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BUNDESWEHR / SCHÜTZENPANZER Backzahn der Armee

aus DER SPIEGEL 38/1967

Die Reiterei floh. Aber die Infanterie stand und attackierte dann »mit der größten Contenance und schnurgleich, als wenn es auf der Parade gewesen wäre«.

So sah ein Österreicher die preußische Armee 1741 bei Mollwitz in der ersten Schlacht des Ersten Schlesischen Krieges.

Jahre später nannte Preußens Friedrich die Infanterie den »Backzahn der Armee, der alle zermalmt«. Das Exerzierreglement von 1906 verlieh ihr den Rang der »Hauptwaffe«. Ein Hofpoet jener Zeit reimte:

Niemals aber ward erreicht, was dem deutschen Fußvolk gleicht.

Adolf Hitler motorisierte und mechanisierte das Fußvolk und gab den schnellen Schützen auch ihren »Ehrennamen": Panzergrenadiere. So heißen sie heute noch.

Das Kampffahrzeug der Panzergrenadiere ist der Schützenpanzer. Er ist zugleich Transportmittel und Hauptwaffe. Denn Panzergrenadiere kämpfen sowohl vom Schützenpanzer aus als auch abgesessen.

Mit dieser Gefechtstechnik trägt die moderne Infanterie, wie das alte Reglement es schon gebot, die »Hauptlast des Kampfes«. Und »dafür winkt ihr auch der höchste Ruhm«.

Aber das Kampfgefährt, mit dem sich Deutschlands Panzergrenadiere his heute bescheiden müssen, genügt keineswegs den hohen Ansprüchen: Der Schützenpanzer Hispano Suiza 30 (HS 30) ist das Gespött des Heeres.

Nicht nur das Odium der Korruption haftet dem HS 30 an. Der Wagen, seit acht Jahren im Dienst, ist inzwischen schon mit der dritten Getriebe-Konstruktion ausgestattet.

Der Wagen schafft im Gelände knapp 20 Stundenkilometer, im Rückwärtsgang vier bis sechs Stundenkilometer, aber nur mit ächzendem Motor. Mit dem Kampfpanzer Leopard hält er nicht Schritt.

Tag für Tag bleiben Exemplare des HS 30 mit Motorschaden am Straßenrand stehen. Ein niedersächsischer Brigadekommandeur: »Wenn ich mein Schützenpanzer-Bataillon suche, brauche ich nur den liegengebliebenen Karren nachzufahren.«

Außerdem ist der HS 30 -- in der Sprache der Panzergrenadiere -- »zu dick, um nur ein paar Infanteristen zu erledigen, aber zu schwach, um einen Panzer abzuschießen«.

* Erstes Photo eines Prototyps, dem noch die Kugelblenden an den Bordwänden fehlen.

Demgegenüber nimmt sich eine Konstruktion der Firmen Hanomag und Henschel fast wie eine Wunderwaffe aus: Die Panzerwände dieses Fahrzeugs fangen Infanteriefeuer und die Splitter leichter Granaten ab. Sie mindern die Strahlenwirkung atomarer Waffen. Kugelblenden ermöglichen den Feuerkampf durch die Bordwand, hinter der die Grenadiere In Deckung bleiben.

Die zehnköpfige Schützenpanzer-Besatzung -- der HS 30 faßt nur sieben Mann -- darf nach ärztlichem Urteil bis zu 24 Stunden im Wagen hocken, davon acht Stunden, während eine Frischluft-Anlage arbeiet, unter geschlossenen Luken.

Ein Vielstoffmotor von Daimler-Benz sichert den schnellen Spurt und schafft im Gelände ein Fahrtempo von 60 Stundenkilometern. Der Betriebsstoff reicht für 400 Kilometer.

Diese Leistungswerte befähigen den neuen Schützenpanzer, im Gefecht neben dem Kampfpanzer Leopard mitzuhalten. Beide, Schützen- wie Kampfpanzer, durchqueren Wasserhindernisse watend oder tauchend.

Doch von dem schnellen Geschwisterfahrzeug des Leopard existiert erst eine Nullserie von neun Probestücken.

Zerreißproben in den Erprobungsanstalten Meppen und Trier bestand die Neuschöpfung. Aber Truppenexperimente auf dem Übungsplatz Munster in der Lüneburger Heide brachten Mängel an den Tag. Hanomag und Henschel suchen nun nach besseren Lösungen. Im nächsten Frühjahr wird die Kampftruppenschule II in Munster abermals die Frontreife prüfen.

Im Führungsstab des Heeres knobelt man unterdessen, ob und wie das neue Gefährt wohl an den Sparklippen vorbeizumanövrieren sei. Generalmajor Paul Jordan, Inspizient der Kampftruppen: »Wenn schon sparen, dann lieber die Produktion strecken, aber nicht die Entwicklung bremsen.«

Der Beschaffungsauftrag verlangt 825 Fahrzeuge für 15 Bataillone. Stückpreis: 500 000 Mark.

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