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NAHOST »Bald bist du im Paradies«

Aus Empörung über den Tod ihres Freundes ließ sich die palästinensische Studentin Arin Ahmed für einen Selbstmordanschlag anheuern. Ihre Aussagen liefern israelischen Ermittlern Einblicke in das Netz des Terrors.
aus DER SPIEGEL 26/2002

Als sie ihr die Bombe zeigten, die sie zünden sollte, blieb sie ruhig, verspürte keinen Anfall von Panik. Der Sprengsatz war diesmal nicht in einem Gürtel untergebracht, er steckte vielmehr in einem schwarzen Rucksack, gefüllt mit Dynamit, Schrauben und Metallkugeln.

Arin Ahmed setzte ihn auf. »Er ist zu schwer«, klagte die junge Palästinenserin. Die zehn Kilo Gewicht empfand sie wie mindestens 30 Kilo. »Es hilft nichts, du musst das so machen«, meinte Mahmud, ein Mitglied der Tansim-Milizen, des bewaffneten Arms der Fatah-Bewegung von Palästinenser-Präsident Jassir Arafat. Dann zeigte er der angehenden Selbstmordattentäterin, wie sie den Zündknopf betätigen sollte, der vorne, an ihrer Brust, versteckt war.

Die Fahrt zum Anschlagsort im etwa 50 Kilometer entfernten israelischen Rischon le Zion kam der 20-jährigen Betriebswirtschaftsstudentin vor wie die längste Reise ihres Lebens. Am Steuer saß der 16-jährige Issa Badir, der eine zweite Bombe trug. Issa fuhr schlecht, am Morgen hatten die Guerrilleros mit ihm noch einmal das Fahren geübt. Das Auto, das sie den beiden gegeben hatten, erwies sich als Schrottkarre, deren Bremsen nicht richtig funktionierten und deren Scheinwerfer beschädigt waren. Issa und seine Komplizin sorgten sich, die israelische Polizei könne sie anhalten.

Sie wollten sogar schon umkehren. Doch als sie den vor ihnen herfahrenden Lotsen Ibrahim Sarahna auf dem Handy anriefen, beruhigte er sie: »Alles ist okay.« Damit sie nicht in letzter Minute abspringen konnten und womöglich die Attentatspläne verrieten, war Sarahnas Nummer die einzig wählbare auf dem Apparat, den die Tansim-Kämpfer ihnen gegeben hatten.

Auf der Fahrt zu ihrem Einsatzort fragte Arin ihren sichtlich nervösen Komplizen am Steuer, warum er sich in die Luft sprengen wolle. »Ich mache es aus Überzeugung«, presste der nur hervor. Damit Issa nicht zu arabisch aussah, hatte er seine Haare gebleicht. Arin trug aus ähnlichen Gründen ein viel zu knappes, bauchfreies T-Shirt, so wie es junge Israelinnen lieben. Die Muslimin fühlte sich unwohl darin. Worauf hatte sie sich da eingelassen? Mit jedem Kilometer wuchsen ihre Zweifel.

Nach vier scheinbar endlosen Stunden waren sie am Ziel, einem städtischen Park. Issa sollte sich neben den Tischen in die Luft sprengen, an denen tagaus, tagein die Karten- und Schachspieler saßen. Arins Position war nahe der Straße. Dorthin, so das Kalkül, würden die Leute in Panik nach der Explosion der ersten Bombe fliehen. In diesem Moment sollte die junge Palästinenserin inmitten der Fliehenden den zweiten Sprengsatz zünden - ihr Selbstmord sollte das Blutbad vergrößern.

»Es war vielleicht der größte Fehler meines Lebens«, sagt Arin heute. Sie sitzt auf einem Hocker in einer Vernehmungszelle in Jerusalem. Bereitwillig gibt sie Auskunft, doch ihre Stimme bleibt emotionslos, als ginge es um einen Diebstahl, nicht um den Plan eines grausigen Gewaltverbrechens.

Vor vier Wochen, mitten in der Nacht, hatten israelische Soldaten sie in ihrem Haus in Beit Sahur bei Betlehem verhaftet. »Sie hat wohl auf uns gewartet«, sagt ein Ermittler. Er scheint mit der Gefangenen durchaus zufrieden. Sie kooperiert und sagt, was die Israelis gern hören und ihr vielleicht sogar abnehmen: »Bomben sind der falsche Weg.« Deshalb darf sie sogar mit Journalisten reden, natürlich unter Aufsicht des Geheimdienstes Schin Bet.

Arin stieg aus, bevor sie ihren Auftrag erfüllt hatte. Die Folgen des Anschlags, den ihr junger Komplize schließlich allein ausführte, sah sie im Fernsehen. Da erfuhr sie auch erstmals, in welche Stadt sie gefahren waren. Auf ihre Fragen hatte der Kurier Sarahna bloß geantwortet: »Den Ort kennen nur Gott und ich.«

Widerwillig hatte er die junge Frau wieder nach Betlehem zurückgefahren, als ihre Zweifel - oder ihre Ängste - überhand genommen hatten und sie ihre Position im Park einfach aufgab. Auch der junge Issa war plötzlich seiner Sache nicht mehr sicher. Doch Sarahna ließ ihn mit Tansim-Führern telefonieren, und die redeten ihm ins Gewissen. Mehrere Stunden trieb sich der Junge in Rischon herum, dann zündete er seine Bombe.

Die Wucht der Explosion am 22. Mai tötete zwei Israelis - den krebskranken Garri Tausniaski, 65, und den 16-jährigen Elmar Deschabrijelow, der sich gerade mit Freunden im Park treffen wollte. Hätte Arin wie geplant die zweite Bombe gezündet, hätte es sehr viel mehr Opfer gegeben.

Warum hatte sie das nicht von Anfang an bedacht? »Alles ging so schnell«, sagt sie. Sie habe vorher noch nicht einmal überlegt, ob sie im Moment der Explosion etwas spüren würde. Was dachte sie, würde sie nach der Tat sehen? Das Paradies? Arin: »Eher die Hölle. Ich hatte Angst, Gott zu missfallen.« Sie ist eine gläubige Muslimin, die fünfmal am Tag betet. »Wir haben kein Recht zu töten«, sagt sie jetzt, »auch nicht uns selbst.«

Warum ließ sie sich dennoch anheuern? Schuld daran sei der Tod ihres Freundes Dschadd gewesen, sagt sie: »Wir wollten heiraten. Mit ihm starb meine Zukunft.« Es ist das einzige Mal, dass sie Rührung zeigt.

Dschadd Attallah, 26, war Aktivist im Terroruntergrund von Betlehem. Nach israelischen Angaben beteiligte sich der arbeitslose Schneider an der Vorbereitung mehrerer Anschläge, darunter in dem orthodoxen Jerusalemer Viertel Beit Is-rael, bei dem zehn Menschen starben. Am 8. März kam Attallah bei einer Explosion ums Leben. »Das waren die Israelis«, sagt Arin. Israelische Militärs behaupten, er sei beim Bombenbasteln gestorben.

Zuerst fühlte sich Arin »wie gelähmt«. Dann wollte sie Rache. Und sie wusste, an wen sie sich wenden musste - Dschadds Freunde bei den Tansim-Milizen.

Gleich nach ihrem Anruf an einem Freitag traf sie sich mit einem Kontaktmann. Am Dienstag spürte der sie auf dem Campus auf: »Wir akzeptieren dich. Halte dich bereit.« Arin sagt, sie fühlte sich überrumpelt, als er bereits am nächsten Morgen vor der Uni auf sie wartete: »Heute müssen wir die Sache durchziehen.«

Gemeinsam fuhren sie zum Haus eines Freundes, wo ihr der Sprengstoffrucksack übergeben wurde. Dort nahm sie - in ein Palästinensertuch gehüllt - auch ein Abschiedsvideo auf. Sie sprach ihr Gebet.

Arin sagt, die hastigen Vorbereitungen habe sie »wie erfroren« erlebt. Sie war enttäuscht, wie wenig sich die Milizen um sie bemühten. »Keiner fragte mich, was ich denke, warum ich das überhaupt tun will.« Sie versprachen ihr lediglich: »Bald bist du bei deinem Freund im Paradies!«

Vielleicht wollte Arin nur irgendwo dazugehören. Das Kind wuchs bei Großmutter und Tante auf, nachdem es früh seinen Vater verloren hatte. Als Arin sechs war, heiratete die Mutter erneut und ging nach Jordanien. »Arin hat immer Nähe und Aufmerksamkeit gesucht, sie wirkte einsam«, erinnert sich eine Lehrerin.

»Junge Leute wie Arin sind ideale Kandidaten für die Terrorwerber«, heißt es beim Jerusalemer Geheimdienst. »Sobald die Freiwilligen in einem Moment der Verzweiflung sagen, ich würde auch so einen Anschlag ausüben, lassen sie sie nicht mehr los.« Die palästinensischen Universitäten seien bevorzugte Anwerbeplätze, die meisten Selbstmordattentäter Studenten. Der Hamas-Bomber, der vorige Woche in einem Jerusalemer Bus 19 Israelis tötete, studierte Islamwissenschaft in Nablus.

Israelische Ermittler wissen, dass Arin in das Netz einer Terrorzelle geriet, die von einem Betlehemer Bruderclan ange-

führt wird. Die Gruppe der Aksa-Brigaden sei verantwortlich für mehrere Anschläge, Bomben und Überfälle. Ihr Kurier Sarahna fuhr im März auch die 18-jährige Selbstmordbomberin Ajat al-Achras zu einem Supermarkt in Jerusalem, wo sie die fast gleichaltrige Israelin Rachel Lewi tötete.

Dass sich immer mehr junge Frauen zu Todeskommandos anheuern lassen, zeigt den Terrorermittlern, wie einfach die Rekrutierung der Bomber inzwischen geworden ist. »Die Bereitschaft zum Märtyrertum geht durch alle Schichten der palästinensischen Gesellschaft.«

Arin erklärt die Todesbereitschaft so vieler junger Palästinenser mit der Situation in den besetzten Gebieten: »Unser Land ist gestohlen. So viele Unschuldige wurden getötet, auch Kinder. Wir wollen endlich aktiv werden.« In ihrem nie gezeigten Abschiedsvideo klagt sie »die arabischen Herrscher« an, »die nichts tun« für die Palästinenser. Auch Arafat, kritisiert sie, »hat uns nichts Gutes gebracht«.

Die Reumütigkeit der Gefangenen berührte sogar Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser, der die Beinahe-Terroristin aufsuchte: »Ich wollte verstehen, was die Selbstmordbomber antreibt.« Nach dem Gespräch räumte er ein, dass die israelischen Militäroperationen, so notwendig sie seien, »Frustration, Hass und Verzweiflung entzünden, in denen neuer Terror brütet«. ANNETTE GROßBONGARDT

* Nach dem Anschlag auf einen Bus am 18. Juni.

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