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FRANKREICH / LAGAILLARDE-PROZESS Babette zieht in den Krieg

aus DER SPIEGEL 45/1960

Vor das Pariser Militärgericht werden in dieser Woche französische Armeepolizisten einen rotbärtigen Angeklagten führen, dessen Namen auszutilgen Frankreichs Regierung seit Monaten emsig bemüht ist: den 29jährigen Abgeordneten, Rechtsanwalt und Fallschirmjäger - Leutnant Pierre Lagaillarde, Anführer jenes algerischen Barrikaden-Putsches vom Januar 1960, der wie kein zweites Ereignis den gaullistischen Staat erschütterte.

»Ich vollbringe eine revolutionäre Tat«, hatte Lagaillarde damals geprahlt. »Ich zwinge die Armee, auf mich zu schießen. Da sie aber nicht schießen wird, muß sie Stellung für oder gegen das Konzept eines französischen Algerien beziehen. Der Mythos der Armee-Einheit, der Mythos ihrer Loyalität zu de Gaulle zerbrechen an meinen Barrikaden.«

Und noch im Pariser Santé-Gefängnis, in dem er seit dem 1. Februar einsitzt, stichelte der Aufrührer: »Das Volk wird die Wahrheit erfahren. Es wird bestimmt meine Ankläger verurteilen und möglicherweise sogar meine Richter.«

Solche dunklen Drohungen bewogen denn auch das Regime de Gaulle, den unliebsamen Prozeß gegen Lagaillarde immer wieder zu verschieben. Bis zur letzten Woche, in der die Rechtsopposition erneut die Freilassung des Putschisten forderte, wich die Regierung lästigen Fragen der Deputierten nach dem Schicksal Lagaillardes aus: - Mitte Februar verhieß ein Regierungssprecher, Lagaillarde sollte »bald« wegen bewaffneten Widerstandes gegen die Staatsgewalt vor Gericht gestellt werden.

- Am 1. Juni versicherte Armee-Minister Messmer dem Parlament, der Prozeß könne noch »im Laufe des Sommers« beginnen.

- Im August erklärte die Anklage-Erhebungskammer (chambre d'accusation), das Verfahren gegen den Fallschirmer werde im Herbst eröffnet. - Wenige Wochen später nannte die Regierung ein neues Datum: den 3. November.

Derartige Manipulationen spiegelten freilich nur die Verlegenheit wider, in die Pierre Lagaillarde den Connétable von Frankreich gestürzt hat: Als Aufrührer ebenso gefährlich wie als Untersuchungshäftling, drohte Lagaillarde mit seinen politischen Donquichotterien die Bemühungen seines Ober-Don-Quichotte zu durchkreuzen, in der Algerienfrage zwischen dem fanatischen Durchhaltewillen der Rechtsextremisten und der Verständigungsbereitschaft liberaler Franzosen zu lavieren.

Diese geschmeidige Algerien-Politik des Staatschefs zu ruinieren, war Lagaillarde in der Tat entschlossen, seit Charles de Gaulle in einer denkwürdigen Pressekonferenz am 16. September 1959 den algerischen Rebellen einen Waffenstillstand und Algerien die Selbstbestimmung angeboten hatte.

Flugs sammelte der Fallschirmjäger-Leutnant die unzufriedenen Algerien -Franzosen um sich, denen die gaullistische Offerte als ein Verrat an der »Algérie Francaise« erschien. Die Wut gegen den General steigerte sich schließlich zu dem Versuch, durch einen Staatsstreich in Algier den langen Charles zu stürzen.

Ein Putsch gegen de Gaulle war allerdings ohne die Hilfe der Armee undenkbar, deren Treue zu dem obersten Kriegsherrn stärker war als jede Kritik an dessen Algerien-Politik. Leutnant Lagaillarde war indes willens, die Führer der in Algerien kämpfenden Armee gegen den General zu mobilisieren.

Seine Putschlust wurde noch durch den seit Kindertagen gehegten Traum angereizt, einmal auf den Barrikaden zu stehen. Schon sein Großonkel, der liberale Abgeordnete Baudin, war 1851 auf den Pariser Barrikaden mit den Worten gefallen: »So stirbt man für 25 Franc Tagesdiäten.«

Großneffe Pierre Lagaillarde: »Ohne Barrikaden gibt es nichts Großes in der Geschichte Frankreichs.«

Der deutsche Journalist Hans Ulrich Kempski verschaffte dem Leutnant endlich die Chance, seine Barrikadenlust zu stillen. Interviewer Kempski entlockte dem Fallschirmjäger-General Massu derartig gallige Kommentare über die gaullistische Algerien-Politik, daß Paris den unbotmäßigen Massu abberufen und damit zugleich die Meinungskluft zwischen Armee und Regierung offenbaren mußte.

Diesen Augenblick nutzt Barrikaden-Romantiker Lagaillarde zum Losschlagen: Am 19. Januar war das Massu-Interview in der »Süddeutschen Zeitung« erschienen, am 22. Januar vereinigt sich Lagaillarde mit den Kampfbrigaden des faschistischen Kaffeehausbesitzers Ortiz, und bereits einen Tag später stapft er über den Hof der Universität von Algier, auf der Suche nach seinem Alcázar*, der zum Fanal des Sturzes von Charles de Gaulle werden soll.

Noch in der Nacht läßt Lagaillarde das Universitätsgebäude von seinen Getreuen besetzen, und alle, alle kommen: seine Mutter mit der Trikolore in der Hand, seine Frau Elisabeth, genannt »Babette«, sein Vater, der später die Radiostation bedient. Zunächst sind es 60 Mann, später schwillt das Barrikaden -Heer des Lagaillarde auf Tausende und aber Tausende an.

Die Armee verharrt jedoch Gewehr bei Fuß. Ihre Generale wissen, daß zumindest das französische Mutterland, müde der algerischen Wirren, hinter de Gaulle steht. In wenigen Stunden ist daher Pierre Lagaillarde von derselben Armee eingeschlossen, die er zum Kampf gegen den obersten Kriegsherrn zwingen wollte. Wütend kapitulieren die Barrikaden-Helden am 1. Februar.

Indes, mochte auch die Autorität de Gaulles über den Barrikaden-Putsch triumphiert haben, so mußte des Generals Regierung doch bald erfahren, daß der rotbärtige Aufrührer in der Zelle des Santé-Gefängnisses nicht weniger gefährlich war als auf den Barrikaden von Algier. Der bevorstehende Prozeß bot Lagaillarde eine neue Chance, gegen die Algerien-Politik de Gaulles zu demonstrieren.

Und je besorgter das Verfahren gegen den Aufrührer von Monat zu Monat verzögert wurde, desto zuversichtlicher wurde Lagaillarde, es könne seinem Anwalt, dem ehemaligen-Pétain-Verteidiger Jacques Isorni, gelingen, den Prozeß zum Schauplatz einer massiven Attacke gegen Charles de Gaulle zu benutzen.

Wie sehr politische Prozesse in Frankreich geeignet sind, die Autorität einer Regierung zu untergraben, hatte sich erst wieder im sogenannten Jeanson -Prozeß (SPIEGEL 42/1960) Anfang Oktober erwiesen: Die Verteidigung der Angeklagten französische Helfer der algerischen Rebellion - hatte durch die Aussagen gewichtiger Zeugen die Methoden der französischen Kriegführung in Algerien derartig attackiert, daß die Regierung de Gaulles als die eigentliche Angeklagte erschien.

Die bitteren Erfahrungen des Jeanson-Prozesses veranlaßten denn auch die französischen Kabinettsjuristen, die Rechte der Strafverteidiger drastisch zu beschneiden. Argwöhnt der rechtsradikale Anwalt Tixier-Vignancourt: »Ich habe das Gefühl, daß der Jeanson-Prozeß eine Provokation war, um für den Lagaillarde-Prozeß gewisse Maßnahmen ergreifen zu können.«

Tatsächlich ließ de Gaulle die französische Strafprozeßordnung derartig abändern, daß von nun an in politisehen Prozessen generelle Ausfälle gegen die Politik, also auch die Algerien-Politik, der Regierung nicht mehr möglich sind:

- Zeugenaussagen müssen sich darauf beschränken, zur Person des Angeklagten oder zu Anklagepunkten Stellung zu nehmen.

- Das Gericht darf einem Verteidiger mit sofortiger Wirkung wegen Verletzung der Standespflichten und Mißachtung des Gerichts ein Redeverbot auferlegen, falls sein Plädoyer nach Ansicht des Gerichts nicht mehr die Person des Angeklagten behandelt.

- Während des Verfahrens dürfen keine neuen Zeugen geladen werden.

Durch diesen Federstrich, der »den Verteidiger zum Hilfsorgan der Justiz« herabwürdigt ("france Observateur"), sieht sich Pierre Lagaillarde jeglicher Chance beraubt, seinen Gegner herauszufordern. Gleichwohl halten Lagaillardes politische Freunde ein Lockmittel bereit, mit dem sie das chevalereske Frankreich für den Angeklagten zu engagieren hoffen:

Sollte Aufrührer Lagaillarde vom Pariser Militärgericht verurteilt werden, wird sich seine ebenso blonde wie attraktive Ehefrau Babette um Lagaillardes Abgeordnetensitz in der Nationalversammlung bewerben. Die ehemalige Lehrerin für Physik und Chemie, Gefährtin des Barrikadenkämpfers von Algier, hat bereits den algerischen Gemeinderats-Sitz ihres Mannes übernommen.

Babette ist denn auch bereit, für Pierre in jedes propagandistische Grabenloch des Algerienkrieges zu ziehen. Noch hofft sie allerdings, daß ein Wunder ihren Mann aus den Fängen der gaullistischen Justiz befreien wird. Auf die Frage ihres Sohns Marc nach dem Verbleib des Haushaltsvorstandes erwidert Mutter Babette regelmäßig: »Papa arbeitet in Paris.«

* Im spanischen Bürgerkrieg verteidigte der nationalistische Rebellen-General Moscardó mit 1700 Männern, Frauen und Kindern die Festung (spanisch = Alcázar) von Toledo 71 Tage lang gegen die Truppen der republikanischen Regierung.

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