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Südafrika Babylon am Kap

Buren befürchten, daß Afrikaans im neuen Südafrika untergehen wird - als Sprache der Unterdrücker.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Die Passagiere auf dem Flug 343 von Johannesburg nach Kapstadt hatten ihre Sicherheitsgurte angelegt und warteten auf den Start. Da ertönte eine freundliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher: »Welcome, Welkom, Sawubona, Dumelang«.

Seit einigen Wochen praktiziert die Fluggesellschaft South African Airways (SAA) »political correctness": Bei Inlandsflügen werden die Gäste neuerdings in vier Sprachen (Englisch, Afrikaans, Zulu und Sotho) begrüßt. Willkommen im neuen Südafrika.

Die linguistische Verneigung vor den nunmehr gleichberechtigten 30 Millionen schwarzen Bürgern löste heftige Reaktionen aus. Passagiere beschwerten sich, weil sie fürchteten, wichtige Sicherheitsansagen künftig nur noch in Zulu und Sotho zu hören. SAA-Sprecher beruhigten die überwiegend weißen Kunden: Wichtige Ansagen würden weiterhin in Englisch und Afrikaans gemacht.

Die Verwirrung ist Anzeichen für einen aufkeimenden Sprachenstreit am Kap. Um nach Jahrzehnten der Rassendiskriminierung keine Bevölkerungsgruppe zu benachteiligen, faßten Südafrikas Verfassungsväter Ende vorigen Jahres einen weisen Beschluß: Im neuen Grundgesetz, das für die nächsten fünf Jahre gilt, lösen gleich elf Sprachen (Afrikaans, Englisch, Ndebele, Nordsotho, Südsotho, Swati, Tsonga, Tswana, Venda, Xhosa, Zulu) die beiden bisherigen offiziellen Landessprachen (Englisch und Afrikaans) ab.

Die neue Regierung will jedoch ein »bürokratisches Babylon« (The Star) mit Hunderttausenden verschiedener Formulare, mit Heerscharen von Übersetzern an Gerichten, Polizeistationen und im Parlament vermeiden.

Welche Sprache überregional bald vorherrschen wird, scheint deshalb sicher: Ob in Radio- oder Fernsehinterviews, auf Massenveranstaltungen oder im Parlament - die neue politische Klasse am Kap spricht englisch. Der Wechsel vom burischen Minderheitsregime zur schwarzen Mehrheitsregierung ist auch eine Sprachenwende.

Die erfüllt die afrikaanssprachigen Buren (60 Prozent der weißen Bevölkerung) mit Sorge. Südafrikas weißer Stamm hatte während seiner fast 50jährigen Herrschaft Ministerien, Provinzverwaltungen, Polizei, Armee und Geheimdienste sowie halbstaatliche Großbetriebe zu burischen Domänen ausgebaut.

Burische Interessenverbände und die Nationale Partei von Vizepräsident Frederik Willem de Klerk protestierten in der vergangenen Woche, als ein Plan bekannt wurde, Englisch zur Hauptsprache im staatlichen Fernsehen zu erheben. Afrikaans soll in die Kanäle für lokale Idiome verbannt werden.

Die meisten Buren hängen fast zärtlich an ihrer »taal« ("Sprache« auf Afrikaans), sie ist die Grundlage ihrer kulturellen Identität. 1975 errichteten sie ihr ein pompöses Denkmal auf einem Hügel in der Nähe der Stadt Paarl in der Westlichen Kap-Provinz. Viele andere Städte auf dem »platten Land« folgten dem Beispiel und verzierten die Rasenflächen ihrer Kommunen mit Sprachmonumenten.

Doch damals, auf dem Höhepunkt der Rassendiskriminierung, verschwiegen die Burenideologen eine Tatsache, die sie heute zum Schutz der »taal« gern anführen: Von den etwa fünf Millionen Südafrikanern, deren Muttersprache Afrikaans ist, sind die Hälfte braun.

Die ersten Siedler um Jan van Riebeeck brachten ab 1652 ihr Niederländisch mit an das Kap der Guten Hoffnung. Deutsche und französische Auswanderer beeinflußten die Entwicklung der Sprache; zahlreiche Wörter der Einheimischen, der Khoi-Khoin (Hottentotten) und der San (Buschmänner), wurden übernommen.

Den größten Einfluß auf das Afrikaans hatten allerdings die Bediensteten und Soldaten, die sich die Buren aus Asien (Indien, Java, Malaya) holten und die oft gebildeter waren als ihre weißen Herren. Die braunen Sklaven benutzten Afrikaans nicht nur, um sich untereinander zu verständigen, sondern auch für religiöse Zwecke. Sie waren es, die Mitte des 19. Jahrhunderts das bis dahin nur gesprochene Afrikaans niederschrieben - in arabischen Buchstaben.

»Das ist der Beweis«, sagt der Historiker Achmat Davids, der die religiösen Texte 1985 in einer Moschee in Kapstadt entdeckte, »daß Afrikaans keine rein weiße Sprache ist.«

Doch genau diesen Anspruch erhoben burische Nationalisten, die Anfang dieses Jahrhunderts begannen, das Küchenholländisch der Farbigen zu säubern und Afrikaans zum rein burischen Merkmal zu machen. Erst in den zwanziger Jahren standardisierten die Buren das Idiom; zuvor hatten sie als Schriftsprache Niederländisch benutzt.

Als die Buren mit der Nationalen Partei 1948 die Macht im Staat ergriffen, wurde Afrikaans vollends zur Herrensprache, deren häßlichstes Wort »Apartheid« lautete. »Dieses Stigma haftet ihr an«, klagt Sprachforscher Charles Malan in Pretoria, »für die meisten Schwarzen ist es bis heute die Sprache der Unterdrücker.«

So brach 1976 der Schüleraufstand von Soweto aus, weil die Regierung Afrikaans als Unterrichtssprache in den Townships einführen wollte. Hunderte Kinder starben im Kugelhagel der Polizei. »Die Vergangenheit lastet schwer«, gesteht Henno Cronje von der mächtigen »Federasie van Afrikaanse Kultuurvereniging«.

Aufregung um Afrikaans ist nicht neu. Mit Protestbriefen und Boykottdrohungen hatte die Burenlobby die Nationale Brauerei, Coca-Cola und mehrere ausländische Automobilhersteller gezwungen, Afrikaans in Gebrauchsanweisungen und auf Etiketten zu belassen. »Wir werden nicht zulassen«, droht Cronje, »daß überall das Englische dominiert und unsere wunderbare Sprache diskriminiert wird.«

Einen mächtigen Fürsprecher haben die besorgten Buren in Südafrikas neuem Präsidenten. Nelson Mandela, der in seiner 27jährigen Haftzeit die Burensprache von seinen Wärtern lernte, beteuert immer wieder: »Wir erkennen Afrikaans als echte afrikanische Sprache an. Und wir sind glücklich, daß diese Sprache wieder das wird, was sie einmal war: eine Sprache der Befreiung.«

Bei seiner Regierungserklärung im Mai vor dem Parlament in Kapstadt hielt Mandela plötzlich inne: Für ein paar Minuten setzte er seine englische Rede aus und wählte einheimische Worte - aber nicht seine Muttersprache Xhosa, sondern Afrikaans. Y

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_128_ Muttersprachen in Südafrika

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