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»Barbarossa« einmal anders

Mit einer gewaltigen Streitmacht - 3,6 Millionen Soldaten, 3600 Panzern, 3400 Flugzeugen - überfiel Hitler-Deutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion. In dem fast vierjährigen brutalen Krieg verloren über drei Millionen deutsche und fast neun Millionen sowjetische Soldaten ihr Leben. Adolf Hitler hatte das Sowjetsystem völlig unterschätzt.
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 6/1996

Die Kriegswissenschaft, auch jene im Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr, treibt, 50 Jahre nach Kriegsende, neue Blüten. Zu einem Zeitpunkt, da die Bundeswehr zu einem möglichen Kampfeinsatz antritt, erzählen uns drei Bücher, eigentlich habe Hitler gar nicht die Sowjetunion überfallen, sondern Stalin sei der Kriegstreiber gewesen.

Qualität und Standpunkte der Bücher sind verschieden, aber alle drei versuchen, Hitler und sein »Reich« auf Kosten Stalins zu entlasten.

Wortführer ist der nach England emigrierte Sowjetgeheimdienstler Wladimir Resun, Pseudonym Viktor Suworow*, Jahrgang 1947, der sich wohl nach dem großen zaristischen Feldmarschall Alexander Suworow benennt. Wir lesen bei ihm: *___"Den endgültigen Entschluß, den Krieg zu beginnen, ____faßte Stalin am 19. August 1939«, vier Tage vor ____Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes in Moskau. An eben ____diesem 19. August 1939 habe Stalin beschlossen, den ____Krieg gegen Hitler am 6. Juli 1941 zu beginnen. *** Walter Post: »Unternehmen Barbarossa. _(Deutsche und sowjetische ) _(Angriffspläne 1940/41«. Verlag E. S. ) _(Mittler & Sohn, Hamburg/ Berlin/Bonn; ) _(452 Seiten; 58 Mark. ) ** Joachim Hoffmann: »Stalins Vernichtungs- _(krieg 1941-1945«. Verlag für ) _(Wehrwissenschaften, München; 356 Seiten; ) _(59,80 Mark. ) _(* Viktor Suworow: »Der Tag M«. ) _(Klett-Cotta, Stuttgart; 360 Seiten; 48 ) _(Mark. ) *___Demnach sei Hitler ohne sein Wissen nur knapp einem ____Präventivschlag entgangen. Unwissentlich sei er dem ____sowjetischen Diktator am 22. Juni 1941 um zwei Wochen ____zuvorgekommen.

Wir lesen bei Joachim Hoffmann**, Jahrgang 1930, ehemals Wissenschaftlicher Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Inhaber des Kulturpreises »General Andrej Andrejewitsch Wlassow« 1992: *___Die Belagerung Leningrads sei eine »völkerrechtlich ____zulässige Kriegsmaßnahme« gewesen, wohingegen der Opfer ____von Königsberg (Geburtsort des Autors) niemand mehr ____gedenke.

Der Leitende Archivdirektor des Bundesarchiv-Militärarchivs Manfred Kehrig, Jahrgang 1939, assistiert ihm in einem »Geleitwort": *___Es sei bisher im Westen nicht bekannt, daß Stalin ____"den Krieg gegen das Deutsche Reich als Vernichtungs- ____und Eroberungskrieg konzipiert und dann auch ____durchgeführt hat, so wie Hitler seinem Feldzug (!) ____gegen die Sowjetunion wesentlich rassenkämpferische ____Motive beimischte«. Nichts von Krieg, nichts von ____Eroberung, »beigemischt«, das klingt nach Clausewitz.

Schließlich schreibt der Münchner Dozent Walter Post***, Jahrgang 1954: *___Die Bezeichnung des Rußlandfeldzuges als ____"rassenideologischer Vernichtungskrieg« ist eine ____Interpretation der Geschichtsschreibung der ____Nachkriegszeit, die die ideologischen Aspekte stark ____überbewertet und die realpolitischen Motive der ____deutschen Führung vernachlässigt.

Man erfährt aus dem Post-Buch eine ganze Menge Instruktives, nur, der Autor ist entweder parteiisch - er lobt den fast unlesbaren Joachim Hoffmann -, oder er weiß nicht genug. Das Wort »heuchlerisch« wird man nur in Anwendung auf Sowjetmenschen finden.

Er spricht von britischer »Einkreisungspolitik«, der Begriff ist uns aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg geläufig. Hitlers Überfall auf Polen schreibt er weniger einer geplanten Aggression zu als dem englischen »Blankoscheck« für Polens Bestand und dem »Aufflammen des Streits um Danzig«; weiterhin den »zunehmenden polnischen Übergriffen gegen die deutsche Minderheit in Polen«. Daß die Nazis solche angeblichen Konflikte zu inszenieren wußten, hätte Post der Vorgeschichte des Münchner Abkommens entnehmen können.

Schließlich aber war es die Halsstarrigkeit der Warschauer Regierung, die Hitler in Zugzwang setzte. Ein wenig Nachsitzen in Geschichte könnte diesem Historiker nicht schaden. Hitler, laut Post, sah sich, sehr entgegen der Ansicht seines designierten Nachfolgers Göring, quasi dazu verurteilt, »die polnische Krise gewaltsam zu lösen«, die er selbst inszeniert hatte.

Die von den Konservativen geführte Regierung in London unter Neville Chamberlain wollte lieber das Sowjetreich mit Hilfe Hitlers eindämmen als den damals in seiner Vernichtungswut noch nicht erkannten Hitler auf Kosten Polens mit Hilfe Stalins. Wer damals schon bewußt gelebt hat, konnte das verstehen. Hitler galt in den Augen der Westmächte als ein Unglücksfall, Stalin auch von der Ideologie her als Katastrophe. Stalin wurde von beiden Seiten hofiert. Die bloße Vernunft gebot dem schematisch denkenden Herrn des Kreml die zeitweilige Zusammenarbeit mit Hitler.

Wäre Hitler, dieser auf Krieg erpichte Diktator, Überlegungen zugänglich gewesen, so hätte ihm klar sein müssen, daß er den Krieg an dem Tage verlieren würde, an dem er Polen angriff. Er bewegte sich aber, so Post, »im Rahmen der Denkgewohnheiten der deutschen Führung«. Richtig wäre die Aussage, daß er sich im Rahmen seiner eigenen Denkgewohnheiten bewegte, ohne solide Kriegsplanung, ohne fest umrissene Kriegsziele. Die Mehrheit der Berufsoffiziere folgte ihm besinnungslos.

Hoffmanns besonderes Anliegen ist es, die »bestialischen« Greuel der Sowjets ins hellste Licht zu rücken, ihre Indoktrinierung und weiter die terroristische Rolle der im Rücken der kämpfenden Armee postierten NKWD-Truppen.

Tatsache ist, beide Seiten haben in den ersten Wochen des »Barbarossa«-Krieges Gefangene nicht gemacht, sondern sie erschossen, wie seit langem durch den Briten Alexander Werth bekannt. Tatsache ist, daß der Ostminister Alfred Rosenberg sich bei Generalfeldmarschall Keitel schriftlich beschwerte, weil der Rüstungsindustrie des Reichs drei Millionen Kriegsgefangene durch absichtliche oder gleichgültige Schlechtbehandlung entzogen worden seien; offenbar war diese Klage großenteils berechtigt. Und wie soll man die Selbst-Indoktrinierung von Intellektuellen, etwa Goebbels und Speer, erklären? Von was lebte das Hitler-Regime denn sonst?

Es stimmt, Stalin hatte sich der Praktiken Friedrichs erinnert, daß der Soldat seine Vorgesetzten mehr fürchten müsse als den Feind. Aber war Leningrad etwa von NKWD-Truppen und nicht von Leningrader Patrioten verteidigt worden? Wurde Stalingrad nur durch NKWD-Terror vor Hitler gerettet? Es stimmt, daß die Rote Armee mehr verstümmelte als die Armee Hitlers. Aber die deutsche Vernichtungs- und Ausrottungsmaschinerie arbeitete systematischer und effektiver. Wenn Auschwitz überhaupt vorkommt, bei Joachim Hoffmann etwa, dann in apologetischer Absicht.

Kehrig fälscht nicht nur Stalin, sondern auch seinen Schützling Hoffmann. Stalin habe am 6. November 1941 befohlen, alle Deutschen ohne Unterschied totzuschlagen. Das hat er nicht. Er rief dazu auf, »alle Deutschen, die in das Gebiet unserer Heimat als Ockupanten eingedrungen sind, bis auf den letzten Mann zu vernichten«.

*** Walter Post: »Unternehmen Barbarossa. Deutsche und sowjetischeAngriffspläne 1940/41«. Verlag E. S. Mittler & Sohn, Hamburg/Berlin/Bonn; 452 Seiten; 58 Mark.** Joachim Hoffmann: »Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945«. Verlagfür Wehrwissenschaften, München; 356 Seiten; 59,80 Mark.* Viktor Suworow: »Der Tag M«. Klett-Cotta, Stuttgart; 360 Seiten;48 Mark.

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