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ARTENSCHUTZ Bärin im Sack

Der Panda-Dame Yan-Yan droht nach fünfjähriger Duldung die Abschiebung ins rote China - sie wird nicht schwanger.
Von Gerd Rosenkranz
aus DER SPIEGEL 12/2000

Sie mögen sich nicht, sagen die Experten des Berliner Zoos. Die Chemie stimme einfach nicht. Das komme eben vor, bei Mensch und auch bei Tier. Die Geschichte von Yan-Yan, 14, der »Niedlichen«, und Bao-Bao, 22, dem »Schätzchen«, ist dennoch reich an Höhepunkten. Der nächste steht kurz bevor.

Am 14. April läuft Yan-Yans Duldung aus, die vor fünf Jahren mühevoll zu Stande kam. Dann droht Berlins berühmtestem Kuscheltier die Abschiebung ins rote Reich. Als Gebärfachkraft hat sie versagt und muss nun erleben, was tausenden asiatischer Computerfachkräfte noch bevorsteht: Wer nicht mehr gebraucht wird, fliegt raus.

Da ist es gut, einen in der Panda-Diplomatie ausgewiesenen Tierfreund auf seiner Seite zu haben. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, 58, im Volksmund »Ebi-Ebi der Blasse« genannt, wird es wieder einmal richten müssen.

Wie 1995, als Diepgen durch seinen persönlichen Einsatz das Single-Dasein des Bambusbären Bao-Bao beendete. Am Karfreitag, dem 14. April, setzte der Lufthansa-Airbus LH 721 nach 8221 Flugkilometern sicher in Tegel auf. An Bord eine knopfäugige Schönheit als tierische Leihgabe der Chinesen, ein Bürgermeister im Wahlkampf und ein Tross Journalisten. Bis heute fehlt Diepgens Coup in keiner Chronik seiner 16-jährigen Amtszeit. Und das zu Recht.

Denn der Bären-Export war nicht einfach, weil eigentlich untersagt. Das beliebte Wappentier ist nämlich allgegenwärtig nur im Logo des World Wide Fund for Nature (WWF). Ansonsten treiben sich höchstens noch 800 bis 1200 Exemplare in den Bambushainen dreier chinesischer Provinzen herum - und in ein paar Tierparks dieser Welt. Gleich zwei dieser raren Exoten faulenzen dank Diepgen im Berliner Zoo.

Unter professionellen Artenschützern galt das teure Panda-Leasing des Regierenden von Anfang an als anrüchig, Tierschützern war es ein Gräuel. Die Umsiedlung ist nach der »Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten« praktisch verboten.

Die gescheckten Bambusbären (Ailuropoda melanoleuca) dürfen nicht aus kommerziellen Motiven versetzt werden, sondern ausschließlich zum Zweck der Fortpflanzung. Und dies auch nur, wenn wissenschaftliche Begleitprogramme sicherstellen, dass die Zucht-Anstrengungen am Ende der wild lebenden Population zugute kommen. Als extrem unfein gilt der Export, wenn das Tier zuvor in der Wildnis gefangen wurde - wie Yan-Yan als Baby zehn Jahre vor ihrer Anwerbung.

In ihrer Heimat war die Panda-Dame bereits als widerborstig bekannt, einige

Fortpflanzungsversuche waren schon gescheitert. »Das ging nicht mit der«, konstatiert ein Experte. Berlin habe die »Bärin im Sack gekauft«. Dennoch setzte sich Diepgen mit aller Macht für den Sex-Tourismus ein.

Als das für die tierische Asylgewährung zuständige Bundesamt für Naturschutz (BfN) den Transfer ablehnte, beschwerte sich der Stadtvorsteher bei Parteifreundin Angela Merkel. »Um politische Irritationen zu vermeiden«, möge die frisch gekürte Umweltministerin die ihr unterstellten Spielverderber umgehend ruhig stellen.

So geschah es. Gegen den geharnischten Protest der internationalen Artenschutzgemeinde stimmten die Fachleute der »Zuchtleihe eines weiblichen Groß-Pandas« schließlich zu - befristet auf fünf Jahre. »Wir wurden gebeugt«, erinnert sich ein Beteiligter.

Es kam noch schlimmer: Zusagen über ein wissenschaftliches Begleitprogramm habe der Zoo »teilweise bis gar nicht erfüllt«. Die angestrengten Zuchtversuche der Berliner erklärten Kritiker für »laienhaft bis dilettantisch«.

Yan-Yan erwies sich als frigide, Bao-Bao als desinteressierter Schlappschwanz. Dreimal wurden beide deshalb künstlich in - vermeintlich - süße Träume versetzt, Bao-Bao wurde mit Elektro-Ejakulationen die Samenspende abgepresst, die die verschmähte Gefährtin gespritzt bekam. Allein: Selbst im Schlaf wehrte Yan-Yan die Manipulationsversuche mühelos ab.

Nach den fruchtlosen Bemühungen haben die Zoo-Verantwortlichen für Yan-Yan nun den Ausreiseantrag gestellt. Doch Panda-Diplomat Diepgen will nicht aufgeben. »Demnächst«, versichert Sprecher Michael-Andreas Butz, werde der Chef mit einer Delegation des Pekinger Forstministeriums verhandeln, weil »die Berliner Yan-Yan längst als Berlinerin betrachten«.

Offiziell schweigen die Chinesen. Immerhin hat die »Bild«-Zeitung ermittelt, dass die Herren aus dem Land des Lächelns mittlerweile die Leihgebühr hoch getrieben haben: eine Million Mark pro Jahr und Tier, so lautet die Herausforderung an die Spendenbereitschaft der Berliner Prominenz. Harald Juhnke ist schon dabei: »Da muss man eine große Aktion machen.«

Im BfN wächst nun die Nervosität. Die nach internationaler Rechtslage zwingende Ablehnung einer weiteren Duldung von Yan-Yan wird dem Ruf des Amts daheim nicht gut tun. Schließlich könne man auch nicht am 14. April »mit dem großen Waschkorb anrücken und das Tier beschlagnahmen«. GERD ROSENKRANZ

* Bei einer Ultraschalluntersuchung nach einer künstlichenBefruchtung 1997.

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