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ITALIEN Bange vor Bayern

Der Mailänder Großverleger Rizzoli beteiligt angeblich rechte Financiers und Strauß-Freunde am »Corriere della Sera«.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Das Gerücht von der deutschen Offensive kam aus Rom. Der linke Verleger Carlo Caracciolo gab es nach Mailand weiter. Und sein vielgelesenes Wochenblatt »L'Espresso« posaunte es so hinaus, als ob es sich um erwiesene Facts handele: Der »Corriere della Sera«, die größte und einflußreicbste Tageszeitung des Landes, »wechselt den Besitzer«.

Denn hinter dem »Corriere«-Verleger Angelo Rizzoli, so hieß es, ständen seit kurzem konservative Geldgeber, darunter auch »eine Münchner Bank«, die dem CSU-Chef Strauß sehr gewogen sei.,, Dieser Rizzoli«, witzelte »L'Espresso"' »spricht neuerdings mit bayrischem Akzent.«

Schon der Gedanke, daß deutsche Kapitalisten das liberale italienische Renommierblatt fernsteuern könnten, erschreckte viele Bürger südlich des Brenner. Warnungen und Proteste folgten. So forderte der italienische Journalistenverband im Verein mit dem »Corriere«-Betriebsrat. Parlament und Regierung müßten eine ausländische Kapitalbeteiligung an dem Mailänder Unternehmen unbedingt verhindern.

Auch die Kommunistische Partei zeigte sich »sehr alarmiert«, denn die KPI fürchtet, die Verleger-Sippe Rizzoli werde unter dem Druck ihrer neuen Geldgeber den progressiven Kurs des »Corriere della Sera« (Auflage: 600 000) bremsen und das Blatt ins antikommunistische Lager steuern.

Zwar dementierten Vater Andrea und Sohn Angelo Rizzoli »kategorisch« alle Verkaufsgerüchte. Doch in der »Corriere«-Geschichte wurden auch früher schon die Verkäufe von Aktienpaketen bis zuletzt abgestritten.

Anfang Oktober erinnerte die Belegschaft des »Corriere della Sera« ihren Verleger besorgt an sein Versprechen, die Unabhängigkeit des Unternehmens zu bewahren und die »demokratische, antifaschistische und fortschrittliche Linie« der zahlreichen Rizzoli-Blätter beizubehalten.

Wenn die Rizzolis ins Gerede kamen, dann vor allem wegen ihrer Finanzpolitik. Der Medien-Konzern, zu dem außer Tageszeitungen und Illustrierten ("L'Europeo«, »Oggi") unter anderem ein bedeutender Buchverlag, der Fernsehsender »TIVU Malta« und eine Filmgesellschaft gehören, galt jahrelang als schwer verschuldet. Experten schätzten seine Bankverpflichtungen auf über 300 Millionen Mark.

Doch seit Juli dieses Jahres sprudelt plötzlich Geld: Der Verlag stockte sein Kapital auf, Angelo Rizzoli zahlte 59,4 Millionen Mark Schulden an Fiat-Boß Giovanni Agnelli, einen früheren Teilhaber des »Corriere«, und erwarb die Kontrollmehrheit bei der Bozener Zeitung »Alto Adige« sowie beim Triester Blatt »Il Piccolo«.

Branchen-Insider sind überzeugt, daß »der Jung-Verleger die nötigen Mittel, insgesamt rund 125 Millionen Mark, von christdemokratisch beherrschten Banken erhalten hat -- und daß er dafür einen politischen Preis zahlen muß. Der »Corriere della Sera"' betont etwa der Mailänder Presse-Experte Renzo di Rienzo, »soll nun dazu benutzt werden, den Vormarsch der Roten zu stoppen«.

Die Polemik um den angeblichen Verkauf des vor 101 Jahren gegründeten Bürgerblattes zeigt erneut, wie eng in Italien Presse-Entwicklungen mit parteipolitischen Manövern verquickt sind.

Der »Corriere della Sera« galt bis etwa 1972 als Sprachrohr des aufgeklärten, sehr unternehmerfreundlichen lombardischen Bürgertums. Dann übernahm Piero Ottone die Chefredaktion. Er pochte auf einen Journalismus »ohne ideologische Vorurteile« (Ottone). Deshalb räumte das Blatt etwa Berichten über die KPI und die marxistischen Gewerkschaften fortan wesentlich mehr Platz ein. Gleichzeitig prangerte der »Corriere« Skandale der regierenden Christdemokraten schärfer an und kämpfte mit Nachdruck für Reformen.

Ein Teil des lombardischen Bürgertums war über diese Wendung entsetzt, Es warf dem Blatt »filocomunismo«, Kommunisten-Freundlichkeit, vor.

Inwieweit der »Corriere della Sera« durch seine Berichterstattung den Vormarsch der Roten in Norditalien tatsächlich gefördert hat, steht dahin. Zweifellos aber stimmte er viele Bürger darauf ein, die Machtbeteiligung der KPI, also auch den »historischen Kompromiß« zwischen Christdemokraten und Kommunisten, als unvermeidlich anzusehen.

Diesen Kurs' fürchten die KPI und ihre Sympathisanten. könnte Rizzoli jetzt ändern. Das Parteiblatt »l'Unità"' das Kritik an der KPI gern mit »antidemokratischer Haltung« verwechselt, fragte: »Rückt der »Corriere' in das Lager der antidemokratischen Kräfte?«

Sicher ist, daß Rizzolis und Ottones Zeitung seit einigen Monaten wieder kritischer über die Kommunisten berichtet und daß dort Journalisten bürgerlicher Parteicouleur nun wieder mehr zu Wort kommen. Das Magazin Panorama«, vom Konkurrenzverlag Mondadori herausgegeben, verzeichnet gar »eine langsame Annäherung des »Corriere' an die Christdemokraten«. In der Branche gilt es als wahrscheinlich, daß Chefredakteur Ottone einem konservativen Mann Platz macht.

Angelo Rizzoli freilich weist Spekulationen über einen Rechtsruck zurück. Über seine Finanzquellen gibt er keine klare Auskunft, und das Gerücht über deutsche Geldgeber versuchte er mit einem Scherz abzutun. Rizzoli Ende September zu seinen Redakteuren: »Ich habe schlechte Nachrichten, meine Herren: Das nächste Gehalt wird nicht in D-Mark bezahlt.«

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