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Golfstaaten »Baba ist ein gütiger Mann«

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 42/1995

Augen, Hände, Wangen, alles blauschwarz und dick geschwollen. Angelina lüpft den Rock. Auch die Beine sind bis hinauf zu den Oberschenkeln von Tritten und Schlägen gezeichnet.

Wer hat das getan?

»Madame«, sagt Angelina. »Sie hat mich bestraft, weil das Kind einen Kerzenleuchter aus Porzellan auf den Boden geworfen und zerbrochen hat.« Das sei so üblich im Haus ihrer Herrschaft.

Angelina ist vor fünf Tagen davongelaufen. Seitdem hält sie sich bei einer befreundeten Familie in Abu Dhabi versteckt, die ihr schon zweimal Asyl gewährt hat. Sie sagt, sie brauche noch ein paar Tage. Dann werde sie zu ihrem Brotherrn zurückkehren. Sie redet so, als habe sie schwere Schuld auf sich geladen und hoffe nun auf Vergebung. »Der Baba ist ein gütiger Mann, der mir auch diesmal wieder verzeihen wird. Nur mit Madame gab es Probleme.«

Sie will tatsächlich freiwillig zurück in die Sklaverei, aus der sie gekommen ist? Wo bleibt denn da die menschliche Würde?

Angelina zieht wortlos eine Musickassette und ein knapp postkartengroßes Farbfoto aus dem Ledertäschchen, das sie am Gürtel trägt. Sie legt die Kassette in einen Recorder und drückt auf den Startknopf. »Die Geräusche meiner Heimat, mein Bruder hat sie für mich aufgenommen«, sagt sie, »dahin will ich zurück, aber erst, wenn ich reich bin.« Autohupen, Motorradgeknatter, Entengeschnatter, Kirchengesang sind zu hören. Dann die Stimme eines Kindes. Angelina zeigt auf das Foto: »Juanita, meine Tochter.« Sie senkt den Kopf, damit man ihr nicht in die Augen sehen kann.

Die kleine Juanita lebt bei der Großmutter. Angelina sieht sie nur alle zwei Jahre für zwei Wochen, wenn sie Heimaturlaub macht. »Juanita soll es gut haben und eine gute Schule besuchen, deshalb muß ich hierbleiben.« Angelina überweist jeden Monat 120 Dollar in ihr Dorf bei Batangas, 100 Kilometer südlich von Manila. Von dem Geld leben ihre Eltern, ihre zwei Brüder, von denen einer gelähmt ist, und Juanita.

Angelina hat nur die Wahl zwischen einem würdigen Leben in Armut und einem vorübergehend unwürdigen Leben mit einer gewissen Aussicht auf ein bißchen materielles Glück. Menschliche Würde ist ein Luxus der Reichen. So etwas kann sich ein philippinisches Hausmädchen in Abu Dhabi nicht leisten.

»Man muß das verstehen, diese Leute haben eine Menge Geld bezahlt, um hierherzukommen«, sagt Danny Cruz, Sozialattache an der philippinischen Botschaft in Abu Dhabi. »Manche haben ihr Haus verpfändet und ihr Vieh verkauft, und sie tun alles, um nicht nach Hause geschickt zu werden.«

Prügel, Vergewaltigung, Demütigung, das ist der Alltag asiatischer Hausmädchen in Kuweit, Saudi-Arabien und den arabischen Emiraten. Sie arbeiten bis zu 18 Stunden am Tag, sie bekommen die Reste, die die Herrschaft auf den Tellern läßt, und nur die Glücklicheren haben manchmal einen halben Tag im Monat frei. Sie haben kein Recht auf Freizeit und überwiegend nicht mal einen rechtsverbindlichen Anspruch auf geregelte Bezahlung.

Das entspricht dem landläufigen Verständnis vom Umgang mit Domestiken. Die Sklaverei wurde in Saudi-Arabien 1962 abgeschafft. Doch die Frage, ob ersatzweise Hausangestellte wie Sklaven behandelt werden dürften, blieb offen. Es wäre doch mal interessant zu erfahren, regte ein Leser der saudischen Tageszeitung Arab News in einem Brief an die Redaktion an, wie der Islam sich dazu stelle. Und darin war kein Anflug von Ironie.

Die amerikanische Menschenrechtsorganisation »Middle East Watch« hat der kuweitischen Regierung eine sorgfältig recherchierte Dokumentation mit Dutzenden krasser Rechtsbrüche vorgelegt. Sie hat über junge Frauen berichtet, die vergewaltigt, gefoltert, von der Polizei wochenlang grundlos eingesperrt wurden. Aber kein einziger Fall wurde von der kuweitischen Regierung untersucht.

Bei den Vertretungen der Philippinen in Saudi-Arabien und den Golfstaaten gehen jeden Tag an die hundert telefonische Hilferufe von Hausmädchen ein, die geschlagen oder vergewaltigt wurden oder die keinen Lohn bekommen. Allein in Abu Dhabi haben sich 150 »Maids«, die ihren Arbeitgebern weggelaufen sind, in ihrer Botschaft verschanzt, weil sie sonst die Zeit bis zur Abschiebung im Gefängnis verbringen müßten.

1994 wurden über 5000 junge Mädchen im Eilverfahren nach Manila zurückgeschafft. 300 Tickets hat die kuweitische Regierung bezahlt. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich vor ihrer Fürsorgepflicht nicht drückt.

Die Repatriierung ist meist das Ende aller Hoffnungen. Das erste Jahreseinkommen geht fürs Flugticket und für den Arbeitsvermittler drauf, der im Schnitt sechs Monatsgehälter verlangt. Wer schon nach einem Jahr heimkehrt, hat noch nicht mal die Kosten wiederhereingeholt. Außerdem verlangt oft der Arbeitgeber noch die Gebühren zurück, die er für die Hausmädchen-Lizenz gezahlt hat. Wenn auch meist nicht so nachdrücklich wie ein gewisser Abd el-Latif, Oberst bei der kuweitischen Armee. Latif fuhr sein flüchtendes Hausmädchen mit dem Auto an und erschien anschließend bei der philippinischen Botschaft, weil er sein Geld wiederhaben wollte.

Am schlimmsten sind die Zustände in Saudi-Arabien. In einem amtlichen Bericht der philippinischen Botschaft in Riad hieß es neulich, die ausländischen Haushaltsgehilfen dort seien »Sklaven, die keine Rechte haben und wie ein Geschenk weitergereicht werden können«. Aber Politik und Diplomatie sind machtlos gegen die Barbarei, die sich durch Geld legitimiert. Und daß sich Diplomaten eines der mächtigen westlichen Länder, die hier mehr Respekt genießen als die Philippinen, für die Rechtlosen verwendet hätten, ist bislang nicht bekanntgeworden.

Letzten Sommer hat eine Sonderkommission die Lebensbedingungen der philippinischen Gastarbeiter im Ausland, vor allem im Nahen Osten, untersucht. Die Ermittlungsergebnisse waren so schockierend, daß die Regierung in Manila ein totales Ausreiseverbot für junge Frauen anordnete. Es soll aber erst in fünf Jahren wirksam werden. Niemand glaubt daran, denn die Filipinos können sich keinen Streit mit den Arabern leisten. Die gut vier Millionen sogenannten Überseearbeiter überweisen jedes Jahr acht bis zehn Milliarden Mark. Wenn nur die Transferleistungen der Hausmädchen ausfallen, ist der Staat bankrott.

Die öffentliche Erregung über die skandalösen Lebens- und Arbeitsbedingungen hielt sich zunächst in Grenzen - bis zum 16. September dieses Jahres, als ein Gericht in der Oase El-Ain das Hausmädchen Sarah Balabagan, 16, aus Simuay Bridge auf Mindanao zum Tode durch Erschießen verurteilte.

Sarah hatte am 19. Juli vorigen Jahres, knapp zwei Monate nach ihrer Ankunft in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ihren Arbeitgeber Almas Mohammed el-Baluschi mit 34 Messerstichen umgebracht, nachdem dieser - nach ihrer Aussage - versucht hatte, sie zu vergewaltigen. Weil das Gericht auf Notwehr erkannte, kam Sarah mit sieben Jahren Gefängnis davon. Sie sollte sogar eine Entschädigung für ihre beschmutzte Ehre erhalten.

Doch ein Berufungsgericht hob das Urteil auf und verurteilte Sarah Balabagan zum Tod. Das Echo auf den Philippinen war furios. Die Bilder von dem schwarzumrahmten Engelsgesicht hinter Käfiggitterstäben ließen einen Vulkan von Mitgefühl und Volkszorn explodieren. In Manila brannten Fahnen der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Botschaft mußte unter Polizeischutz gestellt werden.

Am 30. Oktober soll das endgültige Urteil gefällt werden. Wenn es wieder auf Todesstrafe lautet, kann nur noch Scheich Sajid Bin Sultan Al Nahajan, der Präsident der Emirate, Sarah mit einer Begnadigung retten. Der philippinische Botschafter, Roy Seneres, sagt, er hoffe sehr, daß Scheich Sajid das tun werde. Denn: »Er ist auf der ganzen Welt als personifizierte Gerechtigkeit bekannt.« Sarahs Familie hat sich bereit erklärt, nach Landessitte Blutgeld zu zahlen. Aber die Familie des Opfers lehnt ab. Sie besteht auf Hinrichtung.

In den letzten zweieinhalb Jahren wurden am Golf zwölf Frauen hingerichtet. Der Henker ist die einzige Instanz auf der arabischen Halbinsel, vor der Männer und Frauen gleich sind.

Zeugen haben überliefert, wie die 35jährige katholische Hausgehilfin Leonarda Akula aus Manila am 7. Mai 1993 auf dem Marktplatz in Dammam exekutiert wurde: Sie mußte vor mehreren hundert - ausschließlich männlichen - Zuschauern niederknien. Dann nahm ihr der Scharfrichter den Schal ab, den sie um den Hals trug, und schlug ihr mit einem Krummschwert den geschorenen Kopf ab. Das Ersuchen der Botschaft, Leonarda Akulas Sarg nach Manila überführen zu dürfen, wurde von den saudischen Behörden nicht einmal beantwortet.

Weil Strafvollzug Männersache ist, wird auch die Prügelstrafe an weiblichen Delinquenten von Männern vollzogen. Sie wird meist für Ehebruch und außerehelichen Geschlechtsverkehr verhängt. Strafmaß je nach Gerichtsstand: 80 bis 200 Hiebe mit dem Rohrstock.

Es gilt das umgekehrte Verursacherprinzip. Viele Mädchen und Frauen werden verprügelt, weil ihre Arbeitgeber sie - ganz gleich, ob mit oder gegen ihren Willen - geschwängert haben. Die Strafe wird auch noch im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft vollzogen. Arabische Männer kommen dagegen nie wegen Ehebruchs mit einer Bediensteten vor Gericht.

Natürlich ist es auch schon vorgekommen, daß rabiate Dienstherren für die Mißhandlung ihres Personals zur Rechenschaft gezogen wurden. Aber dann waren die Angeklagten fast immer selbst Ausländer, wie im Fall der 26jährigen Nelfa Baltar, die im Emirat Umm el-Keiwein bei dem ägyptischen Ehepaar Ayman und Maisa Mansur in Stellung war.

Nelfa lebt heute in einem Gästehaus ihrer Botschaft in Dubai. Sie sagt: »Das erstemal bekam ich Haue, als ich mich beim Ankleiden des Babys etwas ungeschickt anstellte.« Ihr Arbeitgeber drosch so lange auf sie ein, bis der Stock zerbrach. Zur Strafe schor ihr die Herrin außerdem die Haare. Fortan bekam sie nur noch eine Mahlzeit am Tag. Einmal, als sie gierig die Milchreste aus der Babyflasche saugte, trat ihr Mansur den Unterleib blutig.

Die junge Frau wurde für kleine Ungeschicklichkeiten bestialisch bestraft. Die Mansurs schlugen sie mit einer Eisenstange, preßten ihr ein heißes Bügeleisen ins Gesicht, rösteten ihre Hände über der Gasflamme. Ihr Elend hatte ein Ende, als Ayman Mansur sie zum Flughafen nach Schardscha brachte, um sie heimlich in die Heimat abzuschieben. Ihr Gesicht war so entstellt, daß der philippinische Hilfsbeamte an der Paßkontrolle sie auf dem Foto in ihrem Paß kaum wiedererkannte.

Bei der medizinischen Untersuchung wurden 72 verschiedene Verletzungen festgestellt: gebrochene Finger, Schädelfrakturen, Verbrennungen, Rippenbrüche. Sie hatte in sechs Monaten 20 Kilo Gewicht verloren. Als man sie fragte, was man für sie tun könne, sagte sie: »Ich habe Hunger.«

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