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»Bald werden Kinder mit dem Lasso gefangen«

Der drastische Geburtenrückgang hat die Grundschulen erreicht und zeigt Wirkung. Die Forderung nach kleinen Klassen ist kaum noch ein Thema, zu kleine Klassen werden jetzt zum Problem. Eltern bangen um die Schule am Ort, und manche Schule kämpft schon um jedes einzelne Kind. Die Politiker aber begegnen dem drohenden Schulkampf wie den pädagogischen Chancen des Schulerschwunds weitgehend noch plan- und konzeptlos.
aus DER SPIEGEL 28/1979

über vier Millionen Mark hat die neue Grundschule im oberbergischen Morsbach gekostet, in einem modernen Schulzentrum mit zwei Turnhallen, Sportplatz und Lehrschwimmbecken gelegen, geplant für 480 Schüler aus dem Ort und umliegenden Dörfern, die eine eigene Schule kaum noch füllen können.

Doch einige Eltern sind allenfalls zwangsweise bereit, ihre Kinder Anfang August im neuen Haus einzuschulen. Für 49 Grundschüler im benachbarten Alzen und 79 in Lichtenberg soll die Schule weiter im Ort bleiben. Denn »wenn die Schule stirbt«, fürchten die Eltern, »stirbt auch das Dorf«.

Im westfälischen Bühne boykottierten die Eltern von 63 Grundschülern über drei Monate den Unterricht, um Schließung und Verlegung ihrer Grundschule ins 2,7 Kilometer entfernte Manrode rückgängig zu machen. Selbst durch Bußgeldbescheide über insgesamt 60 000 Mark ließen sie sich nicht kleinkriegen. Jetzt muß das Verwaltungsgericht entscheiden.

Im rheinland-pfälzischen Niederfell fordern die Eltern noch »höflich und dringend«, ihre Kinder auch in Zukunft in der örtlichen zweiklassigen Dorfschule zu unterrichten, die eigentlich geschlossen werden soll. Im hessischen Kohlhaus wollen die Mütter und Väter von 49 Kindern schon »mit allen verfügbaren Mitteln um die Erhaltung der Grundschule kämpfen«.

Elterninitiativen dieser Ao sind Zeichen eines gänzlich neuen Schulkampfes. Es geht kaum mehr, wie vor kurzem noch, um »kleine Klassen für kleine Schüler«. Zu kleine Klassen sind nunmehr Anlaß zahlreicher Proteste.

Denn nach der Schülerflut kommt jetzt die Ebbe. Die Zahl der Sechs- bis Zehnjährigen sinkt von über vier Millionen 1973 um dreißig Prozent auf 2,8 Millionen im kommenden Jahr; bis 1985 gar um über vierzig Prozent. West-Berlins Schulsenator Walter Rasch rechnet für 1982 nur noch mit 14 000 Abc-Schützen; 1971 waren es noch 25 200.

Der Schülerschwund beginnt sieh voll »auf die Grundschulen auszuwirken«, stellten die Bildungsforscher Diether Hopf, Lothar Krappmann und Hansjörg Scheerer in einer Studie des Berliner Max-Planck-Instituts fest. Schon jetzt bringt er mancher Penne neue Unruhe.

Einerseits befreit die rückläufige Schülerzahl die Grundschule »von Belastungen und gibt ihr neue Möglichkeiten, günstigere Lernbedingungen zu schaffen«. Andererseits jedoch, fanden die Wissenschaftler in der Untersuchung fiber »aktuelle Probleme in der Grundschule« heraus, verschärft sie die »Konkurrenz unter den Schuten um Einzugsbereiche, Schüler und Sonderprogramme«. Zudem hat sich inzwischen auch die einfache Gleichung, je kleiner die Klassen desto leichter das Lernen und besser der Unterricht, längst als falsch erwiesen.

»Der Kampf der Schulen um jeden Schüler«, lautet die Erkenntnis der Berliner Bildungsforscher, hat begonnen. Denn solange Klassen mindestens -- wie in hessischen Grundschulen -- 19 Schiller haben sollen, solange Schulstandorte von bestimmten Schülerzahlen abhängig gemacht werden, müssen Eltern wie Lehrer in dünnbesiedelten Landstrichen um ihre Schulen fürchten.

Bisher war unter Bildungsexperten allgemein gültig: Um »gezielte pädagogische Fördermaßnahmen, einen fächerspezifischen Lehrereinsatz und eine effiziente Auslastung fachbezogener Einrichtungen« (so ein internes Arbeitspapier des hessischen Kultusministeriums) zu ermöglichen, sind für Grundschulen pro Schülerjahrgang mindestes zwei Parallelklassen (Züge) »wünschenswert«.

Einzügige Schulen mit nur einer Klasse pro Jahrgang seien nur »ausnahmsweise« und »bis auf weiteres« zu dulden, kleinere nur »in besonderen Fällen« (Rheinland-Pfalz), etwa wenn ansonsten »die einzige Grundschule geschlossen werden« müßte (Saarland).

Aus der Erfahrung überwundener Zwergschul-Zeiten, Kinder verschiedensten Alters in einer Klasse von nur einem Allround-Lehrer zu unterrichten, hatten Politiker und Pädagogen vor einen zeitgemäßen Unterricht Mindestschulgrößen gesetzt. Doch die sind in den nächsten Jahren in Hunderten von Schulen nicht mehr zu erreichen.

In Niedersachsen etwa werden, wie der Schulentwicklungsplan ausweist, bereits zum Schuljahr 1981/82 insgesamt 352 Grundschulen nicht mal mehr eine Klasse pro Schülerjahrgang auf die Beine stellen können. In Nordrhein-Westfalen sitzen schon heute in 141 Grundschulen weniger als die für einzügige Schulen vorgeschriebenen rund hundert Schüler; 1985 werden nach Modellrechnungen 500 Schulen von der Flaute betroffen sein. Selbst in mittleren Großstädten wie Darmstadt werden bereits im kommenden Schuljahr voraussichtlich sechs bis sieben der 23 Grundschulen nur noch eine Klasse pro Jahrgang haben.

Den Widersprüchen zwischen organisatorischen Wunschvorstellungen und bevölkerungspolitischen Realitäten begegnen Bildungsplaner und Schulexperten, obwohl lange absehbar, einstweilen noch plan- und konzeptionslos. Hessens Kultusminister Hans Krollmann (SPD) verteidigte noch Mitte vergangenen Jahres die Wiesbadener »Standortplanung im Schulbereich«, aus der besorgte Mütter und Väter die Schließung von über 400 der 1100 Grundschulen des Landes herauslasen: Schulen seien nur dann leistungsfähig und sinnvoll zu organisieren, wenn sie auch groß genug seien. Wenige Tage später schränkte Krollmann, um aufgebrachte Eltern zu beschwichtigen, ein: »Wo der Schulweg unzumutbar wird, muß die Schule im Dorf bleiben.«

Kaum besser bei der CDU. Niedersachsens Kultusminister Werner Remmers legte noch Ende 1977 seinen »Schulentwicklungsplan« vor, nach dem zur Sicherung eines »geordneten Schulbetriebes« in der Regel »mindestens so viele Schüler« notwendig seien, daß pro Jahrgang »zwei Zuge gebildet werden können«. Mindestens 237 Grundschulen hätten nach damaligem Planungsstand schon nach dem Schuljahr 1980/81 aufgelöst oder zusammengelegt werden müssen.

Heute sind die Kultusbeamten angewiesen, »bei der Entscheidung über die Aufrechterhaltung von Schulen alle Ausnahmemöglichkeiten« auszuschöpfen. Von der Möglichkeit, auch einzügige Grundschulen fortbestehen zu lassen, solle »großzügiger Gebrauch« gemacht werden.

Selbst die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schulischen Neuerungen gegenüber stets aufgeschlossen, bekannte letzten Sommer: »Ein weiterer Rückgang der Schülerzahlen schließt pädagogisch sinnvollen Unterricht in einzelnen Grundschulen aus. Die Folge ist, daß Grundschulen stillgelegt werden müssen.« Inzwischen empfiehlt GEW-Chef Erich Frister: »So wie die Kirche, muß auch die Schule im Dorf bleiben.«

Auch NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn, SPD, möchte die Schulen »ortsnah und kinderfreundlich« erhalten und dazu »so flexibel wie möglich verfahren« -- aber eben nur wie möglich. Schulen am Ort sollen, wie die Saarländer festlegten, »so lange aufrechterhalten werden, wie dies aus pädagogischen, organisatorischen und wirtschaftlichen Gründen zu vertreten ist«. Das bedeutet aber: Wenn beispielsweise Dorfschulen mit nur 60 Kindern zeitgemäße Ausstattung, etwa mit Gymnastik- oder Fachräumen« verweigert wird, Klassen- und Fachlehrer in ausreichender Zahl auch für Klassen mit nur zehn Kindern pro Klasse nicht eingestellt werden, ist ordentlicher Unterricht an kleinen Schulen kaum mehr möglich. »Ein Schulsterben größeren Ausmaßes«, prophezeit der Bildungsplaner Professor Clemens Geißler aus Hannover, wäre die Folge.

Mancherorts wurde bereits, wie in Bonn« »hart durchgegriffen«, so Schuldezernent Klaus Rauen. Allein in den letzten fünf Jahren kamen hier in Erwartung des Schülerrückgangs »neun Schulen unters Fallbeil«. Andere wurden zusammengelegt.

Andernorts, ob im pfälzischen Duttweiler, im saarländischen Obersalbach oder im hessischen Stadt Allendorf« befürchten Eltern und Lehrer ebenfalls Schlimmes für die Zukunft und versuchen durch Eingaben oder in Eigeninitiative ihre Schulen zu retten.

In Berlin-Gatow fahndeten Eltern schon in Zeitungsanzeigen nach Schulanfängern. Im badischen Marlen wurde erwogen, Kinder aus Nachbarbezirken einzufahren, und im Westfälischen wurden Eltern vor der Einschulung der Jüngsten schon mal telephonisch vom Schulleiter bestürmt. »Die Schulen werden bald«, unkt der Düsseldorfer GEW-Geschäftsführer Bodo Hombach, »die Kinder mit dem Lasso einfangen.«

Dabei könnte der allgemeine Schülerrückgang für Schüler und Schulen, Lehrer wie Eltern ein Segen sein. Denn sicher könnte die kleine Grundschule, in unmittelbarer Nachbarschaft der Kinder angesiedelt, den Übergang aus der Familie in die Schule besser bewältigen helfen. Sie könnte auf unterschiedliche Begabung und Entwicklung der Schulanfänger flexibler eingehen. Unerträgliche Belastung für die Kleinsten durch lange Schulwege würde vermieden.

Die West-Berliner Bildungsforscher stellten in ihrer Studie überdies fest, daß der Schülerrückgang immer öfter zu vorteilhafter Schülermischung in der Klasse führt. Kinder unterschiedlicher Schichten, Interessen und Begabungen lernten gemeinsam -- nicht nur das kleine Einmaleins.

Noch bis vor kurzem, ermittelte der Sonderpädagogik-Professor Alfred Sander, blieb in der Grundschule jeder achte Schüler einmal sitzen oder wurde wegen angeblicher Schulunreife zurückgestellt. Die ersten vier Schuljahre bildeten »die größte Stolperstufe im deutschen Schulwesen«. Die Max-Planck-Wissenschaftler fanden jetzt heraus, daß in Zeiten der Schülerknappheit »immer weniger Kinder bei der Einschulung zurückgestellt« werden, »vielerorts die Regelversetzung selbstverständlich geworden« sei und Grundschullehrer »heute mehr als in früheren Zeiten« zögern, lernschwache Kinder einfach abzuschieben. Die Zahl der Kinder an Sonderschulen für Lernbehinderte sank in Nordrhein-Westfalen in den letzten drei Jahren bereits von 94 000 auf 85 000.

Schülerschwund könnte zudem bewirken, so die Berliner, das alte pädagogische Ziel der Integration von Sonderschülern, insbesondere tuch von Körperbehinderten, in normale Klassen, bisher nur in wenigen Modellversuchen probiert, doch noch zu erreichen.

Andere Schulversuche, trotz Schülerrückgang die bisherige Zahl der Lehrer zu erhalten, führten zur Einrichtung von Sonderkursen und -klassen, etwa für lese- und rechtschreibschwache Schüler oder Ausländer, oder zur Bildung sogenannter Eingangsstufen, in denen Fünfjährige mit spielerischem Lernen auf die Schule vorbereitet werden sollen. Pädagogische Reformen allesamt, doch nicht als Folge bildungspolitischer Planungen, sondern Nebenprodukt findiger Schulleiter und Lehrer, die ihre eigene Schule erhalten wollen.

Das Konzept der Bildungsplaner beschränkte sich vornehmlich auf abstrakte Zusicherungen, daß »der Grundsatz der jahrgangsmäßigen Gliederung von Schulen nicht zu unerträglichen Belastungen der Schüler durch zu lange Schulwege führen darf«, so der ehemalige Kieler Kultusminister Walter Braun, oder daß es »ein Zurück zur Zwergschule«, so offiziell im Saarland, nicht geben soll.

Wie aber in Grundschulen mit 35 Schülern -- beispielsweise im sauerländischen Oesdorf oder in Dorfschulen wie in Wesseloh bei Soltau, wo die 1. Klasse noch ganze sieben, die 2. sechs und die 3. sieben Schüler hat, während die 4. bereits »ausgelagert« wurde -- ein »geordneter Schulbetrieb« erhalten werden soll, ohne in die überholte Zwergschul-Pädagogik zurückzufallen, war bislang kaum ein Thema. Niedersachsens Kultusminister Remmers zeigt immerhin eine »gewisse Genugtuung«, daß jetzt »durch die demographische Entwicklung Fragen offengelegt werden, die aus pädagogischen Gründen schon längst hätten gestellt werden müssen«. Und er stellt Versuche an.

Eine Arbeitsgruppe »Kleine Schule« entwickelt Modelle selbst für halbzügige Grundschulen wie in Adensen bei Hannover, wo rund fünfzig Schüler in nur zwei Klassen, je zwei Jahrgänge gemeinsam, sitzen. Danach sollen die Schüler, anders als in Zwergschulen, nur einen Teil ihres Unterrichts gemeinsam erhalten, den überwiegenden Teil aber getrennt nach Alter oder -- etwa beim Lesenlernen -- nach Lernfortschritten. Die Alternative große oder kleine Schulen »ist falsch«, erkannten Kultusplaner in Hannover schon jetzt, »weil in unserem Bildungssystem für beide Formen Bedarf besteht und Platz ist«.

Erst einmal sollten, meinen die Berliner Forscher, alle durch sinkende Schülerzahlen »freiwerdenden personellen Ressourcen« für eine intensive Fortbildung der Lehrer genutzt werden. Kleinere Klassen führten nämlich nicht automatisch zu besserem Unterricht. Die Lehrer müßten erst einmal lernen ihren Unterrichtsstil zu ändern.

Für den Frankfurter »Arbeitskreis Grundschule« hingegen sollten zuerst die organisatorischen Vorteile -»mehr Zeit der Lehrer für die Kinder« -- genutzt werden. Dann könne es gelingen, die Lernfähigkeit der Kinder auf spielerische und individuelle Weise zu erschließen, statt den Abc-Schützen durch zuviel abstrakte Wissenschaftlichkeit das Lernen zu vermiesen.

»Nie wieder sind Kinder so verschieden wie beim Beginn der Schulzeit«, sagt Professor Erwin Schwartz vom Arbeitskreis: »Da handelt es sich um individuelle Kinder, nachher nur noch um gleiche Schüler.«

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