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»BALD VON BONN BEHERRSCHT«

Im August 1967 mußte Douglas Jay, 61, als britischer Handelsminister zurücktreten, weil er heftig gegen einen EWG-Beitritt Englands opponiert hatte. In einem Buch »After the Common Market"* begründet er seine Gegnerschaft zum Gemeinsamen Markt und schlägt als Alternative eine Freihandelszone aus dem Commonwealth, der Efta und den USA vor. Dem Jay-Buch ist folgender Auszug entnommen:
aus DER SPIEGEL 24/1968

Die erste politische Konsequenz (eines bedingungslosen englischen Beitritts) wäre ein Verlust, nicht ein Gewinn. Die Annahme der Römischen Verträge und der gemeinsamen Landwirtschaftspolitik würde Englands Zahlungsbilanz um viele hundert Millionen Pfund verschlechtern und außerdem unsere beiden wichtigsten Schutz-Zäune, die Devisenkontrolle und das Recht, im Falle eines Defizits den Import zu kontingentieren, niederreißen.

Unter diesen Umständen würden wir, wie es die Pfundkrise vom November 1967 bewiesen hat, in die politisch unerträgliche Lage versetzt werden, um Kredite und Anleihen zu bitten, ohne die Kraft zu besitzen, uns aufgezwungene Bedingungen, politische wie wirtschaftliche, abzulehnen.

Wir würden Einfuhr- oder Devisenkontrollen ohne Zustimmung von EWG-Kommission oder -Rat nicht anwenden können, und nach den Römischen Verträgen, Artikel 107, könnten wir nicht einmal im Notfall ohne Drohung von Vergeltungsmaßnahmen der anderen Mitglieder den Wechselkurs ändern.

Englands politische Situation würde schwächer werden als jemals seit dem Krieg. Was einem Staat in

* Douglas Jay: »After the Common Market«; Penguin Books Ltd., Hasmondsworth, England; 128 Selten; 4 sh.

der modernen Welt politischen Einfluß verleiht, ist eine gesunde Zahlungsbilanz. Was diesen Einfluß am gründlichsten zerstört, ist der Status eines Schuldners, der außerstande ist, das Wirtschaftsgeschick seines eigenen Landes zu lenken.

Die politische Schwäche würde noch dadurch verschlimmert werden, daß wir unsere Beziehungen zum größten Teil des Commonwealth und zu den Efta-Ländern gefährden würden.

Praktisch würde ein EWG-Beitritt bedeuten, daß England geschwächt und gleichzeitig jenen ausgeliefert wäre, die uns in den letzten Jahren viel weniger Freundschaft entgegengebracht haben als das Commonwealth oder die Vereinigten Staaten.

Obwohl wir alle auf ein friedlicheres Europa der Zukunft hoffen, wäre es dumm, alle Lehren der Vergangenheit. zu ignorieren. Kein Mensch kann behaupten, daß wir in den letzten beiden Kriegen von den heutigen Mitgliedern der EWG ähnliche Hilfe erhalten hätten wie vom Commonwealth, den Vereinigten Staaten und übrigens auch der Sowjet-Union.

Unter diesen Umständen kann man sich schwer vorstellen, daß England als Mitglied der EWG der politischen Unterordnung unter Westdeutschland entgehen könnte.

Westdeutschland zählt mehr Einwohner als England. In der Vergangenheit haben wir unsere relative Stärke in krieg und Frieden der großen Bevölkerung Deutschlands zum Trotz dadurch aufrechterhalten, daß wir die Stärke anderer Kontinente zu unseren Gunsten mobilisierten, die Neue Welt zu Hilfe riefen, um das gestörte Gleichgewicht der Alten Welt wiederherzustellen. Aber wenn wir der EWG beigetreten, wirtschaftlich geschwächt und verläßlicher Freunde draußen beraubt wären, würden wir uns einem wirtschaftlich und militärisch unzweifelhaft stärkeren Deutschland gegenübersehen.

Das ist das bei weitem wahrscheinlichste Ergebnis der Politik eines fast bedingungslosen Beitritts zur EWG, wie ihn einige Extremisten in England 1962 und 1967 befürworteten. Es ist eine Aussicht, über die alle, die für den Beitritt zur EWG sind, ernsthaft und realistisch nachdenken sollten.

Wenn General de Gaulle von der Bühne verschwunden und Frankreich zu seiner normalen politischen Instabilität zurückgekehrt ist, wird Deutschland zur westeuropäischen Vormacht aufrücken. Es ist unvermeidlich, daß wir, wenn England ein rein europäischer Staat wird, ziemlich bald Deutschland untergeordnet sein werden.

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