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Frankreich Axt im Kopf

Eine neue Skurrilgazette verwirrt die Pariser - Vorläufer für Bild a la francaise?
aus DER SPIEGEL 31/1994

Nach reiflicher Gewissensprüfung fand Serge Pommeau, 34, »gutaussehend, dynamisch«, den idealen Lebenspartner. Der Franzose heiratete - Zylinder und Myrtenkranz übereinandergeschichtet - sich selbst.

Die Fotoreportage über den Mann, der sich in einer Kirche selbst den Ehering überstreifte ("Seither bin ich mir innerlich nähergekommen"), füllte fast zwei Seiten einer neuen Pariser Zeitung, die vom Branchendienst CB News als Presseerfolg des Jahres bestaunt wurde: Infos du monde. Das vier Francs billige »wöchentliche Informationsblatt« (Untertitel) übertrifft mit seinen »Exklusiv-Sensationen« mühelos Europas berüchtigtste Boulevardblätter, etwa Britanniens The Sun oder Deutschlands Bild.

Erschüttert lasen Pariser die Story von Marie-France Migaud, 32, die seit ihrer Geburt nicht geschlafen habe. Ein Foto dokumentierte, wie im Himmel über Somalia das Haupt von Jesus erschien - in Form einer riesigen Wolke. Traurig, aber eindrucksvoll das Los tapferer Babys ("Ihre Eltern wurden abgeschoben"), die sich in einer Kommune ohne Hilfe durchs Leben schlagen.

Stutzig wird der staunende Leser spätestens, wenn er glauben soll, daß eine gewisse Magdalena in Cannes einen Ehemann sucht - trotz eines kleinen Handikaps: Sie hat vier Beine. Da dämmert's ihm: Infos du monde besteht aus zusammenphantasierten Geschichten. Oder vielleicht doch nicht? Das Blättchen, so half der linke Nouvel Observateur Verunsicherten auf die Sprünge, sei das »Fachorgan für die vierte Dimension«.

Hinter der Absurditätensammlung steht ein Mann, der, wenn es ums Geld geht, gar keinen Spaß versteht: Daniel Filipacchi, 66, Boß von Hachette Filipacchi Presse, einem der größten Verlagsunternehmen der Welt (Paris Match, Elle).

Filipacchi, gleichzeitig Mitglied im Verwaltungsrat des Elektronik- und Waffenmultis Matra-Hachette, hatte Gefallen gefunden an dem schon 14 Jahre alten US-Schwindelmagazin Weekly World News ("Elvis lebt"). Der Tycoon schickte eine Pariser Journalistenmannschaft als Azubis nach Florida. Ende März lag die erste französische Ausgabe von Infos du monde an den Kiosken aus.

Als Herausgeber des Skurrilblattes fungiert der frühere Chefredakteur des Herrenmagazins Lui, Stephane de Rosnay, 32. Der verblüffte die naserümpfenden Kollegen in seinem Verlag ebenso wie die krisengeschüttelte französische Pressewelt: Bei einem Startkapital von nur etwa 600 000 Mark und ganz ohne Werbekampagne kletterte die Auflage in vier Monaten von 80 000 auf - je nach Titel - bis zu 360 000 Exemplaren. De Rosnay: »Unsere Leser glauben die Geschichten, also sind sie wahr.«

Wer so denkt, kann es in der Publizistik weit bringen. Die Marktlücke für ein richtiges »trash tabloid«, ein tägliches Schmutzblatt, ist offenkundig da, wie der Zeitungsmacher schwärmt. Während London zehn Massen- und Gassenblätter bietet, ist Paris in Sachen Boulevardpresse Entwicklungsgebiet: Le Parisien kommt landesweit auf 418 000 Exemplare, der France-Soir kümmert mit 214 000 dahin, der neue InfoMatin krebst mit 105 000 unterhalb der Rentabilitätsgrenze.

Als Hauptgrund für die Misere nicht nur der Massenpresse - 80 Prozent aller Pariser Tagesblätter von Le Monde bis zur KP-Postille L'Humanite überleben nur mit Staatszuschüssen - sehen Experten die Eigenart französischer Journalisten, lieber mit Tiefsinn zu brillieren, statt interessante Fakten auszugraben - die Leser schlafen ihnen davon. De Rosnay: »Frankreichs Presse ist die langweiligste der Welt.«

Daß seine Zeitung für Para-Aktualität so gut angelaufen ist, bestätigt de Rosnay in seiner Überzeugung: Die Republik ist reif für eine französische Variante von Bild, die schon nächstes Jahr anlaufen soll. Das Gefechtsfeld ist günstig: 70 Prozent der Infos du monde-Käufer sind Großstädter, die »Unerhörtes lesen wollen« (de Rosnay).

Geschäftsleute klemmen sich verstohlen die Infos unter den Arm - für die Büropause. Dann genießen sie den Fotoreport über Penelope Thompson, die mit ihren 84 Jahren gebaut ist wie Schwarzenegger und zur »Miß Muskel« gekürt wurde. Oder über die Hostesse Sonia, die seit vier Jahren denselben Kaugummi mampft.

Zuschriften und Anrufe belegen aber auch, daß biedere Bürger selbst Horrorstücke wie »Mann lebt seit acht Jahren mit Axt im Kopf« glauben. Grund dafür ist, daß die Phantasieschreiber als »Chefreporter«, ohne eine Spur von Satire, mit Namen, Daten und Details (die Christus-Erscheinung: 2. Mai, 15 Uhr) Authentizität vortäuschen.

Darauf können selbst Profis hereinfallen. So erregte sich zum Gaudium der Rosnay-Equipe die Medien-Kritikerin der Wochenzeitung VSD ganz ernsthaft über die Titelmeldung: »Erstmals seit 1744: Mutter mit zwei Köpfen kriegt Baby mit zwei Köpfen«.

Wie nahe die Pariser ihrem deutschen Vorbild schon kommen, zeigte sich, als die Kometentrümmer auf den Jupiter regneten. Überschrift in Infos du monde: »Ist dies das Ende der Welt?« Bild-Schlagzeile: »Geht so die Welt unter?« Y

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