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STUDENTEN / GEDENKTAFELN Axt im Haus

aus DER SPIEGEL 49/1968

Am Abend vor Totensonntag ließ sich Dietrich Düllmann, 25, Student der Theologie und Kriegsdienstverweigerer, in die Wolfenbütteler Kirche Beatae-Mariae-Virginis einschließen, kauerte sich vor die Gedenktafel für die Kriegsgefallenen und studierte noch einmal deren Inschriften.

Dann griff er zur Axt, denn: »Das ist das Christentum, das Auschwitz ermöglicht hat.« Mit dem Schlaginstrument, das er »eigens zu diesem Zweck« gekauft hatte, zerhieb Düllmann, der sein Studium mit einem Stipendium der Braunschweigischen Landeskirche finanziert, vier Ehrentafeln -- eine mit der Aufschrift: »Für Deutschlands Heil sind gefallen ...«, eine andere mit den Worten: »Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde.« Düllmann dazu: »Damit wird der Erste Weltkrieg als Liebestat bezeichnet.«

Mit roter Lackfarbe pinselte Düllmann dann Erläuterungen seines Tuns an Kirchenpfeiler und heilgebliebene Eisentafeln, so das Gottes-Wort: »Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker«, so das Düllmann-Wort: »Ihr aber habt daraus eine Ruhmeshalle für eure Verbrechen gemacht.«

Als gegen 23 Uhr der Küster erschien, um nach der Heizung zu sehen, war -- so Düllmann -- »meine Arbeit getan«. In den Trümmern stak noch die Axt. Der Stiel war gleichfalls rot beschriftet -- wie geschrieben steht bei Matthäus 3, Vers 10: »Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt.«

Student Düllmanns Kirchenkampf gegen »die Pseudo-Christen« (Düllmann) von Wolfenbüttel hatte schon eine Woche zuvor am Volkstrauertag« dem ehemaligen »Heldengedenktag«, begonnen, als sich in der Garnisonskirche St. Trinitatis alte Herren mit alten Fahnen um den Altar gestellt und auch im Chorgestühl überwiegend alte Krieger Platz genommen hatten.

An den auch dort angebrachten Ehrentafeln vorbei (Inschrift zum Beispiel: »Sie gaben ihr alles, ihr Leben, ihr Blut, sie gaben es hin mit freudigem Mut, für Deutschland"), und während die Gemeinde das Glaubensbekenntnis murmelte, erklomm Düllmann die Kanzel, entrollte ein Transparent ("Der Krieg ist unter uns") und rief: »Wer ist euer Gott? Jahve oder der Krieg, die Bundeswehr oder Jesus Christus?«

Weiter kam er nicht. Unter Verwünschungen wie »Verbrecher«, »Schweinehund«, »Lumpenhund« packten militante Christen den Studenten und trieben ihn »mit Fußtritten« (Düllmann) aus dem Gotteshaus. Zwei Dillmann-Freunde ließen unterdes Flugzettel auf die Christen regnen: »Endlösung und Völkermord in der St.-Trinitatis-Kirche«.

Doch Düllmann stieß nicht nur auf Unverständnis: Propst Oelker, Oberhaupt der Trinitatis-Gemeinde, mit dem der Student wiederholt über die Heldentafeln gesprochen hatte, fand gleichfalls, daß »diese Sprüche nach heutigem Verständnis und nach dem Verständnis der evangelischen Botschaft untragbar« seien. Der Trinitatis-Kirchenvorstand beschloß, auf eine Strafanzeige gegen Düllmann zu verzichten.

Die Christen der Marien-Gemeinde, denen Düllmann mit der Axt kam, wollen derart viel Nächstenliebe freilich nicht aufbringen. Aber Helmut Mayer, Mitglied des Kirchenvorstands dieser Gemeinde, will trotzdem dafür sorgen, »daß wir Herrn Düllmann in unsere Gebete einschließen«. Und: »Ich würde auch wieder mit ihm sprechen und diskutieren, aber nur, wenn er die Axt aus der Hand legt.«

Düllmanns Axt wurde von der Polizei beschlagnahmt. Eine zweite, die er in einer Nische der St.-Trinitatis-Kirche versteckt hatte, blieb bislang unentdeckt.

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