoelen Detlef Kleinert zur Rettung der heimatlichen Trinksitte, wurde beim Wirtschaftsministerium wohlwollend aufgenommen. Weniger erfolgreich war Minister Franke bei einem Demonstrationsversuch im Bonner Bundeshausrestaurant: Beim Kippen einer Drillings-Lage (ein Bier, zwei Korn) bekleckerte er seine Krawatte (Photo o.). Anwar eI-Sadat, 58, ägyptischer Staatschef, und sein Pressereferent Saad Saghlul Nassar suchten in ihrem Bemühen, die Zusammenarbeit zwischen Regierung und den ägyptischen Medien zu verbessern, Hilfe beim falschen Mann -- die Ägypter engagierten den US-Journalisten Gerald Warren, der früher als stellvertretender Pressesprecher in Nixons Diensten stand. Während der Watergate-Affäre brachte es Warren, der jetzt in Kairo für die Transparenz der Informationspolitik sorgen sollte, zur Meisterschaft in nichtssagenden Auskünften. Bazon Brock, 41, Professor für Neuere Ästhetik in Hamburg, Selbstdarsteller und »Beweger« der sechziger Jahre, hatte zum Schluß der 27. Berliner Festwochen zu einer gigantischen sonntäglichen »Prozession« (Brock) aufgerufen -- Motto: »Zeig dein liebstes Gut.« Trotz vorheriger Werbung in den Massenmedien folgten nur wenige Mitläufer dem Ruf des intellektuellen RattenfänKarin Struck, 30. Autorin vorwiegend autobiographischer Romane ("Klassenliebe«, »Die Mutter"), vollzog nach, was sie in ihrem letzten Werk, »Lieben«, der Heldin Lotte widerfahren ließ (Text: »Hälfte des Lebens -- im dreißigsten Jahr, nach langer Irrfahrt' entschließe ich mich' bei einem Menschen zu bleiben ...") -- die Schriftstellerin, einst Kommunistin, wurde in der Münsterschen Bonifatius-Kirche mit dem zur Zeit bei der Bundeswehr dienenden Installateur Manfred Stobbe nach katholischem Kirchenrecht gültig getraut (Photo). Das Motto der Hochzeits-Anzeige borgte sie beim Schreiber-Kollegen Peter Handke: »Liebe: Die Formen sind das Angemessene, Natürliche, in dem das Gefühl erst ruhig und stark wird; ohne die Formen Verlust des Gefühls und plötzliche Kälte.« Die Hochzeitsreise ging nach Norderney.

gers. Brocks Eitelkeit dürfte dennoch befriedigt sein: Neben Blochs »Prinzip Hoffnung«, einem Teddybären und einer Muschelsammlung trugen zwei Jünger Brock-Bücher vor sich her.

Josef Ertl, 52, schwergewichtiger deutscher Bundesernährungsminister, bekam jüngst von der Deutschen Welthungerhilfe in Bonn eine Gabe überreicht, die ihn offensichtlich etwas verunsicherte: die Bronzeplastik »Hungernder« der Kölner Bildhauerin Liesel Wölfel-Löbach. Die Plastik, ein ausgemergeltes Negerkind, das an alle Hungernden in der Welt erinnern soll, wirkt in der kräftigen Hand des wohlgenährten Bayern Ertl (Leihspeisen: Apfelstrudel, süße Knödel, Dampfnudeln, Pralinen) noch armseliger und verlorener, als es von der Künstlerin wohl beabsichtigt war (Photo).

Ferdinand Marcos, 60, Präsident der Philippinen, brachte mit einem vorschnell erlassenen Dekret die Verwaltung seines Landes in Schwierigkeiten. Um die Aufforstung des Inselstaates voranzutreiben, bestimmte das Staatsoberhaupt im Juni per Erlaß, daß jeder körperlich gesunde Filipino, der älter als zehn Jahre ist, in den nächsten fünf Jahren pro Monat einen Baum zu pflanzen und zu pflegen habe. Bei Nichtachtung der Pflanz-Order droht rund 30 Millionen Betroffenen die Aberkennung der Bürgerrechte, zumindest aber eine Geldstrafe. Der Baum-Erlaß legte die Behörden lahm: Dort häufen sich Anfragen, die vor allem aus Manila kommen. In der dichtbesiedelten Hauptstadt wohnt ein Großteil der Bevölkerung in den Slums und besitzt weder Land noch Geld, um der verordneten Forstaktion nachzukommen.

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