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SCHNELLER BRÜTER Bald butterweich

Die Bauherren des Schnellen Brüters drängen die Genehmigungsbehörden zur Eile: Wenn nächstes Jahr die Grünen im Düsseldorfer Landtag sitzen, »weiß keiner, was wird« mit dem Mammut-Projekt.
aus DER SPIEGEL 44/1984

Der Bauer Josef Maas, 53, ackert in der zehnten Generation auf dem elterlichen Hof in Kalkar-Hönnepel. Aber im Gegensatz zu seinen Vorfahren verbringt er einen Großteil seiner Zeit mit der Lektüre von Akten.

Seit elf Jahren ist er der einzige, der gegen den Bau des benachbarten Kernkraftwerks vom Typ Schneller Brüter nicht nur protestiert, sondern auch vor Gericht zieht. Obgleich Maas mittlerweile zwei Großverfahren in erster Instanz verloren hat und in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht leicht verlieren könnte, erhebt er in diesen Tagen aufs neue Einspruch: diesmal vor allem gegen die geplante Änderung des Reaktorkerns, für die das Genehmigungsverfahren angelaufen ist.

Doch so konsequent Josef Maas bis jetzt jede Gelegenheit zum Widerspruch wahrgenommen hat - die Brüter-Bauherren beurteilen die Lage gelassener als je zuvor. »Der Held von Kalkar«, sagt einer von der Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft (SBK), »ist mürbe geworden, und bald ist er butterweich.«

Die finanzielle Belastung nämlich, bislang von Maas' grünen Freunden getragen, wächst von Instanz zu Instanz und von Prozeß zu Prozeß in die Hunderttausende. Überdies fehlen dem Brüter-Gegner die für den Prozeß notwendigen Gutachter.

Kein Wunder, daß Maas in dieser für ihn schwierigen Situation nach Alternativen sucht: Unter größter Verschwiegenheit erörtern derzeit der Freiburger Maas-Anwalt Siegfried de Witt sowie SBK-Vertreter und Beamte der NRW-Landesregierung einen möglichst sanften Ausstieg des Bauern Maas aus der Prozeß-Szene um Kalkar.

Maas könnte, so eines der Denkmodelle, seine noch laufenden Berufungsverfahren zurücknehmen oder einschränken. Statt künftig wieder neu zu klagen, solle der Bauer erst mal mit der Genehmigungsbehörde ins Gespräch kommen. »Diese Prozesse«, stöhnt Maas, »können ja nicht ins uferlose weitergehen.«

Für denkbar halten Maas-Widersacher sogar einen Wegzug des Bauern aus Kalkar-Hönnepel. Die Gelegenheit wäre günstig: Weil das Düsseldorfer Landwirtschaftsministerium ohnehin einen »landschaftspflegerischen Begleitplan« für den Brüter fordert, wären ihm die 35 Hektar des Bauern Maas zur Anpflanzung von Bäumen willkommen.

Doch die SBK ist den Bauern noch nicht los, da zieht sie möglicherweise schon neue Kläger auf sich.

Um den Reaktor leistungsfähiger und zugleich billiger zu machen, möchte der Brüter-Bauherr Masse und Zusammensetzung des Kernbrennstoffes sowie Aufbau und Betriebsweise des Reaktorkerns ändern - Anträge, die den hochsensiblen Sicherheitsstandard berühren und die deshalb von den Düsseldorfer Genehmigungsbehörden, den Ministerien für Arbeit und für Wirtschaft, beschieden werden müssen.

So soll statt des bislang vorgesehenen sogenannten Magnox-Plutoniums das billigere, aber auch giftigere Leichtwasser-Plutonium verwendet werden. Und die Masse des spaltbaren Plutoniums soll dabei von 836 auf 1124 Kilogramm erhöht werden. »Das Gefährdungspotential des Leichtwasser-Brennstoffs«, sagt Hans-Adolf Ritter, einer der leitenden Genehmigungsbeamten im Düsseldorfer Arbeitsministerium, »erhöht sich um den Faktor drei.« Probleme wirft auch eine - jetzt ebenfalls beantragte - »Einlagerungsgenehmigung«

auf: Die SBK möchte bereits Anfang 1985 Brennelemente in Kalkar anliefern und einlagern. Zu diesem Zeitpunkt jedoch werden auf der Baustelle noch rund 2000 Arbeiter tätig sein - was nach Ansicht von Sicherheitsfachleuten zusätzliche Diebstahls- und Erpressungsrisiken aufwirft. Dabei reicht der von der SBK vorgesehene Sabotageschutz nicht einmal für den bisherigen Ausrüstungsstand hin.

Eine - seit Anfang des Jahres laufende - Prüfung nach dem sogenannten Sicherungsmaßnahmen-Katalog des Bundesinnenministers hat ergeben, daß der Schnelle Brüter die Anforderungen in mehreren Punkten nicht erfüllt. Eine Nachbesserung würde rund 500 Millionen Mark kosten. Obgleich der Schnelle Brüter aufgrund seiner Bauweise für Sabotage anfälliger ist als ein Leichtwasserreaktor, sind den derzeitigen Erkenntnissen zufolge in Kalkar nicht einmal überall die Sicherheitsstandards eines Leichtwasserreaktors gewährleistet.

Die SBK möchte ihre diversen Anträge gleichwohl möglichst schnell, jedenfalls vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl im Mai nächsten Jahres, genehmigt bekommen. Sitzen nämlich, so kalkulieren die Brüter-Bauherren, die Grünen erst einmal im Landesparlament, »weiß keiner, was wird«.

Würden die Änderungsanträge erst nächsten Sommer oder gar nicht oder (bei etwaigen Klagen) nicht mit der »Anordnung der sofortigen Vollziehung« genehmigt, könnte der von der SBK angepeilte Termin der Inbetriebnahme, 1987, nicht eingehalten werden. Mehr noch: Die 6,5-Milliarden-Obergrenze, die der Bund als endgültiges Limit für Kalkar gesteckt hat, müßte erneut überschritten werden.

Für den Fall, daß das Geld wieder nicht reichen sollte, wollen das Bonner Innen- und das Forschungsministerium die Schuld der SPD-geführten NRW-Regierung anlasten. Somit selber unter Druck geraten, setzen die Nordrhein-Westfalen darauf, daß die Prozeßmüdigkeit des Klägers Maas zunimmt.

Dem Maas-Anwalt de Witt, einem ebenso entschiedenen wie realitätsnahen Kalkar-Gegner, kommt die publizistische Erörterung solcher Fragen »zwei Monate zu früh«.

Seinem Mandanten, formuliert der Anwalt vorsichtig, würde er »keinen Vorwurf machen, wenn der eines Tages sagen würde, er wolle auf Dauer nicht neben dem Reaktor leben«.

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