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Bagdads Ölleitungen sind kaum zu treffen

Warum der Iran den Kriegsgegner Irak von der Förderbeschränkung für Rohöl ausnehmen ließ *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Martialisch drohte Parlamentspräsident Haschemi Rafsandschani: »Wir werden dem Satan Saddam jede Möglichkeit nehmen, sein Öl zu verkaufen, um mit dem Erlös unsere Frauen und Kinder zu töten.«

Doch statt dem verhaßten Kriegsgegner den Ölhahn wirklich zuzudrehen, taten die Religionseiferer in Teheran genau das Gegenteil. Auf ihre Anregung hin nahmen die Opec-Länder den Irak von den vergangene Woche beschlossenen Förderbeschränkungen aus.

Ohne das Zugeständnis Teherans hätten die Bagdad-freundlichen Ölgiganten vom Golf, voran Saudi-Arabien, ihre Pumpen nicht gedrosselt. Dann aber wäre der Rohölpreis weiter abgerutscht - mit schlimmen Folgen für die Kriegsgegner am Schatt el-Arab. Die könnten den fast sechs Jahre dauernden Krieg - am 22. September 1980 überfiel der Irak das Nachbarland - kaum länger finanzieren. Teheran aber liegt viel an einem militärischen Sieg, nichts jedoch an einem Kriegsende aus Geldmangel.

Das Gemetzel, dem Tag für Tag im Schnitt 30 Iraker und 150 Iraner zum Opfer fallen, hat bislang die Riesensumme von 900 Milliarden Mark gekostet. Die Neun mit elf Nullen setzt sich nach einer Studie des in den USA arbeitenden Professors für Wirtschaftswissenschaften Abbas al-Nasrawi zusammen aus Militärausgaben (Irak: 210 Milliarden Mark; Iran: 470 Milliarden), Verlusten bei den Öleinnahmen (Irak: 120 Milliarden Mark; Iran: 44 Milliarden) sowie nur für Bagdad ermittelten anderen wirtschaftlichen Einbußen in Höhe von 56 Milliarden Mark.

Gespeist wurde der gewaltige ökonomische Aderlaß vor allem aus dem Rohölverkauf. Was Wunder, daß Bagdad und Teheran dem Gegner die lebenswichtigen Öl-Adern durchtrennen wollten: *___Schon der Überfall der Iraker galt auch den iranischen ____Erdölstädten. *___Der Iran kontrolliert den Schatt el-Arab, Iraks Zugang ____zum Persischen Golf, der wichtigsten Öltransportroute ____der Welt. *___Irakische Flugzeuge und Hubschrauber greifen seit zwei ____Jahren immer häufiger Schiffe, Tanker vor allem, mit ____Ladung vom oder für den Iran an. Der revanchiert sich ____mit Angriffen auf Schiffe, die zu oder von ____Bagdadfreundlichen Golf-Anrainern unterwegs waren. *___Bagdad bombardierte Teherans bedeutendsten ____Ölverladeplatz, die Insel Chark. Im Juli waren dort nur ____3 der 14 Verladeplätze in Betrieb. Noch wirksamer waren ____Angriffe auf eine zentrale Pumpstation der Perser. *___Mit der Einnahme der Halbinsel Fan schnitt Teheran den ____Gegner im Februar endgültig vom Golf ab. Ein iranischer ____Vorstoß an der Nordfront gefährdete zudem das irakische ____Fördergebiet Kirkuk.

Dessen Produktion war schon einmal erheblich behindert, als das propersische Syrien die irakischen Rohrleitungen zu den syrischen Mittelmeerhäfen Tartus und Banijas unterbrach. Speziallastwagen karrten anschließend gerade noch 100000 Barrel (15,9 Millionen Liter) pro Tag in den jordanischen Hafen Akaba.

Langfristig scheinen die Gegner dennoch nicht in der Lage, den Erdölexport der anderen Seite wirksam zu unterbinden. Wenn überhaupt, greifen Bagdads Piloten aus Angst vor Verlusten neuerdings wieder aus viel zu großer Höhe an - und treffen wenig.

Dank der irakischen Luftüberlegenheit können persische Bombenflieger Bagdads Ölleitungen sowieso kaum treffen. Auch zu Lande, mit Kommandotrupps etwa, ist den gut gesicherten Ölanlagen kaum beizukommen. Das versuchen seit Jahren die ortskundigen aufständischen Kurden - ohne Erfolg.

Auf beiden Seiten werden die Förderleistungen vorerst stabil bleiben. Teheran hat sich aus einem Tief von 450000 Barrel pro Tag wieder auf 2,3 Millionen Barrel hochgearbeitet. Genau diese Quote wurde den Persern in Genf zugeteilt. Der erwartete Preisaufschwung füllt Teherans Kriegskasse ungeschmälert.

Auch der Verzicht auf höhere Förderquoten trifft die Perser kaum: Mehr als heute wird der Iran erst dann verladen können, wenn der neue Ölterminal nahe der Meerenge von Hormus voll in Betrieb ist.

Auch Bagdad konnte - nach einem Tiefstand von 150000 Barrel Rohöl pro Tag - seine Förderleistung wieder auf 1,9 Millionen Barrel täglich steigern. Eine Stichleitung verbindet die irakischen Erdölfelder bei Kirkuk und bei Rumeila im Süden mit der saudischen Trans Arab Pipeline.

Eine zweite neue Rohrverbindung leitet täglich eine Million Barrel Rohöl nach Iskenderun in der Türkei. Aber erst 1988 wird der Irak nach dem Ausbau dieser Verbindungen deutlich mehr als heute fördern können.

Teherans überraschendes Zugeständnis, den Irak von der Quotenregelung auszunehmen, nutzt Bagdad vorerst also gar nichts.

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