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ENGLAND / ARMEE Bald war er tot

aus DER SPIEGEL 46/1965

Aus dem Dschungel bellten Maschinenpistolen. Die Wachen im Lager schossen Leuchtkugeln ab, dann wurde das Feuer erwidert. Nach einer halben Stunde Höllenspektakel war der Spuk vorbei - ein Überfall indonesischer Guerillas auf das Briten-Camp Stass in Nordborneo am 20. Juli 1964.

Als der Morgen graute, durchstreiften Patrouillen aus dem Kampong (Dorf) Stass das Unterholz außerhalb des Stacheldraht-Zauns. Es waren Soldaten der »First Green Jackets«, eines englischen Infanterie-Regiments, das heute in Berlin stationiert ist, damals aber an der bergigen Dschungelgrenze des Malaysia-Teilstaates Sarawak eingesetzt war, um Malaysia gegen indonesische Freischärler zu verteidigen.

Die Grünjacken fanden einige tote und verwundete Partisanen. Die Indonesier wurden nach Malaienbrauch wie erlegtes Wild mit Händen und Füßen an lange Bambusstöcke gebunden und ins Camp getragen.

»Dann verhörten wir die Verletzten«, erinnert sich heute Rifleman Harold Smith an die Geschehnisse vom 21. Juli 1964 im Borneo-Dschungel. »Aber die Gefangenen sagten nichts, und man ließ sie liegen, bis sie starben. Als einer der Schwerverwundeten nach Wasser schrie, stellte ein Soldat die Wasserkanne neben den Mann. Da er aber auch dann keine Auskunft über sein Woher und seine Kameraden gab, bekam der Indonesier kein Wasser. Bald darauf war er tot.«

Einer der Gefangenen, so erzählt Infanterist Smith, war nur leicht verwundet. Er sei besonders eingehend befragt worden. Doch der Guerilla habe nur mit Grimassen und Flüchen reagiert. »Da feuerten wir eine Maschinenpistolen-Garbe auf seine Beine«, berichtet Smith. »Er kippte um und krümmte sich vor Schmerzen am Boden. Aber auf neuerliche Fragen streckte er statt einer Antwort bloß seine Zunge heraus.«

Darauf drohten die Grünjacken dem Gefangenen: Falls er sich weiter weigere, Informationen über indonesische Infiltratoren zu liefern, werde ihm der Kopf abgeschnitten. Ein Soldat zog sein Buschmesser.

Smith: »Der Gefangene antwortete nur mit einem verzerrten Grinsen. Daraufhin wurde ihm der Kopf abgetrennt.«

Anschließend stellten sich die Tommys zu Photos fürs Familienalbum grinsend in Positur. Korporal James Scott ergriff den Kopf beim Schopf. Bevor das Haupt mit dem Leichnam eingescharrt wurde, diente es noch als Fußball.

»Die meisten von uns waren von all dem angewidert«, berichtet Smith. »Aber wir dachten damals, es sei notwendig, so zu handeln, da man Gewalt mit Gewalt vergelten müsse. Außerdem hofften wir, die Indonesier würden solche Angst

vor uns kriegen, daß weitere Eindringlinge abgeschreckt würden.«

Drei der Horror-Photos erschienen erstmals vorletzten Freitag in den Londoner »Peace News«, einer winzigen Wochenzeitschrift der britischen Pazifisten und Anti-Atom-Marschierer.

Die Armee konterte sofort mit einem scharfen Dementi: »Da ist nichts Wahres dran.« Der Kopf, so versicherte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, sei »im Dschungel gefunden und von einem Soldaten ins Lager gebracht worden«. Und: »Das Ganze ist eine sehr unglückliche Geschichte.«

Als der Kommandeur der Grünjacken den Photos konfrontiert wurde, behauptete er, eingeborene Kopfjäger hätten das Partisanenhaupt angeschleppt.

Auf den Hinweis, daß sich nicht nur der Kopf, sondern auch der zugehörige Rumpf im Camp befand, antwortete der Oberst: »Der Rumpf wurde hereingeholt, um die Leiche würdig bestatten zu können.«

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Guerilla-Leichen im Borneo-Camp Stass: »Das Ganze ist...

... eine sehr unglückliche Geschichte": Korporal Scott mit Guerilla-Kopf, Kameraden

Geköpfter Guerilla: Für eine würdige Bestattung ...

... aus dem Dschungel geholt?: Guerilla-Kopf, Leiche Im Sack

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